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Der Bankrott als historische Verpflichtung

19.11.2009 | 19:16 Uhr

Traditionen sind wichtig. Sie muss man bewahren – auch wenn man damit dem einen oder anderen Mitmenschen tierisch auf die Nerven geht. Nichts ist schlimmer, als wenn Brauchtümer in Vergessenheit geraten.

Das jährliche Absingen von Advents- und Weihnachtsliedern zur Begrüßung gerade der jüngeren Kollegen ist in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen, wie das Grünkohlessen der CDU und – hochaktuell – das Schulden machen.

Ja, richtig. Egal wo man sich bewegt: In der eigenen Stadt, im Land oder wer es sich noch leisten kann, im Bund, muss höllisch aufpassen, nicht vor einen Schuldenberg zu laufen oder in Haushaltslöcher zu stürzen. Nehmen Sie unsere Kanzlerin. Vor der Wahl bemühte Angela Merkel stets das Bild der schwäbischen Hausfrau. Sie sollten sich alle Deutschen zum Vorbild nehmen, da sie nämlich nicht mehr Geld ausgebe, als sie im Portemonnaie habe. Nach der Wahl, als die schwarz-gelbe Regierung beschlossen hat, das Land bis zum letzten Tag in die roten Zahlen zu jagen, ließ die Physikerin dann wissen, dass auch die schwäbische Hausfrau notfalls Schulden aufnehme, um Medikamente zu kaufen, falls ihre Familie krank sei. Ein Aufschrei der Entrüstung hallte durch Möbelhäuser und Elektrofachmärkte. Neue Schulden? Unerhört!

Ich kann die Empörung nicht verstehen. Ein Flachbild-Fernseher plus neue Couch hier, ein neues Auto da und ein paar Botox-Behandlungen sind auch noch drin. Ratenzahlung macht's möglich. Jeder macht Schulden, bis es kracht. Das war schon immer so. Ein Blick in die Chronik dieser Stadt zeigt, dass Dortmund bis auf wenige Ausnahmen eigentlich immer einen schwarzen Kuckuck auf dem Rathaus kleben hatte. Der Bankrott hat Tradition. Im Jahr 1400 hatte sich Dortmund zwar erfolgreich gegen eine Belagerung gewehrt, dabei aber so viel Schulden aufgehäuft, dass selbst den Gebrüdern Lehman feucht um die Augen geworden wäre. Nur im Gegensatz zu heute, wo die Bevölkerung den Verantwortlichen für das Millionen-Haushaltsloch schlimmstenfalls Leserbriefe entgegenwirft, wusste der Dortmunder des Mittelalters, was zu tun war. Die Bürger sperrten die Ratsmitglieder allesamt in die Türme der Stadt und zwangen sie, einen neuen Rat einzuberufen. Obendrein steckten sie jeweils zwei Ratsherren zusammen, die sich nicht riechen konnten. Man stelle sich vor: der Grüne Mario Krüger und Annette Littmann von der FDP müssten sich mehrere Tage eine Zelle teilen....Übrigens, frei kamen die Insassen damals, indem sie pro Nase 6000 Gulden zahlten. Ein Modell, das heute wenigstens diskutiert werden sollte.

Gregor Boldt

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