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Anwalt berichtet bei Diskussion von NSU-Prozess

24.01.2016 | 18:26 Uhr
Anwalt Carsten Ilius sprach im April 2015 bei einer Gedenkveranstaltung an Mehmet Kubasik.
Anwalt Carsten Ilius sprach im April 2015 bei einer Gedenkveranstaltung an Mehmet Kubasik.Foto: Oliver Schaper

Dortmund.  "Ich halte die Ermittlungen, nicht nur in Dortmund, für strukturell rassistisch." Das sagt Carsten Ilius, Anwalt der Nebenklage im NSU-Prozess. Aktuell sei die Stimmung in Deutschland extrem rassistisch aufgeheizt. Am Montagabend ist er zu Gast bei einer Podiumsdiskussion im Kino "Sweet Sixteen".

Carsten Ilius befürchtet, dass die aktuelle Flüchtlingsdebatte negative Auswirkungen auf die Aufklärungsbemühungen im NSU-Prozess hat. Der Anwalt der Witwe des achten NSU-Opfers, Elif Kubasik, geht von einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft aus. Im Interview mit unserem Nachrichtenportal bemängelt der 44-jährige Berliner Anwalt die Arbeit der Behörden in der Mordserie des NSU: "Ich halte die Ermittlungen, nicht nur in Dortmund, für strukturell rassistisch. PKK, Mafia, Ehrenmord, das waren die Ansätze, die in den Raum gestellt wurden."

Obwohl es kurz nach dem Mord an Mehmet Kubasik am 4. April 2006 in der Dortmunder Nordstadt einen Profilerbericht der BAO (Besondere Aufbauorganisation) Bosporus gegeben habe, der eindeutig in Richtung rassistisch geprägte Taten gegangen sei, sei in Dortmund nicht gegen das rechte Umfeld in der Stadt ermittelt worden.

Auch seien die Unterstützer-Strukturen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) von der Generalbundesanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt nie in ihrer Gesamtheit betrachtet und untersucht worden, so Ilius weiter. "All die dazugehörigen Leute sind nie systematisch vernommen worden, ihre Aktivitäten nie systematisch im Ermittlungsverfahren untersucht worden. Das ist eine vergebene historische Chance."

Ilius hat die Vermutung, dass der NSU lokale Helfer an vielen Tatorten hatte, so auch in Dortmund. In Dortmund würde diese Vermutung gestärkt durch die Tatsache, dass es eine lokale radikale Naziszene gab, die denselben ideologischen Hintergrund hatte wie der NSU, die sich Waffen besorgt hatte und dabei war, in den Untergrund zu gehen. Auch würden nach wie vor offene Fragen im Raum stehen. So sei nach wie vor unklar, woher Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt bei ihrer Tat in Dortmund wussten, dass die im Kiosk von Kubasik installierte Kamera schon seit einem längeren Zeitraum nicht funktionierte. Wenn sie das nicht gewusst hätten, hätten die Täter auf die Kamera reagieren müssen.

Ilius ist am Montag (25. Januar) zu Gast bei einer Podiumsdiskussion im Kino "Sweet Sixteen" im Depot an der Immermannstraße 29. Dort wird zunächst der Film "Judgement in Hungary" gezeigt. Die Dokumentation begleitete einen Prozess in Ungarn, bei dem die rechtsradikalen Morde an sechs Roma im Norden des Landes verhandelt wurden. Der Film läuft im Original und wird live deutsch eingesprochen. Anschließend spricht Ilius über die Parallelen der Prozesse in Ungarn und München. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

Tobias Großekemper

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2016-01-24 18:26
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