An Brüssel führt kein Weg vorbei
26.01.2010 | 11:09 Uhr 2010-01-26T11:09:00+0100
Die Medienbranche befindet sich im Umbruch. Doch wenn in Deutschland von Innovationen im Journalismus debattiert wird, dann ist nicht von Berlin, Hamburg oder München die Rede, sondern von Dortmund. Dort wird am Institut für Journalistik über die Zukunft unserer Medienwelt geforscht.
Die Medienbranche befindet sich im Umbruch. Doch wenn in Deutschland von Innovationen im Journalismus debattiert wird, dann ist nicht von Berlin, Hamburg oder München die Rede, sondern von Dortmund. Hier, unweit einer Autobahnabfahrt auf einem Gelände, das viel mehr wie ein Industriegebiet als ein Universitätscampus wirkt, wird am Institut für Journalistik über die Zukunft unserer Medienwelt geforscht. Wir haben die Professoren Susanne Fengler und Klaus Meier zu einem Gespräch über Newdesks, crossmediales Arbeiten und den Journalismus von morgen getroffen.
Frau Fengler, Herr Meier, was bitteschön soll so sexy an Dortmund sein?
Klaus Meier (41) leitet seit 2009 den Lehrstuhl für crossmediale Entwicklungen des Journalismus an der Technischen Universität Dortmund.
Davor war der gebürtige Oberpfälzer (Bayern) acht Jahre lang Professor für Journalistik an der Hochschule in Darmstadt. Er hat Journalistik in Eichstätt studiert, als Zeitungsredakteur und als freiberuflicher Berater und Trainer in Redaktionen und Weiterbildungsinstituten für Journalisten gearbeitet und zum Thema Redaktionsorganisation promoviert.
Fengler: Nun, die Stadt Dortmund an sich ist ja nicht so sexy (lacht). Das gilt natürlich in keiner Weise für unsere Fakultät. Wir sind allein schon deshalb etwas Besonderes, weil wir auf dem Campus der Technischen Universität wahre Exoten inmitten all der Naturwissenschaftler sind. Was uns als Studienstandort so attraktiv macht, ist, dass wir versuchen die Trends im redaktionellen Arbeiten aufzugreifen und direkt in die journalistische Ausbildung einfließen zu lassen. Die Gründerväter unseres Instituts haben das „Dortmunder Modell“ entwickelt. Damit ist das einjährige, integrierte Volontariat im Studium gemeint. Das macht unseren Studiengang sehr attraktiv und ist ein toller Einstieg für die Studenten in die Praxis – ohne dass sie dabei große Abstriche in der Wissenschaft machen müssen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, sich in den Lehrredaktionen zu betätigen.
Sie mussten noch keinen Ihrer Studenten wegen Praxisschock in die Instituts-Bibliothek einweisen?
Meier: Selbstverständlich nicht. Die Journalistik in Dortmund hatte schon immer den Anspruch, wissenschaftlich und berufsorientiert auszubilden. Wir wollen Absolventen, die am Arbeitsmarkt bestehen können. Sie sollen ihr Handwerk beherrschen und darüber hinaus Themen so recherchieren und aufarbeiten, wie es in einer modernen Demokratie wichtig ist: kritisch und reflektierend.
Müssen Journalist von morgen, ach was, von heute, ihre Geschichten viermal denken: als Radio- und Fernsehreporter, Print- und Onlineschreiber zugleich?
Susanne Fengler (38) ist Professorin für Internationalen Journalismus am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund und Leiterin des Erich-Brost-Instituts.
Die gebürtige Dortmunderin studierte Kommunikationswissenschaft in Berlin und hat als Journalistin gearbeitet. Als Stipendiatin der FAZIT-Stiftung der Frankfurter Allgemeine Zeitung promovierte sie über Medienjournalismus in den USA. Anschließend arbeitet sie von 2001 bis 2003 in der Politik, im Jahr 2004 ging die Kommunikationswissenschaftlerin in der Schweiz. Seit 2008 ist Susanne Fengler Professorin für internationalen Journalismus an der TU Dortmund. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte: Medienselbstkontrolle im internationalen Vergleich und Journalismus in Entwicklungsländern.
Meier: Wir üben das zumindest. Wir verbinden in einem Newsdesk-Projekt und in crossmedialen Konferenzen unsere verschiedenen Campus-Medien. Die studentischen Teams müssen hier überlegen, wie sie das Thema im Fernsehen, in der Zeitung, online oder im Radio aufarbeiten wollen. Wir sehen das durchaus als eine Laborsituation. Zwar wird in der Regel ein Journalist nicht alle vier Kanäle gleichzeitig bedienen können, aber er sollte wissen, wie die Plattformen ticken. Und er muss wissen, was der Kollege braucht, der für eine andere Plattform tätig ist.
Den klassischen Print-Journalisten bilden Sie also nicht mehr aus?
Meier: Bei uns kommt keiner am crossmedialen Arbeiten vorbei. Die Studenten können sich dadurch den Luxus leisten, auszuprobieren was geht und was nicht geht – ohne sofort in einen ökonomischen Verwertungsdruck zu geraten. Die Reflexionsphasen, die wir in den Lehrredaktionen haben, sind sehr wichtig. Und lehrreich.
Da Sie schon von Verwertungsdruck reden. Ist die Einführung von Newsdesks eine ökonomische oder eher eine journalistische Notwendigkeit?
Meier: Der ökonomische Druck in der Medienbranche ist da, keine Frage. Der Werbekuchen wird eher kleiner als größer. Das breite Publikum will nicht mehr, sondern weniger für journalistische Produkte bezahlen. Journalismus muss mit weniger Ressourcen bessere Arbeit leisten. Die Frage, wie man sparen kann, darf aber nicht die alleinige bleiben. Aus Forschungsprojekten wissen wir, dass Newsdesks ein Qualitätsvorsprung bedeuten können: mehr eigene Geschichten, crossmediale Themenbearbeitung, Themen setzen, welche die Region bewegen.
Was war zuerst da: der Desk oder die Krise?
Meier: Eindeutig der Desk! Die Grundüberlegung bei diesem Konzept ist ja, Ressortgrenzen zu überwinden, um Geschichten aus verschiedenen Blickwinkeln heraus beschreiben zu können. Das ist von Anfang an ein deutlicher Qualitätspunkt und weniger ein ökonomischer.
Sie legen auch großen Wert auf die internationale Ausbildung der Studenten. Mal für die Ignoranten unter uns: Was nutzen dem Lokalredakteur im Sauerland Kenntnisse über das Zeitungswesen in der Ukraine?
Fengler: Man entwickelt beim vergleichenden Blick über den eigenen Tellerrand ein Gespür für die Vorzüge des Mediensystems Deutschland – bei allen nationalen Problemen. Deswegen hoffe ich, dass der Lokalredakteur im Sauerland – wenn er bei uns in Dortmund studiert hat – umso größeren Wert darauf legt, seine journalistischen Möglichkeiten zu nutzen und sich nicht von örtlichen Honoratioren vereinnahmen zu lassen.
Unsere Studenten müssen sich auch mit Europa auskennen, an Brüssel geht kein Weg mehr vorbei; auch nicht auf lokaler Ebene. Als Journalist kommt heute nur klar, wer die europäischen Institutionen versteht und weiß, wie die arbeiten. Gerade waren wir mit 70 Studenten in Brüssel bei den europäischen Institutionen, das war ein Aha-Erlebnis für viele.
Und was lernen wir Journalisten über uns, wenn wir ins Ausland blicken?
Fengler: Scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen. Hinter Klischees zu schauen.
Es soll ja noch immer Vorurteile gegenüber Kollegen geben, die als Diplomjournalisten von der Uni in die Redaktion kommen. Eines lautet, sie gingen zu akademisch an ihren Beruf heran.
Fengler: Da müssen wir geduldig sein. Ich fürchte, diese Vorurteile bleiben noch für eine Weile unausrottbar. Das liegt vielleicht auch daran, dass unser Fach noch nicht so alt ist. Der Bereich der Medizin etwa ist ein über Jahrhunderte hinweg etabliertes Fach. Wir werden noch lange gegen die Meinung ankämpfen müssen, nach der Journalisten gefälligst was „Anständiges“ studieren sollten, also ein klassisches Fach. Fest steht: Man kann auf verschiedensten Wegen eine guter Journalist werden.
Uns zeichnet aus, dass wir versuchen, die Leute zu nachdenklichen, sorgfältigen und qualitätsbewussten Journalisten auszubilden. Und dabei muss uns der Spagat zwischen Theorie und Praxis gelingen, keine Frage.
Meier: Akademische Journalistenausbildung trägt dazu bei, den Beruf zu professionalisieren. Im derzeitigen dynamischen Wandel der Medienmärkte, -techniken und -produkte reicht es nicht mehr, sich das „Handwerk“ im Learning-by-doing-Verfahren durch Praktikum oder Volontariat selbst beizubringen, sondern das „Kopfwerk“ des Journalisten wird immer wichtiger. Dazu gehören zum Beispiel profunde Kenntnisse zum Publikumsverhalten, zur Rolle des Journalismus in der Gesellschaft, zu digitalen Medienwelten oder zu Qualität und Ethik. Vom Nachwuchs wird zunehmend gefordert, neue Produkte und Formate für die digitalen Ausspielkanäle zu entwickeln. Diese „Innovationsfähigkeit“ kann man viel besser in akademischer Freiheit als im Verwertungsdruck redaktioneller Arbeit lernen.
Applikationen für Mobiltelefone, Internet… wenn über Innovation gesprochen wird, dann wenig über Inhalte sondern mehr über Vertriebswege. Täuscht der Eindruck?
Fengler: Zumindest trifft das derzeit auf viele Debatten in den Medienfachkreisen zu. Allerdings versuchen wir uns Gedanken zu machen, wie wir das auf inhaltliche Weise angehen können, wie wir Innovation auch in die Darstellungsformen bekommen.
Was wäre demnach innovativer Journalismus?
Meier: Zum Beispiel neue multimediale Darstellungsformen entwickeln oder Themen in Kooperation mit Nutzern transparent recherchieren und erzählen. Welche neue Form von politischem Journalismus brauchen wir in der modernen Demokratie? Wie können wir die Menschen motivieren zu partizipieren – sowohl am Zustandekommen von öffentlichen Themen als auch an politischen Entscheidungsprozessen? Das Internet hat Potentiale, die wir bei weitem noch nicht nutzen.
Aber auch hier bestimmt die Form den Inhalt? Eine Seite-Drei-Geschichte muss doch anders erzählt werden als ein Artikel fürs Handy?
Meier: Im Internet gibt es neue Formate, die wir alle – Produzenten und Nutzer – erst lernen müssen. An dieser Baustelle arbeiten wir. Das ist die ureigenste Eigenschaft von Wissenschaft: Grenzen ausloten, Impulse geben, Neues entdecken, ausprobieren und evaluieren.
Und was rufen Sie den Verlegern zu, die Ihnen sagen, aber das kostet?
Meier: Provozierend gesagt: Dieses Problem müssen die Verleger lösen, nicht die Journalisten. Ich provoziere deshalb, weil ich es als problematisch sehe, wenn die Finanzierungsfrage immer zuerst gestellt wird – nicht nur von Verlegern, sondern auch von Redakteuren und inzwischen sogar von Studenten. Es ist ein großes Problem, wenn wir Innovation in jedem Kontext mehr als ökonomische statt als journalistische Herausforderung begreifen. Wir können nicht die Finanzierungsfrage für unsere Verleger lösen. Wir können diese Frage mitdenken, aber eben nicht in erster Linie.
Was kommt an Innovationen aus dem Ausland auf uns zu?
Fengler: Viele Innovationen kommen immer noch aus den USA, weil die uns technisch ein ganzes Stück voraus sind. Der Markt dort ist nicht nur größer, sondern auch stärker kommerzialisiert als bei uns. Durch die Zeitungskrise, die wir auch dort beobachten können, wird sich das aber in Zukunft ändern. Zugespitzt formuliert: Die USA haben im Mediensektor als Vorbild ausgedient. Viele etablierte Titel wissen auch dort nicht mehr weiter. Inzwischen schaut man auch nach Skandinavien, nach Großbritannien. Mich fasziniert auch der Blick in Entwicklungsländer oder den arabischen Raum. Dort hat sich etwa die mobile Kommunikation über das Handy anders entwickelt. Oftmals ist das Handy der einzige Kanal, um an unzensierte Informationen zu kommen – Rundfunk, Fernsehen und viele Websites werden hingegen streng kontrolliert. In diesen Ländern sind die Innovationen im Journalismus politischer getrieben als bei uns, wo es doch mehr um Unterhaltung geht. Das macht den Blick auf Mediensysteme, die unter ganz anderen Voraussetzungen funktionieren, so interessant.
Ich will meine Frage anders formulieren: Was sehen Sie, wenn Sie in die Glaskugel blicken? Gibt es d i e Innovation, die unser Verständnis von Medien und vom journalistischen Arbeiten in den kommenden Jahren radikal verändert wird?
Fengler: Die Individualisierung der Mediennutzung wird durch die Fortschritte in der Technik immer weiter voranschreiten. Was das für den Journalismus in zehn, zwanzig Jahren bedeutet, können wir jetzt allenfalls erahnen. Wer derzeit in die Glaskugel schaut, muß schwindelfrei sein.
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