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Christopher Annen

Annenmaykantereit-Gitarrist: "Ich fühle mich in Dortmund wohl"

04.03.2016 | 09:19 Uhr
Annenmaykantereit-Gitarrist: "Ich fühle mich in Dortmund wohl"
Ohne Album schon Hype: AnnenMayKantereit schafften das mit der Stimme Henning Mays (links) und Texten, die ihre Generation bewegen.Foto: Fabien J Raclet

Dortmund.  Die rauchige Stimme von Sänger Henning May ist es, was Annenmaykantereit ausmacht. Aber eben nicht nur. Wir sprachen mit Gitarrist Christopher Annen.

Es ist diese Stimme, die stutzig macht, die einen hinhören lässt, die im Ohr bleibt. Es ist diese tiefe, rauchige Stimme von Sänger Henning May, die Annenmaykantereit ausmacht. Aber eben nicht nur. Annenmaykantereit ist die Band der Stunde. Wir haben mit Gitarrist Christopher Annen gesprochen.

Wie fühlt es sich an, eine der gefragtesten Bands Deutschlands zu sein?

Christopher Annen: Eigentlich ziemlich gut. Wir lassen das aber nicht so nah uns heran. Beim Songschreiben spielt es keine große Rolle. Aber es ist natürlich total geil, dass wir eine komplett ausverkaufte Tour haben und so viele Konzerte spielen.

Sie sind sehr viel unterwegs. Wie wild ist das Rockband-Leben von Annenmaykantereit?

Annen: Ich glaube das stellt man sich aufregender vor, als es ist. Letztes Jahr waren wir die Hälfte des Jahres unterwegs. Da kann man es sich einfach nicht leisten, jeden Abend besoffen zu sein und auf eine Party zu gehen. Nach vier Abenden bist du wahrscheinlich total platt und die Tour wird scheiße. Deswegen bleiben wir dann eher bei Tee.

Und wann gehen Sie dann doch mal feiern?

Annen: Wenn wir am nächsten Tag frei haben oder wenn es etwas zu feiern gibt. Zum Beispiel, wenn das Album rauskommt oder jemand Geburtstag hat. Dann können wir schon ganz gut feiern. Aber sonst machen wir es, wie gesagt, nicht so oft.

Sie kommen dieses Jahr gleich dreimal hierher, waren letztes Jahr auch schon da. Gefällt es Ihnen hier?

Annen: Ja, Dortmund find ich super. Also der Martin, unser Fotograf und Filmer, studiert in Dortmund. Deshalb sind wir ab und zu da und besuchen ihn in seiner WG in der Nordstadt. Hartes Pflaster (lacht). Also ich fühle mich in Dortmund immer wohl.

Haben Sie eine Lieblingsecke hier?

Annen: Meistens hängen wir nur bei Martin in der WG rum.

Würden Sie sagen, dass Ihre Songs ehrlicher sind, weil sie selbst schreiben?

Annen: Ja, das denke ich schon. Da hat man einen ganz anderen Bezug zu einem Lied und weiß viel besser, worum es wirklich geht für einen selbst. Wir haben die Songs ja mit einer bestimmten Intention geschrieben. Ich könnte es mir nur schwer vorstellen, wie es wäre, wenn jemand unsere Songs schreiben würde. Aber natürlich gibt es auch gute Musiker, die keinen Songs selbst geschrieben haben. Das ist auch Okay. Aber für uns ginge das nicht anders. Wobei: Wir spielen auch ganz gern mal ein Cover. Eigentlich bei jedem Konzert "Sunny" von Bobby Hebb.

Warum gerade dieses Lied?

Annen: Wir mögen den Song total gerne. Das ist jetzt fast schon eine Tradition. Das gehört einfach dazu.

Auf Ihrer Webseite gibt es einen Text, in dem Sie sich vorstellen. Darin steht, dass Sie wütend sind. Auf was denn?

Annen: Uns macht ziemlich viel wütend. Ob das jetzt Leute aus unserem Umfeld sind, mit denen man sich zofft, oder ob das ist, wenn man die Zeitung aufschlägt. Es gibt genug Anlässe zum Wütendsein.

Und aus der Energie, die daraus entsteht, schöpfen Sie die Ideen für Ihre Songs?

Annen: Genau. Nicht nur daraus. Aber wenn ich mit dem Henning (May, Red.) auf dem Balkon sitze in der WG und wir über irgendwas reden, was uns aufregt, kann es passieren, dass wir ein, zwei Sätze mitschreiben und daraus ein Text entsteht.

Wohnen Sie alle zusammen?

Annen: Nein, Henning und Severin (Kantereit, Red.) wohnen zusammen in einer WG mit zwei anderen. Malte und ich wohnen jeweils in anderen WGs.

Eine Vierer-WG käme nicht infrage?

Annen: Nee, also ich muss gestehen, ich bin auch ab und zu ganz froh, wenn ich meine Ruhe habe in meiner eigenen Wohnung (lacht). Aber für Henning und Severin scheint das zu klappen.

In Ihren Songs singen Sie sehr viel von Veränderungen. Was war für Sie die größte Veränderung, die Sie erlebt haben?

Annen: Eine der größten Veränderungen war, überhaupt gemeinsam Musik zu machen, dass wir das vor fünf Jahren angefangen haben. Seitdem ist das so ein riesiger Teil in meinem Leben. Plötzlich ist man die Hälfte des Jahres unterwegs, man bekommt eine riesige Aufmerksamkeit für seine eigene Person und ganz viele Menschen hören einem plötzlich zu.

Wir verarbeiten Sie das?

Annen: Wir sprechen da unheimlich viel drüber. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir uns darüber austauschen, wie es jedem von uns damit geht. Es ist zum Beispiel kein Problem, wenn sich mal einer ausklingt, weil er gerade Zeit für sich braucht. Wir reden wirklich so viel, wir diskutieren fast alles aus. Wir sind keine Mehrheits-EntscheidungsBand. Bei uns wird so lange diskutiert, bis sich alle auf etwas einigen können.

Vermeiden Sie so Streit?

Annen: Wir vermeiden den nicht, sondern gehen den eher ein. Auch wenn es super anstrengend ist und man mal keine Lust hat, jetzt noch nach dem Konzert etwas zu besprechen, reißen wir uns dann doch zusammen und reden darüber - auch über unangenehme Themen. Jeder von uns hat Interesse daran, den anderen zu verstehen.

Haben Sie eine Botschaft, die Sie mit Ihrer Musik vermitteln wollen?

Annen: Klar, wir machen Musik, weil wir etwas zu sagen haben. Aber wir haben keine konkrete Botschaft. Wir machen die Musik für uns, sie entsteht aus uns. Beim Songschreiben ist es gar nicht präsent, dass wir das nachher so und so vielen Tausend Leute präsentieren. Der Song entsteht im Proberaum für uns Vier und auch auf der Bühne ist er für uns Vier.

Sie haben drei Songs von Ihrer EP für das Album neu aufgenommen. Inwiefern unterscheiden sie sich?

Annen: Das ist etwas Spielerisches. Jeder von uns ist ein besserer Instrumentalist geworden. Zwischen diesen Aufnahmen liegen um die 100 Konzerte. Es gibt zum Beispiel nicht mehr so Unsicherheiten, was das Tempo angeht. "Oft gefragt" zum Beispiel ist auf dem Album ein Stück langsamer als auf der EP. Wir haben bei den Konzerten gemerkt, dass wir den Song immer langsamer spielen, weil wir ihn langsamer fühlen.

Ihr neuer Song heißt Pocahontas. Wer ist Ihre Pocahontas?

Annen: Das möchte ich nicht sagen.

Sie machen schon sehr lange Musik, haben aber erst jetzt einen Plattenvertrag bei Universal unterschrieben. Warum hat es so lange gedauert?

Annen: Für uns lag der Fokus zunächst auf dem Live-Spielen. Und wir wollten uns wirklich sicher sein, mit dem was wir machen und wie wir uns präsentieren. Auch wenn das sehr nah dran ist an dem, wie wir wirklich sind, muss man sich ja immer Gedanken machen, wie das von außen wahrgenommen wird. Es reicht nicht den Anspruch zu haben, sogenannte authentische Musik zu machen.

Da wollten wir die Möglichkeit, dass uns ein Label in vielen Sachen reinquatscht, möglichst gering halten. Deswegen haben wir solange gewartet. Anderthalb Jahre bevor wir bei Universal unterschrieben haben, waren wir das erste Mal bei denen. Wir haben trotzdem so lange gewartet, um zu zeigen: Alles, was wir machen, funktioniert so. Das Label hat nicht groß ein Interesse daran, etwas zu ändern. Das war für uns der sicherste Weg, sich nicht verbiegen zu lassen.

Wie versuchen Sie, sich trotz des wachsenden Erfolgs diese Authentizität, die Sie gerade angesprochen haben, zu bewahren?

Annen: Wir können uns von dem ganzen Trubel ganz gut abgrenzen. Wir machen da viele Scherze drüber. Es ist ja total absurd, dass wir gerade mit so einer Musik so eine riesige Aufmerksamkeit bekommen. Diese Witze geben einem das Gefühl, dass die anderen das genau so komisch finden wie man selbst. Und, dass wir da auf einer Wellenlänge sind.

Ich glaube es ist auch immer wichtig, Freundschaften zu pflegen, die komplett aus dem Bandkontext herausfallen. Ob das jetzt meine Freundin ist oder Freunde, die ich schon total lange kenne, für die ich nicht der Gitarrist von Annenmaykantereit bin, sondern einfach ich. Wir lassen uns einfach nicht zu verrückt machen.

Warum wundert es Sie, dass Sie mit Ihrer Musik Erfolg haben?

Annen: Wer rechnet schon damit, wenn er anfängt Musik zu machen, dass er mal vor 11 000 Leuten ein Konzert spielt? Das denken vielleicht nur irgendwelche DSDS-Teilnehmer. Wir hatten es ganz am Anfang nicht mal geplant, dass wir eine Band sind. Wir haben uns einfach getroffen, Musik gemacht und dann kamen immer mehr Leute auf uns zu und haben gefragt, wie heißt denn eure Band?

Sie haben zu Beginn Straßenmusik gemacht. Was haben Sie auf der Straße erlebt?

Annen: Es gab mal einen Vater, der seinem kleinen Kind 50 Cent gegeben hat, damit es das bei uns in den Hut wirft. Und dann ist das Kind zu uns gekommen, hat den Hut gegriffen, eine Handvoll Münzen rausgenommen und ihrem Vater gebracht. Das ist die erste Erinnerung, die mir kommt. Wir hatten aber auch oft erboste Ladenbesitzer, die uns verjagt und uns vorgeworfen haben, dass wir ihnen die Kundschaft vergraulen.

Pflegt Sänger Henning seine Stimme?

Annen: Er macht regelmäßig seine Übungen. Vor dem Konzert singt er sich ein bisschen ein, danach ein bisschen aus. Ich glaube in erster Linie spürt er gut, wenn es zu viel wird. Weil viele Konzerte für seine Stimme natürlich sehr anstrengend sind. Deshalb machen wir nicht mehr als drei Auftritte am Stück und haben immer genug Ruhephasen.

Haben Sie Sorge, dass Annenmaykantereit nur auf die Stimme von Henning May reduziert wird?

Annen: Nein. Das ist ein super markantes Merkmal unserer Band. Es wäre Blödsinn, das abzustreiten. Es hat uns super viel gebracht. Von Anfang an haben ganz viele gesagt: Ach, das sind die mit dem Sänger mit der krassen Stimme. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, dass das abnimmt. Dass wir immer mehr als Band gesehen werden. Aber ich finde natürlich auch, dass Henning eine unfassbar gute Stimme hat - da muss man nicht drumherum reden.

Sie haben sich nach Ihren Nachnamen benannt. Stört es Malte Hauck, der ja erst später zur Band gestoßen ist, dass er nicht darin auftaucht?

Annen: Nee, tatsächlich überhaupt nicht. Ich glaube der Malte fänd das eher komisch, wenn wir das Huck jetzt noch in den Bandnamen integrieren würden. Es ist jetzt einfach ein Eigenname. Für mich ist das mittlerweile fast schon losgelöst von unseren Nachnamen.

Hat die Reihenfolge etwas zu sagen?

Annen: Nee. Das hat phonetische Gründe.

Zu Beginn haben Sie auch englische Songs gesungen. Haben Sie sich für Deutsch als Ihre Musiksprache entschieden?

Annen: Das hat sich so ergeben. Am Anfang haben wir sehr viel improvisiert. Henning hatte oft Texte mit irgendwelchen englischen Worten, die nicht immer Sinn ergeben haben. Er hat seine Stimme eher als Instrument aufgefasst. Aber als wir irgendwann angefangen haben richtige Songs zu schreiben, ist dann ein Textanspruch gekommen. Und Henning schreibt einfach viel bessere Texte auf Deutsch - er schreibt am Meisten bei uns.

Gibt es etwas, dass Sie vermissen, seit Sie so bekannt sind?

Annen: Ein kleines bisschen die Privatsphäre. Wenn du ein halbes Jahr unterwegs bist, bist du auch ein halbes Jahr mit Leuten unterwegs. Mittlerweile sind wir 20. Und da ist es schwierig, auch mal ein bisschen Raum für sich zu haben. Das finde ich manchmal anstrengend. Aber wir können da mittlerweile ganz gut umgehen, dass man sich auch mal rausnehmen kann.

Ich genieß es auch irgendwo, Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber es ist schon komisch, wenn man manchmal durch die Stadt geht und angesprochen wird und man das Gefühl hat, dass man beobachtet ist.

Wenn Sie so viel aufeinander hocken. Gibt es Marotten, die Sie gar nicht mögen?

Annen: Der Severin ist immer am Trommeln. Das ist schrecklich (lacht). Nein, alles gut. Jeder hat doch so seine Macken.

Sie sind alle Anfang 20. Haben Sie mal überlegt, etwas anderes zu machen, als Musik?

Annen: Wir haben mal halbherzig angefangen, zu studieren. Aber das hat sich relativ schnell erledigt, weil wir gemerkt haben, dass Musik machen doch mehr Spaß macht. Da hätten wir jetzt auch gar keine Zeit zu. Ich wüsste auch gar nicht, was ich studieren soll.

Am 30. März und 5. Mai kommen die vier Kölner ins FZW. Die Konzerte sind seit Wochen ausverkauft, die Tickets in etwa so begehrt wie die für den BVB. Beim Juicy-Beats-Festival Ende Juli ist die Band ebenfalls live zu sehen.

Jana Schoo

Kommentare
04.03.2016
09:33
Ach ja, die WAZ...
von MrVisconti | #1

Da hat die Redaktion ja mal wieder ganze Arbeit geleistet. Ein Interview ganz ohne Fragen. Bestimmt war das als augenzwinkernde Werbung für "100 Jahre...
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1 Antwort
Annenmaykantereit-Gitarrist: "Ich fühle mich in Dortmund wohl"
von MrVisconti | #1-1

Hey! Geändert! :-)

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Annenmaykantereit-Gitarrist: "Ich fühle mich in Dortmund wohl"
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2016-03-04 09:19
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