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Rezension

Die Reisen des Francesco Tristano

11.10.2012 | 19:00 Uhr
Die Reisen des Francesco Tristano
Francesco TristanoFoto: Birgit Schweizer

Zu einer Reise von Buxtehude bis Bach lud Pianist und Komponist Francesco Tristano die Besucher des Konzerthauses am Mittwochabend ein. Das Ziel: seine eigenen, elektronisch angehauchten Kompositionen.

Um „den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Dieterich Buxtehuden zu behorchen“ (Biograf Nikolaus Forkel), machte sich der junge Johann Sebastian Bach 1705 auf einen beschwerlichen Weg. Die Reise führte ihn – „zu Fuße“ – von Arnstadt nach Lübeck.

Die Reise, auf der sich der junge Pianist Francesco Tristano befindet, führte ihn sowohl zu John Cage als auch zu Johann Sebastian Bach. Doch siehe da, jetzt ist auch Tristano bei Buxtehude angekommen. „Long Walk“, lange Reise, nennt er das und die CD, die daraus entstanden ist. Es ist auch eine Reise zurück zu sich selbst. Als kartografisch exakter Routenplaner ist das Programm, für das sich am Mittwoch ein eher kleines Publikum im Konzerthaus einfand, wohl nicht zu empfehlen.

Zunächst bewegt sich Tristano in vermeintlich gesichertem, erkennbarem Gelände. Buxtehudes „Aria con variazioni“ (BuxWV 250 „La Capricciosa“) interpretiert er als ein Melodienspieler, mit mal sehr hartem Griff, mal hauchzart. Der Komponist war also kein blutleerer Barockjünger, sondern voller Leben.

Dann Bachs „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) – wie wohltuend wohltemperiert durften sie dahinperlen! Hier aber beginnen für den Zuhörer, der wissen, nicht nur genießen will, auch die Unschlüssigkeiten. Was will ihm der Pianist mit seiner Auswahl der Variationen vermitteln? Der Abend, spürt man, steckt voller Querverweise und Musiktheoreme. Aber wie erkenne ich sie? Waren es nun Bach oder Buxtehude, deren Kopfsatz Tristano mit einer Flageolett-artigen Computerresonanz unterlegt? Und was ist die Voraussetzung, dass ausgerechnet in diesem Moment, aus diesen und nicht aus anderen gebrochenen Akkorden heraus das ganz Stück, der ganze Abend umschlagen darf?

Von nun an nimmt das Konzert nämlich einen Verlauf, bei dem nicht nur das Instrumentarium der Electronics zum Mitspieler wird – zunächst mit schweren, wankenden Schritten, wie die Pedallinie einer Orgel –, sondern sich auch das Innere des Flügels als Fundgrube für den Pianisten anbietet. Eine Operation am offenen Körper der Musik. Letztlich bewegt sich Tristanos Reise auf einen eigenen Musikstil zu. Da fließen Klassik, Jazz, Techno zu einer jagenden, maximalen Minimal Music zusammen.

Die Melodie, eingangs noch zelebriert, ist jetzt völlig verschwunden. Es ist die (nicht ganz) ewige ansteigende Wiederkehr eines einzigen rhythmischen Bausteins, den Tristano als „Rhythmus, der vom Balkan stammt“ beschreibt. Anders – der Rhythmus ist die Melodie.

Rainer Wanzelius

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Dortmund