Dortmund

BVB-Fans setzten Zeichen gegen Rechts

Foto: Stefan Reinke
Was wir bereits wissen
Die Fans von Borussia Dortmund haben vor und nach der Partie gegen Hannover 96 ein Zeichen gegen Rechts gesetzt. Vor dem Anpfiff zeigten sie Spruchbänder und kleine Choreografien mit einer klaren Aussage: "Nazis raus!". Am Sonntag gedachten BVB-Fans des von den Nazis ermordeten Julius Hirsch.

Dortmund. Zahlreiche Fans von Borussia Dortmund haben sich vor dem Spiel gegen Hannover 96 am Samstag (3:1) deutlich von Neonazis in ihren Reihen distanziert. Beim Champions-League-Spiel in Donezk war es zu Übergriffen von Rechten auf den BVB-Fanbeauftragten Jens Volke und Thilo Danielsmeyer vom Fanprojekt gekommen. Als die Borussia kurz darauf zu Hause gegen Frankfurt spielte, waren im Stadion keinerlei Bekundungen gegen Neonazis zu sehen. Es folgtenDas war nun anders.

Der Fanclub Howitown aus Holzwickede zeigte mit einer kleinen Choreografie "Rechts die rote Karte", Rollstuhlfahrer bekannten "Rollis gegen Rechts", woanders hieß es schlicht: "Nazis raus!". Die Ultra-Gruppe "Desperados" mahnte "Hände weg vom Fanprojekt", während die "JuBos", ebenfalls eine Ultra-Gruppe,den Angegriffenen von Donezk den Rücken stärkte: "Jens und Thilo, wir stehen hinter euch!" Andere Fans zeigten hoch oben auf der Südtribüne "Solidarität mit Jens und Thilo".

"Das hat Thilo und mir total gut getan", so Jens Volke, der im Vorfeld nicht geahnt hatte, welches Ausmaß die Solidaritätsbekundungen im Stadion annehmen würden. "Ich wusste, dass ein Fanclub etwas plant", sagt Volke. Thilo Danielsmeyer hofft auf den Langzeiteffekt der Aktion: "Die Rechten dürfen sich im Stadion nicht wohlfühlen."

Gedenken an jüdischen Pionier Julius Hirsch

Am Sonntag luden unter Anderen die BVB-Fanabteilung und das Fan-Projekt Dortmund zu einer Gedenkstunde für den von den Nazis ermordeten jüdischen Fußballer Julius Hirsch am ehemaligen Dortmunder Südbahnhof. BVB-Archivar Gerd Kolbe pries Hirsch als "wichtigen deutschen Fußballpionier". Hirsch war deutscher Nationalspieler und Olympia-Teilnehmer und wurde mit dem Karlsruher FV und der SpVgg. Fürth Deutscher Meister. Er war eine der prägenden Figuren in den Anfangstagen des Fußballs in Deutschland. "Das Gedenken an Hirsch berührt uns emotional", so Kolbe. Zumal die einzige Verbindung Hirschs zu Dortmund eine traurige sei: Das letzte Lebenszeichen Hirschs ist eine Postkarte an seine Tochter Esther - abgestempelt am 3. März 1943 in Dortmund. Die Karte hatte Hirsch offenbar während der Deportation nach Auschwitz aus dem Zug geworfen. Da es in Auschwitz keine Aufzeichnungen gibt, die Hirschs Aufnahme ins Lager dokumentieren, sei davon auszugehen, dass er sofort ins Gas getrieben worden sei.

Kolbe erinnerte daran, dass viele Gründerväter des deutschen Fußballs Juden gewesen waren, so auch der Dortmunder Bildhauer Benno Elkan, der den ersten Fußballverein der Stadt und auch den FC Bayern München mitgegründet hatte.

Sierau erinnerte an aus Dortmund deportierte Juden

Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau wies auf die traurige Rolle der Stadt bei der Deportation von Juden in die Vernichtungslager hin. Ab 1942 seien Menschen vom Südbahnhof deportiert worden, allein aus dem Regierungsbezirk 4500 Juden. Die Gesamtzahl der über Dortmund Deportierten sei unbekannt. "Wenn jemand ein solches Schicksal erleiden muss, ist er einer von uns", so Sierau.

In einer Grußbotschaft dankte Andreas Hirsch, Enkel von Julius Hirsch, den Dortmundern für die Gedenkveranstaltung. "Liebe Dortmunder, Sie machen unser Land menschlicher mit Ihrem Gedenken", ließ er verlesen. Seine Familie begehe den 3. März in jedem Jahr im engen Kreise.

Danielsmeyer: Auschwitz-Lied fast verbannt

Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt, einer der in Donezk von Rechtsradikalen Angegriffenen, erinnerte an das von Fußball-Fans gesungene "Auschwitz-Lied". Er sei "immer wieder eingeschritten", wenn er das Lied gehört habe, "aber ohne Erfolg". Erst ein Buch über Julius Hirsch habe ihm eine Möglichkeit eröffnet. Anhand des großen Fußballers Hirsch habe Danielsmeyer in der Arbeit mit Jugendlichen Fans aufzeigen können, "was es bedeutet, nach Auschwitz gebracht zu werden." Seit 2006 sei es so gelungen, zahlreiche Fans zu sensibilisieren und das unsägliche Lied beinahe vollständig zu verbannen.

Für die BVB-Fanabteilung kündigte Sarah Hartwich an, dass der BVB, der durch Vizepräsident Gerd Pieper vertreten war, weiter daran arbeiten werde, "für Toleranz und Vielfalt Flagge zu zeigen." Das Gedenken an Hirsch werde keine einmalige Aktion bleiben. Weitere Veranstaltungen würden folgen, etwa der Heinrich-Czerkus-Gedächtnis-Lauf an Karfreitag. Bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Karfreitagsmorde in den letzten Kriegstagen 1945 wird die BVB-Fanabteilung in diesem Jahr federführend das Programm gestalten und die Schicksale der drei Widerstandskämpfer und Borussen Heinrich Czerkus, Franz Hippler und Fritz Weller in den Mittelpunkt rücken.