Achtung, das war Kunst!

Foto: WR RALF ROTTMANN

Dortmund.. Menschen eilen ihres Wegs, nur ihr Ziel im Kopf, den Blick verstellt für all die Objekte, die Schönheit oder Denkanstoß versprechen. Ein Stadtrundgang mit offenen Augen - und eine Bestandsaufnahme.

Das Tor in die Kaiserstraße ist bunt, fröhlich - und verschwindet in der Hektik alltäglicher Anforderungen: Die Verbaustreben in Regenbogenfarben haben sich so perfekt in das Straßenbild integriert, dass sie gar nicht mehr auffallen. Achtung, das war Kunst! Aber eine, die an keiner Museumswand hängt, um sich auszuweisen.

Wenige Schritte. Unausweichlich recken die drei Köpfe vor dem Amtsgericht ihre ein wenig grün angelaufenen Nasen in die frische Luft. Menschen eilen an ihnen vorbei und schenken ihnen keinen Blick. Und das, obwohl die „Zeitreise mit Menschen”, ein Projekt der Hauptschule am Ostpark mit Harald K. Müller und Haise-Maria Antonic fast ein Märchenbuch ist: Ein Mensch an einem schlichten Feuer, Dinosaurier, Pyramiden, griechische Säulen erzählen jedem Menschheitsgeschichte, der sehen will.

Klettergerüst oder kreatives Werk?

Übersehen wird die Kunst im Park des Museums am Ostwall nicht. Dafür sorgt schon eine Übersichtstafel, die dezidiert verzeichnet, wo auf der Grünfläche Skulptur und wo Spielplatzgerät steht - nur, falls da jemand etwas verwechseln sollte. Die Klettergerüste jedenfalls werden noch einmal per Edelstahlsäule als solche ausgewiesen - an der Kunst hingegen fehlt jeder Hinweis auf ihre Erschaffer. Vandalen aber scheinen den Unterschied zu erkennen: Mit gel-ben, grünen, orangefarbenen Graffitis, Aufklebern, Kratzern haben sie auf die Provokation abstrakter Kunst von Heinz-Günter Prager, Ansgar Nierhoff, Wilfried Hagebölling und Gerlinde Beck reagiert - mit Gewalt, Zerstörung, Aneignung. Ob die Objekte zu unerträglich still waren? Ein verschwiegener Kampf zwischen Kunst und Leben, ästhetischen Prinzipien und gesellschaftlicher Anerkennung.

Andernorts sperrt Dortmund gleich seine Kunst einem Kuhstall gleich weg, hinter Bauzäunen, wie eine Gefahr, die es in ihrer Wirkung einzugrenzen gilt. Sie können ihr Versprechen von einer anderen Welt, die mehr ist als das bloß Greifbare, nicht mehr hinausraunen. Obwohl der Weihnachtsmarkt längst Geschichte ist, verstellen helle, kaum zu durchblickende Holzlatten und Stahlgitter den vom Architektenbüro Fortmann-Drühe entworfenen Springbrunnen so, dass nur noch rote Fliesen zu erahnen sind. Halb herausgebrochen, mit weißen Schlieren und Graffitis überzogen. Der Beton lässt sein graues Gesicht hervorquellen. Und auch der Europa-Brunnen von Joachim Schmettau ist umstellt, wie ein Rabauke in der Falle. Wer Kunst will, muss klettern.

Oder findig sein. Die Plastik „Mutter Hiroshima” von Anselm Treese schreit ihr Leid an der Propsteikirche ungehört heraus; Jan Bormanns Skulpturengruppe neben Kaufhof dient als Sitzplatz oder als Kulisse einer Döner-Werbung; die Brunnenplastik von Walter Hellenthal führt hinter Baum, Obststand und Verkaufshäuschen ein unbemerktes Dasein an der Petrikirche. Ein Kunstversteckspiel.

Anders die schwarze Raumschiffwolke, die Stefan Sousauf dem Platz von Amiens landen ließ: Hier, vor dem RWE-Tower, rutschen, sitzen, klopfen Menschen den Stahlkörper, unterschreiben, bekleben ihn.

Dortmund, Du liebst Deine Kunst.