Auch Envio-Untermieter vergiftet
29.06.2010 | 19:55 Uhr 2010-06-29T19:55:00+0200
Dortmund.Envio und kein Ende. Die Giftfirma zieht immer mehr Menschen in den PCB-Skandal hinein. Auch immer mehr Firmen im Hafen. Die jüngsten Leidtragenden: Beschäftigte der Unternehmen DHL, TSW, Gimatec und Kolk. Die Hallen, die sie auf dem Envio-Gelände angemietet haben, sind verseucht.
In der Spitze sprengen die PCB-Mengen an den Arbeitsplätzen die EU-Richtwerte für die Abfallentsorgung um das 13-fache. Der Maximalwert: 633 Milligramm PCB pro Kilo. 50 Milligramm wären erlaubt gewesen.
Das als krebserregende geltende Gift steckte im Staub von Kehrproben, die das Landesumweltamt am 2. und 7. Juni in insgesamt neun Hallen auf dem Envio-Gelände genommen hatte. Die PCB-Quote: Vier der Betriebsstätten waren hoch belastet, fünf lagen innerhalb der Toleranzen. Dioxine und Furane seien nicht gefunden worden, so die Bezirksregierung.
Für Arnsberg steht fest: Nur Envio kann für die neuerlichen Giftfunde verantwortlich sein. Das sei nicht nur „naheliegend und logisch“, sondern „wegen der unmittelbaren räumlichen Nähe auch ganz offensichtlich“, so Jörg A. Linden, Sprecher der Bezirksregierung. Zwei der vier verseuchten Betriebsstätten liegen in Halle 55 – gleich neben jenem berüchtigten „weißen Bereich“ der Firma Envio, in dem die höchsten PCB-Verseuchungen auf dem gesamten Gelände nachgewiesen wurden. Die beiden anderen giftbelasteten Betriebsstätten liegen „in unmittelbarer räumlicher Nähe“ zu Envio, so Linden. Deshalb die Vermutung: Belastete Stäube seien „durch gemeinsame Wegenutzungen oder den Wind transportiert“ worden.
Reinigung angeordnet
Die Bezirksregierung hat die Reinigung der Hallen angeordnet. Die Firmenleitungen sind angehalten, die Bereiche „bis zum Abschluss der Reinigung nicht zu nutzen“ und „Arbeiten nur unter besonderen Schutzmaßnahmen zu gestatten“.
Für Umweltdezernent Wilhelm Steitz kam die neuerliche Hiobsbotschaft gestern „nicht so überraschend“. Seine Sorge gilt den Mitarbeitern der vier betroffenen Firmen. „Man muss befürchten, dass sie in Mitleidenschaft gezogen wurden“, so Steitz. „Deren Betriebe erleiden einen wirtschaftlichen Schaden, für den sie nichts können.“
Angespannt schaut die Stadt auf nächste Woche. Dann sollen 100 weitere Blutbefunde eintreffen – Ergebnisse der PCB-Tests bei Mitarbeitern jener vier Envio-Untermieter, die seit gestern dicht sind. „Wir haben eine gewisse Sorge, dass auch hier erhöhte Belastungen auftreten können“, so Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Gesundheitsamtes.
Keine Laborkapazitäten, keine Bluttests mehr
Nach den erschreckenden Blutbefunden der Envio-Mitarbeiter rechnet sie gerade im unmittelbaren Umfeld der Giftfirma mit Schlimmerem als zuvor. Deshalb verstehe sie die wachsenden Sorgen unter Anwohnern. Medizinisch aber seien die Möglichkeiten erschöpft, hieß es gestern. „Derzeit planen wir keine weiteren Blutuntersuchungen“, so Düsterhaus – „weil es keine Laborkapazitäten mehr gibt.“
OB Ullrich Sierau macht unterdessen deutlich, das er fertig ist mit der Envio AG. „Wir werden darauf hindrängen, dass diese Firma nicht wieder die Arbeit aufnehmen kann“, sagte er im Kreise des Verwaltungsvorstands. Als möglicher Schlüssel, der Envio für alle Zeiten verriegelt, gilt bei der Stadt ein Verfahren wegen geweberechtlicher Unzuverlässigkeit. Dafür gebe es „genügend Anhaltspunkte“, so Umweltdezernent Wilhelm Steitz. Das Ziel: In Dortmund soll Envio keine gewerberechtliche Genehmigung mehr erhalten.
Ruf nach Gefahrstoff-Kataster
Steitz sieht nach den Erfahrungen mit der Giftfirma weiteren Handlungsbedarf – auch „Anlass genug für ein Gefahrstoff-Kataster“. Ein „Risiko-Ranking“ spezieller Firmen schwebt ihm vor, geordnet nach Produktionszweigen, „wie im Lebensmittelüberwachungsrecht“. Das sei überfällig. „Das fällt einem erst jetzt auf, dass es so was noch nicht gibt“, wunderte sich Steitz gestern selbst.
Seit dem Gespräch im NRW-Umweltministerium sieht die Stadt die Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung verbessert. „Seit Mittwoch ist Arnsberg signifikant kooperativer geworden“, registriert Sierau eine Veränderung, die überfällig gewesen sei. Offenbar habe der zuständige Staatssekretär in Düsseldorf einen guten Einfluss auf die Bezirksregierung. Jetzt bestehe Hoffnung auf die notwendige Klarheit und Transparenz im Fall Envio, so Sierau.
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