Das aktuelle Wetter Dortmund 16°C
NSU-Prozess

Die Angst der Migranten in der Nordstadt nach den NSU-Morden

22.04.2013 | 07:00 Uhr
Elif Kubasik bei der Einweihung des Gedenksteines für ihren ermordeten Mann Mehmet. Anfang Mai beginnt in München der Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Die Morde der rechtsterroristischen NSU-Truppe haben die Migranten im Land zutiefst verunsichert. Auch in der Dortmunder Nordstadt, einem der Tatorte. Eine Spurensuche kurz bevor in München der Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe beginnt.

Noch immer liegen hier Blumen. Gelbe Nelken, rote und weiße Rosen. Liebevoll drapiert um den Namen Mehmet Kubasik. Rechts braust vierspurig der Verkehr auf der Mallinckrodtstraße vorbei, links verweigert sich Kubasiks früherer Kiosk mit herunter gelassenen Rollläden jedem Einblick. Wie ein Denkmal für jene acht Morde, die das deutsch-türkische Verhältnis nachhaltig veränderten. Auch in Dortmunds Nordstadt.

Er hatte ihn damals noch zehn Minuten vor seinem Tod gesehen, war am Kiosk vorbeigegangen, hatte ein „Guten Tag!“ hineingerufen. Mehmet Kubasik, erinnert sich Deniz, „war ein einfacher Familienvater, hatte nie Ärger, aber er ist trotzdem gestorben“. Fragt man ihn, den 34-jährigen Inhaber eines Cafés in der Dortmunder Nordstadt, so haben die NSU-Morde das Leben der türkischstämmigen Migranten drastisch verändert. „Jeder hat Angst, seitdem die acht Leute gestorben sind!“, sagt er.

Die Angst auf dem Nachhauseweg

„Zum Hafen“ steht auf der Leuchtreklame über seinem Café und erinnert an alte Zeiten, als Dortmunds Nordstadt noch überwiegend von deutschen Arbeitern bewohnt war. Heute leben hier viele Menschen von überall her. Türken neben Arabern neben Griechen und Libanesen. „Abends auf dem Nachhauseweg habe ich Angst. Aber auch davor, dass jemand einfach von der Straße in mein Café schießt“, sagt Deniz. Mit 16 Jahren kam er, ein Kurde, aus der Türkei. Nun würde er am liebsten zurück gehen, wenn er könnte. Wären da nicht die Kinder, die in Deutschland geboren sind.

„Deutscher!“ sagt Suat, sein Nachbar, vollmundig, als wir ihn auf seine Nationalität ansprechen. Und ergänzt dann lachend „Deutscher mit türkischer Herkunft!“ Suat wohnt in einer Seitengasse der Mallinckrodtstraße. Seit seinem neunten Lebensjahr lebt er in Deutschland. Nun, mit 43, fühlt auch er sich bedroht. „Die Rechten denken, wir nehmen ihnen die Arbeit weg. Sie wollen die Ausländer raus aus Deutschland haben. Die können ja gerne mal kommen und sich angucken wie wir arbeiten“, sagt er, der Lagerarbeiter. Viele seiner Landsleute, so erklärt Suat, denken, dass die NSU-Morde von der Regierung unterstützt worden seien. Schließlich habe es die V-Leute des Verfassungsschutzes in ihrer Szene gegeben. Und in Dortmund, das weiß hier jeder, gibt es eine ausgeprägte Neonazi-Szene.

Der Gedanke wegzugehen

Auch Suat spielt deshalb manchmal mit dem Gedanken wegzugehen. Doch wohin? „Deutschland ist viel mehr meine Heimat als die Türkei. Dort bin ich auch nur ein Ausländer“, sagt Suat. Und so bleibt er hier, in Dortmund, und mit ihm die Furcht vor einem Brandanschlag, die Sorge um seine Familie.

Gedenkfeier für die Opfer

Zurück auf der Mallinckrodt­straße, keine 50 Meter von Kubasiks Kiosk entfernt. Ein Tunesier, der seinen Namen nicht gedruckt sehen möchte, betreibt hier einen Gemüseladen. Auch er kannte Mehmet Kubasik. „Dieser Mord“, sagt der 43-Jährige, „tut hier allen Menschen leid. Und er wäre nie entdeckt worden, wenn nicht am Ende auch eine deutsche Polizistin erschossen worden wäre.“

Hakenkreuze am Schaufenster

Auch er spürt die Angst in der Nordstadt. Auch er lebt in Sorge, dass noch einmal etwas passiert. „Ich bin Vater, ich habe Familie. Und ich lasse meine Frau nicht gerne allein im Geschäft, wenn ich Dinge zu erledigen habe“, sagt er. Mehrfach schon seien Skinheads in seinen Laden gekommen, nach den Neonazi-Demos in der Stadt.

NSU-Prozess
Türkischer Vize-Premier glaubt nicht an gerechtes Urteil

Der türkische Vize-Premier kritisierte das Münchener Oberlandesgericht scharf. Einer Nachrichtenagentur sagte der Politiker, dass er kein gerechtes...

Er habe sie rausgeschmissen. Hakenkreuze seien ihm an die Schaufenster gemalt worden, die Reifen seines Autos zerstochen. „Die Polizei kann nicht viel machen. Am Ende bleibt nur eine Anzeige gegen Unbekannt“, erklärt der Gemüsehändler resigniert.

Es ist der Tag, an dem der Münchener NSU-Prozess um weitere drei Wochen verschoben wird. Sieben Jahre nun warten Elif und Gamze Kubasik, Ehefrau und Tochter des Opfers, schon auf den Prozessbeginn. Bis heute wohnen sie in der Nordstadt, ganz in der Nähe des Tatorts. Zwei Frauen, die in unglaublicher Anspannung auf die Klärung dieses Mordes warten. Die kurzfristige Verlegung des Prozess-Auftaktes, sagte ihr Berliner Anwalt Sebastian Scharmer, „habe sie in ein tiefes Loch fallen lassen“.

Hayke Lanwert

Funktionen
Fotos und Videos
Ferienspiele in Lütgendortmund
Bildgalerie
Fotostrecke
Oldtimer-Treff im Nahverkehrsmuseum
Bildgalerie
Fotostrecke
'Farbgefühle' auf der Galopprennbahn
Bildgalerie
Fotostrecke
DJ-Picknick im Fredenbaum
Bildgalerie
Fotostrecke
article
7864060
Die Angst der Migranten in der Nordstadt nach den NSU-Morden
Die Angst der Migranten in der Nordstadt nach den NSU-Morden
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/die-angst-der-migranten-id7864060.html
2013-04-22 07:00
NSU-Prozess,NSU,Dortmund,Nordstadt,Rechtsextremismus,Neonazi-Gruppierungen
Dortmund