Das Kopftuch spaltet die Geister

Eine Frau mit Kopftuch geht mit einem Handy telefonierend  über die Straße. Mit großen Schritten geht die Integration weiter.                                                                                                                          Foto: Andreas Mangen
Eine Frau mit Kopftuch geht mit einem Handy telefonierend über die Straße. Mit großen Schritten geht die Integration weiter. Foto: Andreas Mangen
Foto: A.Mangen / waz

Dortmund.. Zwangsheirat, Kopftuch, Ehre und Gewalt sind Stichworte in der Diskussion über die „Integrationsunwilligkeit“ muslimischer Migranten. In seinem neuen Buch lässt Prof. Dr. Ahmet Toprak diese Gruppe selbst zu Wort kommen – mit überraschenden Ergebnissen.

Für die Studie „Integrationsunwillige Muslime?“ interviewte der Professor vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund in den Großstädten Berlin, Dortmund und München 124 Menschen mit Migrationshintergrund zwischen 15 und 74 Jahren, unter anderem aus Kulturvereinen, Jugendzentren, Schulen, Frauengruppen oder Anti-Aggressionstrainings.

Ziel dieser Studie: Sind Muslime wirklich integrationsunwillig? Im Gegensatz zur deutschen Debatte, die das Kopftuch grundsätzlich als Zeichen für die Unterdrückung der Frau wertet, ergab Topraks Studie, dass muslimische Frauen sehr viel differenziertere Motive haben. Bei vielen seiner Interviewpartnerinnen, so Toprak, sei eine innere Unsicherheit und Zerrissenheit in Bezug auf das Kopftuch spürbar gewesen. Es gebe Frauen, die sich als einzige in der Familie ganz bewusst und aus religiösen Motiven für ein Kopftuch entscheiden.

Andere seien zum Kopftuch nicht gezwungen, aber dahingehend über Jahre hinweg sozialisiert worden. Toprak: „Das Tragen des Kopftuchs bei Mädchen unter 14 Jahren kann keinesfalls eine freie Willensentscheidung sein.“

Zwangsverheiratung wird von einem Großteil der Befragten entschieden abgelehnt. Das Thema „Zwangsehe“ stellt sich indes komplex und mit überraschenden Facetten dar: „Eine arrangierte Ehe ist nicht gleichbedeutend mit Zwangsheirat“, sagt der Soziologe. Arrangierte Ehen, die von einer Mehrheit vorgezogen werden, beruhen häufig auf dem Wunsch, Familienbündnisse durch Heirat zu besiegeln.

Bei einer Zwangsverheiratung spielen dagegen soziale Komponenten und wirtschaftliche Interessen eine Rolle: Zwangsverheiratung gebe es häufig, um „Heiratsmigration“ zu ermöglichen und sei Antwort auf die eingeschränkten Zuzugsmöglichkeiten.

Der Begriff der Ehre, so Toprak, stamme als Wert aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert, als Männer für den Schutz der Frau verantwortlich waren. Die Studie zeigt, dass es vor allem Männer mit wenig Einfluss und Prestige sind, die heute „über die Kontrolle der Frauen ihre Macht demonstrieren wollen, das heißt, die Verteidigung der Ehre wird zu einer Machtoption für Männer“.

Beim Phänomen des Ehrenmordes zeige sich, so Toprak, dass die Hälfte aller Ehrenmorde zwischen 1994 und 2005 eigentlich keine sind. Die Täter geben als Motiv zwar die Ehre an, eine genauere Analyse zeige aber, dass persönliche Motive wie Eifersucht, Missbrauch, Minderwertigkeitskomplexe oder Macht eine wichtigere Rolle spielen.

Die fehlende Integrationsbereitschaft in Teilen der muslimischen Gemeinde wird aus Sicht der Migranten mit den schlechten Grundbedingungen in Deutschland oder mit persönlichen Misserfolgen beispielsweise im Bereich Bildung begründet. Toprak: „Der Rückzug in die eigenethnischen Milieus erfolgt, weil eine immer größer werdende Minderheit sich in Deutschland wirtschaftlich, sozial und bildungspolitisch abgehängt fühlt.“