Bolzenschussfallen - die neue Art, Ratten zu jagen

Der Schädlingsbekämpfer Henning Gutzke (links) kontrolliert mit dem Kanalarbeiter Damian Wozny die Steuereinheit der Falle.
Der Schädlingsbekämpfer Henning Gutzke (links) kontrolliert mit dem Kanalarbeiter Damian Wozny die Steuereinheit der Falle.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Dortmund testet bei der Ratenjagd automatische Bolzenschussfallen in der Kanalisation. Indiana Jones lässt grüßen.

Dortmund.. Im Untergrund ist die Hölle los. „Wie in einer U-Bahn zur Hauptverkehrszeit“, sagt Uwe Paluszak, Bereichsleiter der Stadtentwässerung in Dortmund. An diesem Morgen aber herrscht Ruhe im Kanal. Keine Ratten da – zumindest an der „Alten Radstraße“, wo drei seiner Männer gerade einen schweren Kanaldeckel aus der Straße gewuchtet haben. Vorführeffekt? Paluszak lächelt: „Das zeigt doch, wie gut die neue Technik funktioniert.“ In Dortmund nämlich wird neues Material zur Rattenjagd getestet. Statt mit Gift werden die Nager dort versuchsweise mit einer Bolzenschussfalle erlegt. Indiana Jones lässt grüßen.

Die Sensoren reagieren auf Licht oder Wärme – zack!

Da steht man nun an einem von rund 50 000 Kanalschächten der Revierstadt, guckt in die Tiefe und sieht? Nichts. „Da unten ist die Falle“, sagt Paluszak. „Aber da können wir nicht hin. Das Rohr hat ja nur einen Durchmesser von 30 Zentimetern.“ Schädlingsbekämpfer Henning Gutzke weiß das natürlich, er hat die Falle der Firma Anticimex schließlich installiert, hat sie rund zwei Meter in die Tiefe hinabgelassen und oben unter dem Deckel einen Kasten angebracht, in dem das Steuergerät steckt.

Um es anschaulicher zu machen, hat Gutzke etwas vorbereitet, hat ein Loch in eine Plastikwanne geschnitten, ein Rohr hineingesteckt und die Falle angeschlossen. Nur die Ratte muss man sich noch vorstellen. Die Sensoren reagieren auf Licht oder Wärme: Flitzt ein Nager unter der Falle durch, schießen 14 Bolzen wie kleine Speere mit einer Geschwindigkeit von 130 km/h herab und durchbohren die Ratte. Während die Bolzen wieder nach oben gleiten und der Kadaver vom Abwasser in die Kläranlage gespült wird, meldet die Falle via Mobilfunk den Treffer. „So wissen wir immer, wo wie viel los ist“, sagt Gutzke. Wird es ruhiger in einem Kanal, werden die Fallen umgehängt. „Das System ist sehr flexibel.“

Hersteller nennt Tötung "sehr human"

„Sehr human“, findet der Hersteller seine Erfindung und im Vergleich zu den üblicherweise verwendeten Giftködern mag das sogar stimmen. „Das klingt jetzt vielleicht etwa makaber, aber das Tier leidet nicht, es ist auf der Stelle tot“, sagt auch Paluszak. Beim klassischen Rattengift dagegen, „verbluten die Tiere nach Tagen innerlich“. Tierschützer sind allerdings von keiner Methode begeistert.

Aber was sollen sie machen bei den Städten. „Die Beschwerden steigen“, sagt der Bereichsleiter. „Nicht nur bei uns, überall.“ Wie viele Ratten es gibt in Dortmund, weiß niemand genau. Über drei Millionen, glauben manche, Paluszak schätzt konservativer „eine Ratte pro Einwohner“, also knapp 600 000. Deshalb müsse gehandelt werden. Dortmund hat das bisher gemacht, indem es jährlich rund 12 Tonnen Gift in Form von rund 20 000 so genannten Köderboxen ausgelegt hat: Die werden dabei im Laufe der Wochen vom Wasser aufgelöst, falls sie nicht von einer Ratte verspeist worden sind. Gut 120 000 Euro kostet das im Jahr und ein nachhaltiger Umgang mit Wasser sei das auch nicht, heißt es bei der Stadt.

Dortmund von unten Die neuen Fallen sind günstiger. 1500 Euro kostet das Stück. Insgesamt 20 will die Stadt anschaffen, mit vier Exemplaren soll es losgehen. 40 Nager wurden bereits in den ersten Tagen erwischt. „Ich habe bisher kein effektiveres System gesehen“, sagt Paluszak und will sich dann auch grundsätzlich für den Ankauf aussprechen. Noch aber muss ein kleines Problem gelöst werden.

In Skandinavien ist das System seit Jahren im Einsatz

Zwar ist das Gerät laut Anticimex von den Behörden zugelassen, aber Paluszak, möchte eine spezielle Sicherung für das elektronische Steuergerät. „Falls mal jemand ein paar tausend Liter Verdünnung in die Kanalisation kippt.“ Dann könnten sich Dämpfe entwickeln und ein Funke würde reichen, um eine Explosion auszulösen. Das ist zwar alles sehr unwahrscheinlich und in all den Jahren, in denen das System in Skandinavien bereits im Einsatz ist, noch nie passiert. „Aber sicher ist sicher“, sagt Paluszak.

Doch selbst bei einem Einsatz, da macht er sich keine Illusionen, werden die Ratten nicht komplett verschwinden. Zu viel Müll, der falsch entsorgt wird, zu viele aufgegebene Gewerbeflächen, die eine ideale Umgebung für die Ratten bieten ... „Die waren lange vor uns da“, weiß Paluszak, „und die werden auch noch da sein, wenn es uns Menschen schon nicht mehr gibt.“