Als Fahrradfahrer sicher in der „Kritischen Masse“

Die Gruppe Critical Mass trifft sich einmal im Monat, um in Verband auf ihren Fahrrädern durch Dortmund zu fahren.
Die Gruppe Critical Mass trifft sich einmal im Monat, um in Verband auf ihren Fahrrädern durch Dortmund zu fahren.
Foto: WNM
Was wir bereits wissen
Mit dem Fahrrad durch eine Großstadt zu fahren, erfordert Mut und Konzentration. Gemütlicher geht es im Verbund. Darum trifft sich einmal im Monat die „Critical Mass“ in Dortmund. DerWesten ist mitgefahren.

Dortmund.. Wer sich mit dem Fahrrad ins Getümmel des Straßenverkehrs stürzt, merkt schnell, dass er am unteren Ende der Nahrungskette steht: Fußgänger blockieren Radwege, parkende Autos versperren den Weg, eilige Drängler nötigen den Pedalisten zu gefährlichen Ausweichmanövern – ganz zu schweigen von Rechtsabbiegern, die keinen Gedanken daran verschwenden, dass rechts neben ihnen noch ein geradeaus fahrender Radler sein könnte. Der Radfahrer ist in der City ein Einzelkämpfer.

Doch es geht auch anders. Denn im Verbund fährt es sich deutlich geschützter. Einmal im Monat mit der Critical Mass Dortmund zum Beispiel. DerWesten hat sich im Selbsttest mit ins Getümmel gestürzt und sich gemeinsam mit den Protest-Radlern der „Kritischen Masse“aufs Rad geschwungen.

Samstag, 12. Februar, 15 Uhr. Auf dem Friedensplatz hat sich ein Grüppchen von etwa 40 Fahrradfahrern zusammengefunden. Der Regen vom Vormittag hat offenbar viele Teilnehmer abgeschreckt, denn bei gutem Wetter sei die Teilnehmerzahl deutlich höher, sagt Rolf Meinecke, einer der Organisatoren der Critical-Mass-Fahrten in Dortmund. „Wir wollen die Fahrradkultur in Dortmund verbessern“, erklärt Meinecke. „Wir wollen uns den Platz im Straßenverkehr nehmen, der uns zusteht.“

Um 15.10 Uhr setzt sich der Verband in Bewegung. Vom Friedensplatz geht es schnurstracks Richtung Wall. Ein völlig neues Fahrgefühl für jemanden, der sich sonst als Einzelkämpfer durch den Verkehr schlägt. Der Verbund gibt sofort ein Gefühl der Sicherheit.

Bei Rot über die Ampel

Wir fahren auf den Wall, ein Mitfahrer blockiert die Straße und signalisiert den wartenden Autos, dass hier etwas Größeres unterwegs ist. Alle 40 Radler fahren geschlossen auf die Hohe Straße, und gleich beim Abbiegen die erste neue Erfahrung für den Neuling: Die Linksabbieger-Ampel springt auf Rot um, doch wir fahren einfach weiter. Denn der Verbund muss zusammenbleiben. Zum Unverständnis der motorisierten Verkehrsteilnehmer. Schon hier ertönt das erste nervöse Hupen, weil wir gerade die Fahrbahn blockieren. Weiter geht es die Hohe Straße entlang. Der Weg ist allen unbekannt. Die Critical Mass basiert auf einer gesund dosierten Anarchie. Wer vorne fährt, gibt den Weg vor, der Rest folgt.

Im Kreuzviertel werden wir so gut wie nicht beachtet. Auf der Lindemannstraße ist alles völlig entspannt, Passanten schauen interessiert, ob dieser ungewohnt großen Menge an Radlern. Das Tempo ist gemütlich. Am Ende werden wir einen Schnitt von 12 km/h gefahren ein. Aber gerade das ist es, was die Fahrten in der Masse so interessant auch für Familien macht. Wer will es seinem Nachwuchs schon zumuten, auf einer vielbefahrenen Straße mit dem Fahrrad zu fahren? In der Masse werden die Schwächeren in die Mitte genommen und sind geschützt.

Wir nähern uns wieder der City. Über den Wall geht es Richtung Westenhellweg – der voran Fahrende hat sich vertan. Egal, einige Ehrenrunden um den Kreisverkehr auf der Kampstraße und weiter geht’s, über den Brüderweg, dann Richtung Borsigplatz. Hier ist richtig was los. Das Feld hält geschlossen an einer roten Ampel, dann starten wir in den Kreisel. Autofahrer gucken uns verdutzt an, einige hupen. Nach einer halben Umrundung folgt die erste Kraftprobe: Eine Ampel springt auf Rot, eigentlich könnte der gesamte Verbund noch weiterfahren, doch aus der Oesterholzstraße kommt eine Straßenbahn. Statt uns durchzulassen, forciert der Fahrer das Tempo und prescht auf uns zu. „Das durfte der gar nicht“, erklärt Rolf Meinecke anschließend. Auf der Straße gelte eben vielerorts das Recht des Stärkeren.

Gruppen ab 15 Personen

Dabei ist in der Straßenverkehrsordnung festgelegt, dass Radler-Gruppen ab 15 Personen gewisse Sonderrechte genießen. So darf man im Verbund auch nebeneinander oder eben über rote Ampeln fahren, damit die Gruppe nicht auseinanderreißt. Wichtig ist, dass die Gruppe nicht den Charakter einer Demonstration haben darf, denn die müsste angemeldet werden.

Nach einer weiteren Runde um den Borsigplatz geht es zum Nordmarkt und weiter durch die Nordstadt. An der Mallinckrodtstraße wird es noch einmal kritisch: Die Gruppe möchte sich links einordnen und nimmt dafür die gesamte Straßenbreite in Beschlag. Einem Autofahrer gefällt das nicht, und er gibt Gas. Doch es passiert nichts – Drohgebärden.

Related content Der Rest der Fahrt verläuft gemütlich. An die gelegentlichen Hup-Geräusche gewöhnen wir uns ebenso schnell wie an die neugierigen Blicke der Passanten. „Wir müssen uns regelkonform verhalten“, sagt Rolf Meinecke. „Dass die Autofahrer hupen, ist verständlich.“ Auch mit den Ordnungshütern, die uns begegnen, gibt es keine Probleme: „Die ignorieren uns“, sagt Meinecke und lacht.

Nach knapp einer Stunde stoppen wir hinter dem ehemaligen Museum am Ostwall.

Bleibender Eindruck und Ideen für den Alltag

Die Fahrt mit der Critical Mass hinterlässt einen bleibenden Eindruck und animiert zu vielen Ideen für den zweirädrigen Alltag. Wenn es so einfach ist, sich als Fahrradfahrer seinen eigenen Schutzraum mitten im Straßenverkehr zu errichten, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für Wochenendausflüge. Aber auch lose organisierte Pendler-Konvois könnten sich in der Frühe an einem zentralen Ort treffen und dann als Gruppe, etwa über die Märkische Straße, in die City radeln. Für den Sommer sicherlich eine Alternative für den innerstädtischen Berufsverkehr. Denn – zumindest bei schönem Wetter – das Radeln spart nicht nur Sprit, sondern ist außerdem auch noch gesund.