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BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit

13.11.2012 | 13:03 Uhr
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
Jens Pascal ist im Alter von neun Jahren einem Gehirntumor erlegen.Foto: WR

Essen.   Die Debatte über ein BVB-Logo auf dem Grabstein eines Neunjährigen in Dortmund sorgt für Wogen der Entrüstung. Vor allem die Kirchengemeinde steht in der Kritik, weil sie den Stein ablehnt. Der Konflikt steht auch für ein Zeitphänomen.

Ein kleiner Junge möchte als letzten Wunsch das BVB-Logo auf seinem Grabstein haben . Doch die Eltern stoßen beim Versuch, ihr Versprechen einzulösen, auf Widerstand der Kirche, die den Friedhof unterhält. Es ist nachvollziehbar, dass der Bericht über den Fall des kleinen Jens Pascal  in Dortmund, der BVB-Fan war und an einem Gehirntumor gestorben ist, für Entrüstung sorgt. Auf Vermittlung der zur WAZ-Gruppe gehörenden Westfälischen Rundschau wurde am 13. November ein Kompromiss erzielt. Dennoch bleibt: Die Eltern haben ihr Kind verloren. Es würde ihnen Halt geben, ihrem Sohn den letzten Wunsch zu erfüllen. Darf man ihnen das verweigern?

Das Logo eines Fußballvereins auf einem Grabstein wäre beileibe keine Premiere auf hiesigen Friedhöfen. Aber muss man der Kirchen-Gemeinde, auf deren Friedhof Jens Pascal bestattet wurde, tatsächlich Hartleibigkeit vorwerfen, weil sie den Grabstein ablehnt?

Man kann den Disput zwischen der Familie und der Kirchengemeinde auch anders betrachten. Nicht der BVB, Grabsteine, trauernde Eltern oder die Kirche sind dabei das Thema, sondern ein Zeitphänomen: Maßlosigkeit. Alles muss möglich sein, am besten sofort. Sonst entsteht ein kollektiver Shitstorm.

Grenzen akzeptieren, nicht niederreißen

Wer akzeptiert heute eigentlich noch (gerne) Regeln? Wem fällt es leicht, sich einer vorgegebenen Ordnung zu fügen? Die Straßenbahn hält - erstmal rein drängen, Hauptsache ich finde schnell einen Sitzplatz! Die Ampel zeigt rot? Da muss ich mich als Radfahrer doch nicht dran halten! Die Polizei macht einen Blitzmarathon? Ich als Autofahrer brandmarke das als Abzocke! Ich trete jemandem auf den Fuß - wieso muss ich mich da entschuldigen, es war doch nicht mein Fuß der im Weg stand? Eine Meinung im Internet gefällt mir nicht? Ich kommentiere das und greife den Verfasser persönlich an, wieso sollte ich mich mäßigen?

Um nun nach Dortmund zu blicken: Nichts spricht dagegen, dass eine Kirchengemeinde mal ihre Statuten überarbeitet. Aber es spricht auch nichts dagegen, dass jemand, der mit einem Vorhaben auf Widerstand stößt, bereit sein sollte, sein Ansinnen sachlich und konstruktiv zu überdenken.Muss es denn genau dieser Grabstein-Entwurf sein?

Durchatmen, zur Ruhe kommen und dann das Gespräch suchen und - mit Blick auf die Gemeinde - ein Gespräch zulassen: Nur das kann in dem Konflikt um das Grab des kleinen Jens Pascal der Weg zu einer Lösung sein. Bleibt die Frage, ob das BVB-Logo tatsächlich noch auf den Grabstein muss. Angesichts der medialen Aufmerksamkeit ist die Vereinsliebe des kleinen Dortmunders wohl bis in alle Ewigkeit belegt; das Internet, so heißt es ja, vergisst nie.

Kommentar pro BVB-Grabstein

 

Dagobert Ernst



Kommentare
27.11.2012
22:20
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von Karlon | #11

Habe mich hierfür mal registriert.
Ich bin erst gerade auf diese Geschichte aufmerksam geworden. Beim lesen Ihres Contra Kommentars ist mir aber aufgefallen, dass der mit der Sache gar nichts zu tun hat.
Die Haltung der kirchlichen Bedenkenträger hier ist nicht zu verteidigen, nicht mit der Rechtsprechung vereinbar und selbst die Begründung der Kriche, das Logo entspreche nicht der christlichen Religion offensichtlich unsinnig ist (hier wird sich von kirchlicher Seite also nicht an die "Regeln" gehalten, von denen Sie reden). Deshalb machen Sie einfach einen Nebenkriegsschauplatz auf, der so voll mit Allgemeinheiten ist, dass man ihn schlecht widersprechen kann. Das jemand Maßlosigekeit verteidigen würde ist sehr unwahrscheinlich. Aber warum diese Bitte des Jungen überhaupt maßlos ist, darauf wird gar nicht eingegangen. Genausogut könnte man sagen, die Kriche handelt maßlos, weil sie den Eltern und dem Kind einen einfachen Wunsch verbieten, der niemandem weh tut.

14.11.2012
19:45
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von Rentner4rr | #10

ein Friedhof soll doch ein Friedhof bleiben
und kein Müllplatz für Fanartikel
der nächste der kommt will auf sein Grabstein
eingemeißelt haben wie Klaus Fischer sein
Fallrückzieher fabriziert hat

14.11.2012
11:12
Krude Argumentation
von dave_o | #9

Lieber Herr Ernst,

im Grundsatz stimme ich mit Ihnen überein, ihre Argumentation ist allerdings reichlich abwegig. Den Wunsch von Eltern, ihrem verstorbenen Kind den letzten Wunsch zu ermöglichen, mit so ziemlich allen Verfehlungen im Alltag in Verbindung zu bringen, finde ich schon reichlich gewagt. Ich würde hier nicht von Maßlosigkeit sprechen, sondern von fehlendem Taktgefühl. Fakt ist: Die Eltern sind nicht in der Kirche, zahlen keine Kirchensteuer, haben sich wahrscheinlich nie für eine Religion interessiert. Trotzdem soll die Kirche dem Sonderwunsch der Familie nachkommen und eine Ausnahme machen.

14.11.2012
04:55
@lauiman | #6
von vaikl2 | #8

Ich frage mich, ob es dem sterbenskranken Jens mit seinem Wunsch nach einem BvB-Bezug auf seinem Grabstein nicht völlig egal war, ob da noch ein christliches Symbol mit drauf kommt. Auch wenn es sein ureigendster Wunsch war, an der Schloßstr. auf diesem beschaulichen Friedhof beerdigt zu werden - was ich angesichts der Lage absolut verstehen könnte, weil es eine wirklich noch offene Lage ist - glaube ich nicht, dass ihm dieser Medienhype um ein paar Symbole recht war und er sich damit arrangieren hätte können.

Im Gegensatz zu den selbsternannten "Gerechtigkeitshütern" und Moralaposteln hier, die ihre Kleingeistig-, Bildungs- und Hilflosigkeit gegenüber den ach-so-übermächtigen Religionen durch permanent-anonymes Bashing ausdrücken müssen.

13.11.2012
19:00
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von NichtnurMainstream | #7

Der Einzelfall mag gerne zugunsten der Eltern entschieden werden - eine Regel sollte man daraus nicht ableiten. Eine Religion macht sich zum Konsumartikel, wenn sie sogar die zentralen Stätten des Totengedenkens zum Merchandising-Artikel degradiert. V.a. wird hier ein Fußballverein maßlos überhöht - wo es um Leben und Tod (und den Glauben an die Auferstehung) geht, ist ein Fußballemblem beinahe schon Götzendienst. Überhöhug von etwas, was weltlich und vergänglich ist. Fehlen nur noch Fußballfriedhöfe - dann ist die Maßlosigkeit vollkommen. Willkommen im Europa der Aufklärung...

2 Antworten
Fan-Friedhof
von stefanw2468 | #7-1

Auf Schalke wird es tatsächlich bald einen Fan-Friedhof geben. In Form eines Stadions. Wenn´s jemandem Halt gäbe: Schön wär´s ...

BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von tdr1803 | #7-2

Glauben Sie wirklich, der junge Mensch hat mit einem seiner letzten Wünsche in der Kategorie Merchandising gedacht ?
Hier versuchen Sie doch nur Gefühle und Wünsche anderer Menschen in Ihr Schema zu pressen.

13.11.2012
16:15
Sein letzter Wille ?
von lauiman | #6

Generell sollte der letzte Wille einer Person möglich gemacht werden.
Ich frage mich jedoch, wie ein sterbenskranker 9-jähriger einen letzten Willen verfassen möchte/will, oder aber ob diese Diskussion auf einer gewissen Engstirnigkeit der Eltern - womöglich auch BVB "Fans" - fußt ?
Solange das Emblem nicht groß in schwarz/gelb auf einem Grabstein prangt, sondern ähnlich der Schrift nur dreidimensional eingeabeitet wird, sollte sich niemand daran stören.

13.11.2012
16:05
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von RennYuppieRenn | #5

Wer hat denn den Shitstorm erst heraufbeschworen? Würden Sie nicht so beherzt jedem Querulanten eine Bühne bieten... Jeder in dieser Gesellschaft denkt, er sei irgendwie etwas besonderes. Falsch, ihr seid alle nur Arbeiterameisen, Konsumenten, Humankapital, eine Zahl in einem Computer. Jeder von euch könnte durch einen Chinesen ersetzt werden. Und der wäre auch noch günstiger. Ein Kind zu verlieren ist sicher mit das Schlimmste, was einem passieren kann. Aber wahrscheinlich geht es ihm dort, wo er jetzt ist besser, als zuletzt hier. Und darin sollten die Eltern Trost finden und nicht in einem materiellen blöden Stein. Die Disneyfizierung der Trauer sollte ein Ende haben.

13.11.2012
15:20
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von Pampersbomber | #4

Als Schalker, würde ich mich freuen wenn da ein Kompromiss gefunden werden könnte.
Vielleicht könnte man den BVB-Grabstein mit einem "christlichen Grabstein" kombinieren?
Vielleicht sollten sich Kirche, Stadt, Familie ja vielleicht auch der BVB mal an einen Tisch setzen. Für andere Kulturen wird soviel ermöglicht, für einen aus dem Leben gerissenen 9-Jährigen BVB-Fan nicht?
Vielleicht könnte sich das Bistum Paderborn dort mal vermittelnd einschalten?
Leider hört man von der Kirche nichts gutes mehr (Missbrauch, etc.), da wäre dies wohl die Chance wieder bei den Menschen wahrgenommen zu werden. Vielleicht sogar die größte Chance in nächster Zeit.
Viele "Vielleicht" also viele Möglichkeiten?
Ein "Heja BVB" an Pascal.

13.11.2012
15:05
BVB-Grabstein — ein Fall von Maßlosigkeit
von Ophiel_Essen | #3

Es stimmt einen traurig, wie wenig Respekt die Kirche dem Wunsch eines Verstorbenen entgegenbringt. Mit christlicher Nächstenliebe speziell gegenüber den Eltern ist dies nicht vereinbar

13.11.2012
14:30
BVB-Grabstein - ein Fall von Maßlosigkeit
von Vatta | #2

Sehr geehrter Herr Ernst,

eines vorweg: Ich bin BVB-Fan und würde mich freuen, wenn dem Jungen sein Wunsch erfüllt werden könnte. Also ich bin pro-BVB-Grabstein.

Aber Ihre Ansichten zu den Merkmalen unserer derzeitigen Gesellschaft und ihrer Ich-Kultur sprechen mir aus der Seele. Sie haben mit wenigen Zeilen den Nagel auf dem Kopf getroffen.

Eines noch zum Thema Meinung der anderen: Die Meinung eines anderen zu kommentieren oder auch streitbar auszudiskutieren halte ich für eine unabdingbare Grundlage der Demokratie. Diese wird jedoch von nahezu allen mit Füßen getreten. Jeder der als Querdenker oder meinetwegen Andersdenker in Erscheinung tritt wird, von wem auch immer, in eine Schublade gesetzt. Etwas Krititk am Blitzermarathon und man wird als Kindermordender Raser abstempelt. Ein Hauch von Kritik an unseren Migranten und schon steht man in der rechtspopulistischen Ecke. Wenn wir wirklich alle so aufgeklärt sind, sollten wir anders denkenden mehr Gehör geben.

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