Angst vor PCB in der Muttermilch
08.07.2010 | 17:26 Uhr 2010-07-08T17:26:00+0200
Dortmund.Im Giftskandal werden erneut Vorwürfe gegen das Gesundheitsamt laut. Ein besorgtes Paar sieht Ängste vor einer möglichen PCB-Belastung der Muttermilch heruntergespielt.
Der Blick aus dem Küchenfenster fällt auf eine Postkartenansicht: vorne Wasser, hinten das Hafenamt, dahinter zwei Fahnen im Wind, eine grüne, eine blaue – die Wimpel der Envio AG. Seit zehn Jahren wohnen Sandra Linde (39) und Jörg Schütze (43) in Sichtweite des verseuchten Geländes. Seit 16 Monaten mit Paul. Der blonde Engel ist gut drauf, vor allem wenn Mama ihn stillt. „Aber wie gesund oder gefährlich das für ihn ist, das wissen wir jetzt nicht mehr.“
PCB gilt als krebserregend. Das Gift sammelt sich im Körper, bevorzugt in fettreichen Gefilden wie der Muttermilch. Beim Stillen geben belastete Mütter das PCB ans Baby weiter. Die Folgen für den Säugling können bis zu Hirnschäden reichen. Mediziner bestätigen diese Transportkette. Für Eltern ist sie ein Horror. „Wie kann man einen Gemüseverzehr-Stopp erlassen, aber nicht an die Muttermilch denken?“ fragt Jörg Schütze.
„Warum Blutproben genommen werden, Milchproben aber nicht“ – das wollte der Bio-Physiker vom Gesundheitsamt wissen. „Doch da bin ich abgewimmelt worden.“ Ein beharrlicher Auftritt führte ihn schließlich zu Amtsleiterin Dr. Annette Düsterhaus. „Die empfahl, meine Freundin solle auf jeden Fall weiter stillen.“ Das versteht der Vater nicht. „Würde sie sagen: ‘Wir wissen nicht, was zu tun ist’, dann wäre das ehrlich.“ Alles andere seien Durchhalteparolen. Immerhin erfuhr das verwunderte Paar von „einer Möglichkeit, Muttermilch kostenlos auf PCB zu testen“.
Die gibt es tatsächlich – in Münster. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Münsterland-Westfalen-Lippe analysiert Muttermilch auf PCB und Dioxine. Gegen eine Verwaltungsgebühr von 10 Euro bekommen Stillende eine Analytik, die sonst Hunderte von Euro kosten würde. „Wer in NRW wohnt und sich untersuchen lassen will, meldet sich einfach unter 0251/9821-0 telefonisch an“, bestätigt Dr. Thorsten Bernsmann, Dezernent für Zentrale Analytik am CVUA.
Jörg Schütze wirft dem Gesundheitsamt ein katastrophales Krisenmanagement vor. „Auf 250 Bluttests hätten bequem 50 Milchproben kommen können. Dann wären die Betroffenen heute klüger“, sagt er. Bis man nichts Genaues wisse, müsse auch ein Still-Stopp in Betracht kommen.
Düsterhaus verweist darauf, „dass wir Schwangere im Zuge der Blutuntersuchungen bei unmittelbaren Envio-Nachbarn vorgezogen haben“. Die dortigen Tests hätten keine erhöhten PCB-Werte ergeben. „Wir wissen aber nicht, wie viele stillende Frauen es in unmittelbarer Nähe des Firmengeländes gibt“, räumt die Amtsleiterin ein. Dem besorgten Vater habe sie gesagt, dass eine Muttermilchprobe „das Zielführendste“ für stillende Frauen ist, „zielführender als ein PCB-Bluttest“.
Jörg Schütze bestreitet diese Darstellung: „Eine Unverschämtheit!“
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