Das „U” als zweite Dortmunder Identität
30.05.2010 | 17:33 Uhr 2010-05-30T17:33:00+0200
Dortmund. Nach der ofiziellen Teileröffnung am Freitag ist der U-Turm seit Samstag auch für die Öffentlichkeit zugänglich - dienstags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr. 3000 Besucher nutzten am ersten Tag die Chance, sich ihr eigenes Bild zu machen.
„Ein bisschen irritierend ist die Baustelle schon. Und sie lenkt auch ein wenig von der Kunst ab.” Atila und seine Freunde, Studenten an der Ruhr Uni Bochum, waren mit dieser Meinung am Samstag nicht allein.
Während draußen die Bilderuhr von Adolf Winkelmann für Begeisterung sorgte, kehrte drinnen doch Ernüchterung ein. „Mehr als eine freigegebene Baustelle ist das noch nicht und auch, was hier an Kunst zu sehen ist, zielt wohl eher auf ein jüngeres Publikum. Das wird noch etwas ganz anderes, wenn erst das Ostwall-Museum eingezogen ist”, meinte zum Beispiel Besucher Norbert Baack.
Kein abschließendes Bild möglich, also wird das diskutiert, was schon zu sehen ist. Thema Nummer 1: Hätte die Identität der ehemaligen Bier-Produktionsstätte erhalten werden sollen? Der Kunstinteressierten Sabine Pakulat wäre das lieber gewesen: „Auf einer weißen Wand wirkt jedes Bild. Es wäre schon spannend gewesen zu sehen, welche Kunst sich in einem weniger neutralen Ambiente durchsetzt.”
Geld bewegt die Gemüter
Die meisten stehen aber auf dem Standpunkt, dass man nicht aus allem ein Industriedenkmal machen muss: „Davon haben wir doch wirklich genug.” Auch Geld bewegt die Gemüter: „Was er für die 43 Millionen dann alles nicht und für die Betriebskosten nicht mehr macht, muss der Kulturdezernent wissen”, meinen Volker Schäfer und Nicole Hartmann. Trotzdem sei es schön, dass Dortmund die Chance bekäme, neben dem BVB auch eine andere Identität zu entwickeln.
Findet auch Jürgen Huber, der für eine Kulturtagung aus Regensburg kam und die Gelegenheit nutzte, sich den U-Turm anzusehen: „Die Möglichkeiten des Strukturwandels sind nun sehr begrenzte und Dortmund steht nicht allein vor diesem Problem. Die Kreativwirtschaft ist auch von anderen als Chance erkannt worden, der Markt entsprechend umkämpft. Wenn es einem also ernst ist, muss man den Mut haben ein Zeichen zu setzten: Der U-Turm ist eine Landmarke in diesem Segment.”
09:58
Das Dortmunder U ist einer der Leuchttürme des Ex-OB Dr Langemeyer. Als Kunsthistoriker hatte der eben viel für Kultur übrig, koste es was es wolle.
Natürlich war der Erfinder des Dortmunder U, Dr Langemeyer, nicht zur Eröffnung eingeladen. Er ist ja bei der SPD in Ungnade verfallen. Das ist zur Zeit auch leicht: man muß sich nur neben die Falschen stellen.
Zu viele überteuerte Projekte hat Dr Langemeyer als OB begonnen, die nun der Stadt und der SPD wie Klötze am Bein hängen. Die SPD weiß wohl, daß sie mit den Leuchttürmen wie dem U die Breitenarbeit vernachlässigt, bzw das dafür nun kein Geld mehr da ist.
Es scheint zur Zeit auch mehr das Motto: Augen zu und durch zu herrschen. Helfen wird es aber nicht. Es stehen klare Entscheidungen an: Entweder teure Leuchttürme für wenige finanzieren oder das Geld in Bildung und Zukunft für viele stecken.
09:19
Das U als zweite Dortmunder Identität.
Es wird sich ja zeigen, ob dieses Projekt dazu führen wird, daß mal jemand sagen wird : Ich bin ein Dortmunder! .
Als würde es Dortmund erst seit dem U geben.. Wenn sehr viel Geld immer nur in einzelne Prestigeobjekte fließen und dafür weniger Flächenarbeit betrieben wird, muß man sich wohl Gedanken über das Verhältnisvon Identität und Realität in Dortmund machen..
00:16
Die Agenturverträge sehen eben nicht so aus, dass die Arbeiten exklusiv von der Agentur bearbeitet werden müssen. Und auch Dax 30 Unternehmen konsolidieren im Moment den Markt.
Wer den Pitch produziert ist erstmal unerheblich... ;-)
Stellen bei MagenTa für NRW
im Kreativbereich ohne Leitende Funktion: 3 (Bonn)
im Marketing, Vertrieb - also eher BWL: derzeit 42 (inkl. CallCenter)
davon ein Drittel über die hauseigene Zeitarbeitsfirma Vivento Interim Services. Eigentlich alles in Bonn.
Wer es nachprüfen will: http://www.telekom.com/dtag/cms/content/dt/de/28010
Wer betriebswirtschaftliches Marketing und Design studiert hat, kommt derzeit gut klar - das ist richtig.
Aber in NRW haben wir derzeit rund 14.000 Arbeit suchende Mediengestalter und Designer, die sich wie Vogelfreie auf dem Markt bewegen. Eine Ausbildung alleine als Mediendesigner ist schlichtweg nichts (mehr) wert.
Auf eine ausgeschriebene Stelle als Mediengestalter an der Ruhr-Uni kamen über 1100 Bewerbungen. Für eine Stelle, die nach TV-L Stufe 5 bezahlt wird. Das sind derzeit 1855 EUR für Vollzeit im ersten Jahr. Das ist nicht wenig für den Markt, aber auch nicht viel.
Das ist das einzige, was derzeit Arbeit schafft. (und das auch nur in den Personalabteilungen)
00:00
gottseidank haben neinsager berufspessimisten und panikmacher nicht die oberhand in dortmund, dann würden wir noch in höhlen leben.
23:12
@ppaula
?? Nein, wohl kaum. Dax-30-Konzerne haben in der Regel einen Agenturpool in den man nicht so ohne weiteres hereinkommt. Dort bestimmen Rahmenverträge das Miteinander. Und Pitches werden bestimmt nicht über MyHammer vergeben, das macht kein Konzerneinkauf mit.
Und was die Arbeitsmarktsituation angeht... der Konzern mit dem magenta T etwa hat derzeit - allein in NRW - mehr als 100 offene Stellen für Designer und Kreative. Die wirklich Guten sind am Markt extrem gefragt und können sich über nette Gehälter freuen.
22:39
Der Eindruck der Baustelle täuscht nicht. Ernüchternd muss man feststellen: Das U ist noch eine einzige große Baustelle, die vermutlich noch viel Geld verschlingen wird.
Die Eröffnung im Rohbauzustand ist letztlich nur der Angst vor einem Gesichtsverlust geschuldet - koste es offensichtlich, was es wolle.
Die hochgelobte Kreativwirtschaft ist auch noch nicht präsent, wie denn auch. Und der Begriff Wirtschaft ist, wie @1 ppaula es bereits ausführte, mehr als irreführend. Das sind allenfalls Dienstleistungen, die sich eine Gesellschaft dann erlauben kann, wenn sie mit anderen Produkten und Wertschöpfungsprozessen Werte bzw Geld erwirtschaftet - oder schnöde gesagt - sich erarbeitet.
Deutschland, und auch Dortmund, lebt seit längerer Zeit nur vom Bestand und zunehmend auf Kredit. Das dies auf Dauer nicht gutgehen kann, sollte auch klar sein. Zumindest so kreativ sollten die wenigen Schlauen noch denken können. Aber die denken wahrscheinlich: Nach uns die Sintflut und feiern sich und ihresgleichen gerne in ihrem neuen und teuren Kulturtempel.
21:55
Kreativwirtschaft, super Kreativwirtschaft...
Eigentlich ist das ziemlich traurig. Dortmund stand mal mittendrin in der Wertschöpfungskette. Nun gibt es hier immer weniger produzierendes und weiterverarbeitendes Gewerbe.
Die Kreativwirtschaft ist von eben dieser Wertschöpfungskette völlig losgelöst und kann deshalb auch nicht wachsen. Wir haben jetzt schon einen Überhang an Mediegestaltern und Kreativen, wie es ihn bei den Juristen z.B. nie gab.
Wir entlassen Absolventen dieser Studien- und Ausbildungsgänge in eine Realität, die sie schlichtweg in die Arbeitslosigkeit oder ein perverses, freiberufliches Lohndumping ohne Kranken- und Sozialversicherung entlässt.
Wenn große Konzerne wie zum Beispiel Mercedes oder Porsche und deren große Werbeagenturen Teilaufträge an Subunternehmer via MyHammer und Co. für 7,00 EUR inkl. 19% USt. pro Stunde vergeben, dann leuchtet es ganz schnell ein, welchen Weg die Kreativwirtschaft in Deutschland in Zukunft gehen wird.
Die Szene streitet sich jetzt schon, ob Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf oder Berlin das Kreativzentrum Deutschlands sein soll. Da kann das U bis in den babylonischen Himmel wachsen und es wird nicht im Ansatz das Bewirken, was manche in Dortmund (und die Immobilienspekulanten in England) tagträumen.
Das Prinzip von Angebot und Nachfrage greift nirgendwo so brutal, wie im Dienstleistungssektor.
Gute Nacht!