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Asyl-Aufnahme überfüllt - „Wo sollen die Menschen denn hin?“

10.10.2012 | 07:00 Uhr
Asyl-Aufnahme überfüllt - „Wo sollen die Menschen denn hin?“
Rettungsdienste und Feuerwehr kümmern sich an den Brüggmannhallen bei der Ankunft um die Flüchtlinge. Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.  Die Flüchtlings-Anlaufstelle in Dortmund ist hoffnungslos überfüllt. 350 Menschen sind allein in einer Nacht angekommen. In der Erstaufnahmeeinrichtung in Hacheney herrscht eine dramatische Situation. Für die Asylbewerber wie auch für die Anwohner ein untragbarer Zustand.

Sie haben Durst und Hunger. Das Baby friert. Die Verpflegung hat genau bis hierher gereicht. Die Kraft auch. Sie haben nichts mehr, außer ihrer ganzen Habe in einem verschlissenen Rollkoffer und einer Plastiktüte. Und einen Zettel. Auf dem steht: Bielefeld.

Den hat man den Flüchtlingen in der Erstaufnahmestelle Hacheney in die Hand gedrückt. Bevor man sie abgeschoben hat, noch bevor sie angekommen sind. Aufnahmestopp heißt das im Behördendeutsch. Was niemand der Menschen hier versteht, die nicht mal gebrochen Deutsch sprechen. 880 von ihnen haben in Hacheney für die ersten Tage Unterschlupf gefunden; das sind mehr als doppelt so viele wie vorgesehen.

Die Kapazität ist erschöpft; das Ausweichquartier in Derne mit fast 300 Personen war am Dienstag ebenfalls randvoll. Zwei Kinder haben die Windpocken, was die Situation verschärft – sie sind hochansteckend für Erwachsene, die noch keine Antikörper gebildet haben, auch wenn das Wort Quarantäne nicht unbedingt in den Mund genommen wird.

Krisenbewältigung mangelhaft

Die Krisenbewältigung vor Ort am Dienstagvormittag: mangelhaft. Weil nicht vorhanden. Keine Toiletten, keine Verpflegung, keine Hilfestellung, keine Übersetzung. Die Nachbarn sind empört. Über die Menschen, die in ihren Vorgärten sitzen und in ihrer Not eben das tun, die Notdurft verrichten. Sie schimpfen auf die Stadt, darauf, dass niemand etwas unternimmt. Und sind trotz allem mitfühlend, reichen der Mutter mit ihren drei Kindern Getränke. „Die haben keinen reingelassen...“ „Wo sollen die Menschen denn hin?“ „Und dann die Kinder...“

Sie sitzen auf dem wenigen Hab und Gut, auf einem Koffer. Die Familie aus Belgrad, die Großeltern, Eltern, vier Kinder. „Wir haben jetzt Hunger“, sagt die Mutter, die sich mit Englisch zumindest verständlich machen kann. Wirtschaftsflüchtlinge sind sie vermutlich. Weil sie in der Heimat mit weniger als 50 Euro im Monat die acht Mäuler nicht stopfen können, hoffen sie auf Deutschland. Und darauf, hier zumindest für ein paar Monate über- und besser leben zu können. Andere sind vor dem Krieg geflohen, aus Syrien, dem Iran, Irak. Die Begrüßung am Dienstag: ein geschlossenes Tor. „Es kommen viel mehr als prognostiziert“, sagt Renate Walkenhorst von European Homecare, die auch die Aufnahmestelle in Hacheney betreiben. Das liege auch daran, dass die Nachbarländer die Notbremse gezogen hätten. Das Bild: bundesweit gleichermaßen chaotisch.

Hoffnungen ruhen auf Bielefeld

Die alte Frau mit den rosa Strümpfen öffnet eine Tasche. Ein paar wenige Pillenschachteln fallen heraus. „Sie hat keine Medizin mehr“, übersetzt die Schwiegertochter auf Englisch. „Ist es in Bielefeld besser?“ fragt sie mit Blick auf den Zettel in ihrer Hand. Und wo Bielefeld sei?

Zu weit weg für Menschen, die aus den Transporten hier in Dortmund abgeladen worden sind. Und ebenfalls überfüllt. „Here life is much better“ – hat man ihnen versprochen. Bevor sie sich nach langen Diskussionen auf den Weg gemacht haben. Ins gelobte Land. Das ihnen heute zumindest ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit spendiert. Am Nachmittag sammeln Busse von DSW21 die Flüchtlinge ein und bringen sie ins Übergangsquartier im Brüggmann-Zentrum . Eine Notlösung. Die deutlich macht: Das „gelobte“ Land ist hoffnungslos überfordert.

Anja Schröder



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