Als Mittler zwischen zwei Welten
18.01.2011 | 18:04 Uhr 2011-01-18T18:04:00+0100
Eigentlich könnte Thomas Maring (31) Bücher schreiben, an Universitäten unterrichten oder chinesische Touristen durch das Historische Museum in Berlin führen. Doch Dr. Maring, Germanist und Historiker, bevorzugt die Dortmunder Nordstadt. Deswegen interessieren ihn Goethe und Schiller zur Zeit nicht so sehr, viel lieber philosophiert er über die Texte von Gangster-Rapper Bushido – das kommt gut an, bei den Jugendlichen aus der Nordstadt.
An der Anne-Frank-Gesamtschule greift Maring den Lehrern unter die Arme – als Hilfskraft. Er nimmt an einem bundesweiten Projekt teil, bei dem er als sogenannter Fellow (englisch: Partner), die Lehrer in den Unterricht begleitet. Er gestaltet die Stunden mit und kümmert sich um Schüler, zeigt ihnen ihre Stärken, berät sie, spricht Mut zu. „Er ist wie ein Kumpel, ich grüße ihn mit Handschlag und Schulterklopfer. Trotzdem, ich habe echt Respekt vor ihm“, sagt Murize (16).
Leben in zwei Welten:
Schule und Zuhause
Eigentlich steht Lyrik auf dem Stundenplan. Als aber Bushidos neuster Hit aus den Boxen dröhnt, hat der 31-Jährige die Schüler der Klasse 9 für sich gewonnen. „Die Jugendlichen sollen im Unterrichtsstoff ihr Leben wiedererkennen“, sagt Maring. Sein Plan geht auf. Die Aufgaben, die er ihnen stellt, lösen sie in Gruppenarbeit, dabei murmeln die Jungs und Mädchen leise vor sich hin. Maring zieht seine Runde durch den Klassenraum schaut den Schülern über die Schulter, verteilt Lob.
Ziel der gemeinnützigen Initiative Teach First Deutschland sind bessere Bildungschancen für benachteiligte Schüler.
Herausragende Hochschulabsolventen können für ein Bruttogehalt von 1750 Euro zwei Jahre lang Lehrkräfte an Problemschulen unterstützen. Außerhalb des Unterrichts bieten die Fellows verschiedene Lern- und Förderangebote an
Sieben Fellows arbeiten in Dortmund, in NRW sind es 27.
In der Pause kommt ein Junge zu dem „Fellow“. Er will ihm was erzählen. Dass er eine Freundin hat, mit der er Händchen hält, dass er im Moment sehr traurig ist, weil ein Verwandter gestorben ist. Maring hört zu, nickt verständnisvoll und tröstet. „Mit vielen Themen können sich die Schüler nicht an ihre Eltern wenden, die Lehrer sind eine Art Familienersatz“, erzählt Maring. Dazu gehört auch, dass er den älteren Schülern beim Schreiben von Bewerbungen hilft, mit ihnen über ihre Zukunft spricht und sie berät.
Ein Großteil der Schüler kommt aus finanziell schwachen Familien, weiß Thomas Maring. Bedürfen einer besonderen Zuwendung und vielen Verständnisses. Vor allem die kulturellen Hintergründe gelte es zu verstehen, die zum Teil aus der Türkei und dem Nahen Osten kommen. Maring kennt diese Region – bevor er an die Gesamtschule kam, arbeitete er in einem palästinensischen Flüchtlingslager, wo er Kindern Englisch beibrachte. Auch in Syrien und im Libanon war er unterwegs, um Arabisch zu studieren. Maring weiß, dass die Schüler der Gesamtschule in zwei Welten leben – zu Hause und in der Schule. Zuhause spricht der Vater das letzte Wort, die Kinder unterliegen strengem Gehorsam. In der Schule wird offen miteinander geredet.
Doch auch Maring weiß manchmal keinen Rat mehr. „Ich war geschockt, als mir eine Schülerin erzählte, sie dürfe nur noch zur Schule gehen, aber keine Freunde mehr treffen und nicht einmal mehr einkaufen gehen. Nur, weil sie sich verliebt hatte“, erzählt Maring.
Für diese Jugendlichen ist die Schule der Mittelpunkt des Lebens. Deswegen hat sich Maring, der seine Promotion mit 1,0 abschloss, für diese Aufgabe entschieden. Er will den Jugendlichen ein Vorbild sein, sie dabei unterstützen, ihren Weg in der deutschen Gesellschaft zu finden, egal woher sie kommen.
Jetzt will er erstmal seine sechste Klasse bis zum Schulabschluss begleiten: „Sie sollen es alle schaffen!“ Obwohl er inzwischen ein Referendariat angeboten bekommen hat, plant er nicht, Lehrer zu werden. Maring möchte in die Politik. Er will das deutsche Bildungssystem reformieren.
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