Der brutale Sog in den Heiner-Müller-Kosmos

Es war als würde es Bomben hageln. Laute, schwere, düstere, groteske Eindrücke, gegen die sich kein Besucher wehren konnte. Uwe Schmieder, Schauspieler und Regisseur, zog die Besucher seiner zweiten Heiner Müller Factory auf brutale Weise hinein in die Welt der Dichtung des toten Dramatikers Müller.

Dortmund.. Das Institut am Schauspielhaus war voll und heiß. "Heiner Müller auf der Gegenschräge" hieß der Abend, bei dem Schmieder in die Rolle des nachtbehemdeten "Heinar Müllor" schlüpfte und Gäste empfing wie den stummen Countertenor Claus No-Mih (Niels Beck), Iossef Stahlin (Robert Adamek), den "Mörder aus dem Hühnergesicht" (Ekkehard Freye) und eine russische Offiziersfrau (Merle Wasmuth).

"Glücklose Engel"

Szenisch und zum großen Teil improvisiert, interpretierten die Schauspieler in dem komplett abgedunkelten Studio Textausschnitte aus Theaterwerken Müllers, seiner Prosa und Lyrik, in loser Reihenfolge, darstellend oder als Stimme aus dem Off. Meistens waren die Stirnlampen, die die Darsteller - unter anderem ein Teil des Dortmunder Sprechchores als "Chor der glücklosen Engel" - um die Hälse trugen, die einzigen Lichtquellen im Raum.

Zombiehaft, mechanisch

Was auf der Bühne passierte - den Zuschauerraum eingeschlossen - hatte etwas zombiehaftes, mechanisches: die leer geradeaus starrenden Engelschor-Mädchen in weißen Totengewändern, der wie ferngesteuert langsam mit Wasser und Streichhölzern auf dem Boden hantierende Claus No-Mih, eine jauchzende und etwas verrückt kichernde Offiziersfrau, die sich Zuschauern auf den Schoß setzt und den immergleichen Müller-Satz vor sich hinmurmelt: "Wo ist der Morgen den wir gestern sahen?"

Zur anschließenden Gesprächsrunde mit "Das Theater" (Alexander Kerlin) fanden sich keine Freiwilligen. Schmieders "Factory" ist erschlagend - und Heiner Müller lässt den Besucher danach nicht mehr los.