BVB-Fans haben keinen Bock auf Extremisten

Foto: Stefan Reinke
Was wir bereits wissen
Nicht nur sportlich wendete sich vergangene Woche für Borussia Dortmund alles zum Guten — auch aus Fan-Sicht lieferten die Schwarzgelben ein positives, längst überfälliges Signal: Ultra-Gruppierungen und Fan-Clubs demonstrierten vor dem Spiel gegen Hannover ihre Abneigung gegen die Rechtsextremen in der Szene.

Dortmund.. Die „Wochen der Wahrheit“ in Bundesliga und Champions League begannen für den Deutschen Meister alles andere als erfreulich. Im Viertelfinale des DFB-Pokals scheiterte man sang- und klanglos und noch dazu völlig verdient am FC Bayern, der Monate zuvor im Pokalfinale gegen den BVB eine wahre Demütigung über sich hatte ergehen lassen müssen. Dafür haben die Dortmunder, anders als im vergangenen Jahr, diesmal bessere Karten auf europäischer Ebene, wo am morgigen Dienstag der Einzug ins Viertelfinale der Champions League erreicht werden soll. Das auswärtsschwache Hannover kam da als Appetithappen gerade recht: Mit einer sehr guten Leistung gegen stark ersatzgeschwächte Niedersachsen nutzte der BVB die Generalprobe vor dem schweren Spiel gegen Donezk und sackte ohne große Gegenwehr der Gäste verdientermaßen drei wichtige Punkte im Kampf um die direkte Champions-League-Qualifikation ein.

Positives auf Rasen und Rängen

Doch nicht nur auf dem grünen Rasen des ehemaligen Westfalenstadions lief es am Samstag rund, auch auf den Rängen konnten sich die Schwarzgelben sehen lassen. Mit Spruchbändern demonstrierten Teile der Dortmunder Fans gegen die rechtsextremen Tendenzen im BVB-Umfeld, die seit geraumer Zeit immer mehr Beachtung finden.

SPEZIAL Der Tenor der Aktion war für jeden klar ersichtlich: „Kein Bock auf Nazis!“, war auf einem der Spruchbänder zu lesen, „Jens und Thilo, wir stehen hinter euch!“, auf einem anderen. Thilo Danielsmeyer (BVB-Fanprojektmitarbeiter) und Jens Volke (Fanbeauftragter des BVB) hatten dieses Problem des Vereins zuletzt unfreiwillig wieder in den Blickpunkt gerückt, als sie beim Auswärtsspiel in Donezk von drei offenbar rechtsextremen BVB-Fans attackiert worden waren. Die Vorfälle in der Ukraine reihen sich ein in eine Kette von Geschehnissen, die zeigen, dass Mitglieder rechter Vereinigungen aus der Stadt und dem Umfeld Dortmunds den Ballspielverein immer häufiger als Propagandaplattform zu missbrauchen versuchen.

"Northside" würdigte verstorbenen Nazi

Noch vor Bundesligastart, zum Pokalspiel gegen Oberneuland im Bremer Weserstadion, präsentierten Mitglieder der Dortmunder Hooligan-Gruppe „Northside“ ein Plakat mit der Aufschrift „Rico Malt – unvergessen“ in Erinnerung an einen im Jahr 2007 verstorbenen Neonazi. Im Saisoneröffnungsspiel gegen Werder Bremen entrollte ebenfalls ein Mitglied der „Northside“ ein Banner mit der Forderung nach „Solidarität mit dem NWDO“. Der damit gemeinte „Nationale Widerstand Dortmund“, eine rechtsextremistische Vereinigung, war nur einen Tag zuvor vom nordrheinwestfälischen Innenministerium verboten worden. Der BVB musste reagieren, die Verantwortlichen riefen kurze Zeit später einen Runden Tisch ins Leben. Gemeinsam mit der Stadt Dortmund, der Polizei, dem Fanprojekt und ausgewählten Experten wolle der BVB „den braunen Sumpf trocken legen“, hatte Hans-Joachim Watzke betont.

Nur wenige Wochen später dann der nächste Skandal. Das Magazin „Spiegel“ hatte aufgedeckt, dass im rund 800 Männer und Frauen starken Ordnungspersonal des Vereins rechtsextrem ausgerichtete Personen beschäftigt seien. Ein im Dienste des BVB tätiger (vorbestrafter) Neonazi hätte beim Revierderby einen als gewalttätig einzuordnenden Schalke-Fan brutal zusammengeschlagen - von mindestens acht rechten Ordnern, die großen Einfluss auf ihre Kollegen ausüben würden, ist im Bericht des „Spiegel“ außerdem die Rede. Der beschuldigte Ordner wurde vom BVB suspendiert, eine rechtsradikale Unterwanderung des Dortmunder Ordnungsdienstes wies Watzke in einem Interview allerdings zurück.

Acht Stadionverbote gegen Fans

Nach Ende der Hinrunde bezog der BVB Stellung zum bisher Erreichten. Es wurden acht Stadionverbote gegen Fans ausgesprochen, die während eines Auswärtsspiels der Zweitvertretung in Erfurt schwarz-weiß-rote Reichsflaggen geschwenkt hatten, der für das „NWDO“-Banner verantwortliche Neonazi wurde mit bundesweitem Stadionverbot belegt, die Stadionordnung wurde erneut geändert, damit Fans mit Kleidung einschlägiger Nazi-Marken oder mit der Aufschrift „Borussenfront“ vom Ordnungsdienst abgewiesen werden können, das Ordner-Personal wurde aufgestockt und zwei neue Fanbeauftragte eingestellt.

Die Vorfälle in Donezk konnten durch die Maßnahmen des Vereins jedoch nicht verhindert werden. Am 13. Februar dieses Jahres hatten drei in die Ukraine mitgereiste Neonazis zunächst den Fanbeauftragten Jens Volke vor dem Stadion attackiert, während des Spiels wurde dann Thilo Danielsmeyer, ein langjähriger Mitarbeiter des Fanprojekts, in der Stadiontoilette hinterrücks überrascht und von einem der Angreifer zusammengeschlagen. Gegen die drei mutmaßlichen Täter, den Vater und seine beiden Söhne, wird strafrechtlich ermittelt, Borussia Dortmund sprach sofort ein bundesweites Stadionverbot gegen sie aus. Verglichen mit den rechtsradikalen Spruchbändern aus der Hinrunde, stellen die Ereignisse aus Donezk eine völlig neue Dimension dar. Danielsmeyer, der mit ein paar Prellungen noch glimpflich davongekommen war, lobte in einem Reviersport-Interview zwar das verstärkte Engagement des Vereins gegen Rechts, kritisierte aber auch den Umstand, dass der Verein viel zu lange untätig geblieben sei.

100 Nazis unter den Fans auf Süd?

Dass sich unter den über 25.000 Dortmundfans auf der Südtribüne laut Spiegel Online knapp 100 Rechtsradikale befinden, sollte nicht weiter verwundern. Das Stadion ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, und in einer Stadt, in der die NPD bei den Kommunalwahlen 2012 immerhin 1,9 Prozent der Stimmen erzielte, sind logischerweise auch Rechtsextreme unter den Fans. Dass die Rechten aber immer mutiger auftreten, ob auf der Süd, bei Spielen der Zweitvertretung oder im europäischen Ausland, und den schwarzgelben Ballspielverein (und mit ihm tausende Fans) als Propagandafläche missbrauchen, sollte einen aufschrecken lassen. „Don’t mix politics with games“ verkommt spätestens dann zur hohlen Phrase, wenn das Spiel bzw. der Sport von einer kleinen Minderheit dazu benutzt wird, ihre anti-demokratisch ausgerichtete und in Teilen menschenverachtende Ideologie unters Volk zu bringen versucht.

Keine Frage, die Verantwortlichen des BVB gehen inzwischen stärker gegen das vorhandene Neonazi-Problem vor – kein Wunder, denn die Mitarbeiter an der Basis haben die Wut von Teilen der Rechten hautnah zu spüren bekommen. Umso wichtiger ist es, sich mit denjenigen solidarisch zu zeigen, die sich mit viel Mut gegen die rechte Szene zur Wehr setzen. Die Vereinsführung und auch die Fans müssen die Sensibilisierung aller(!) Fans vorantreiben und sie vor allem auch dann aufrechterhalten, wenn das Medienecho längst verstummt ist. Der Samstag war ein Anfang.


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