Abzählen an den Fingern einer Hand
14.12.2008 | 18:25 Uhr 2008-12-14T18:25:00+0100Dortmund. Marie braucht ihre Finger, um eine Matheaufgabe zu lösen. Ohne sie ist die 13-Jährige hilflos. Was herauskommt, wenn man 5 und 3 addiert, kann sie nicht im Kopf ausrechnen.
Sie zählt vielmehr mit ihren Fingern ab und kommt nur so auf die richtige Lösung. "Sie rechnet nicht, sondern sie zählt Zahlen", sagt der Therapeut und Leiter des Mathematisch-Lerntherapeutischen Zentrums (MLZ) an der Münsterstraße, Wolfgang Hoffmann. Mit ihrer speziellen Mathe-Logik war sie zwar viel langsamer als ihre Mitschüler, kam jedoch problemlos durch die Grundschule. "Ich hatte immer eine Zwei auf dem Zeugnis", erzählt die Schülerin aus Oberhausen. Auf dem Gymnasium war für Marie aber Schluss: Von der Fünf in Mathe kommt die Achtklässlerin seit drei Jahren nicht mehr runter.
Was Marie all die Jahre noch nicht ahnen konnte, aber jetzt weiß, ist, dass sie nicht bloß schlecht im Rechnen ist, sondern an Dyskalku-
Fünf Millionen Deutsche betroffen
lie leidet. Mit ihrer Rechenschwäche ist sie nicht allein: Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden daran. Am MLZ helfen speziell ausgebildete Pädagogen und Therapeuten den Betroffenen, ein für sie völlig neues Zahlenverständnis zu entwickeln. "Für sie sind Zahlen keine Mengen, sondern Positionen wie etwa das Alphabet. Sie lernen einfach auswendig", sagt Wolfgang Hoffmann.
Auch Marie muss den Zahlenraum von grundauf neu kennenlernen und aufbauen. Für die 13-Jährige steht die Sechs nicht für sechs Dinge, sondern nur für den Sechsten, etwa den sechsten Finger ihrer zehn. "Diese Menschen haben kein Zahlenverständnis und sind auf dem Stand von Dreijährigen", sagt Hoffmann. Je früher die Rechenschwäche erkannt wird, desto erfolgsversprechender ist dann auch die Therapie.
Seit neun Monaten kommt Marie aus Oberhausen einmal die Woche ins MLZ und lernt gemeinsam mit Wolfgang Hoffmann. "Zunächst musste ich herausfinden, wie Marie eigentlich denkt und ein Fehlerprofil erstellen", sagt der Leiter des MLZ, der selbst Mathematik und Physik studiert hat. Auch Marie zählt nur Zahlen und rechnet nicht. Plus- und Minus-Zeichen zeigen ihr nur, ob sie hoch zählen muss oder runter. Auch versteht sie nicht, dass Zahlen ohne Null kleiner sind als die mit mehreren Nullen. So kommt Marie bei folgender Aufgabe zu einem kuriosen Ergebnis. Sie soll einsetzen: 4 x welche Zahl ergibt 1600. Maries Vorschlag: 4000.
"Ich will unbedingt mein Abitur machen"", sagt Marie. Damit sie das auch schafft, wird sie die nächsten Jahre weiter mit Wolfgang Hoffmann lernen. Ihre Fortschritte sind nicht zu übersehen: "Immer wenn ich hier war, verstehe ich im Unterricht viel mehr." Die Chancen, dass sie trotz ihrer Rechenschwäche im Leben klar kommen wird, stehen daher gut - besser als bei anderen Betroffenen. Denn nicht nur in der Schulnote zeigt sich eine Dyskalkulie, vor allem im alltäglichen Leben haben es jene Menschen schwer. Viele finden keinen Job oder verlieren ihre Stelle schnell wieder. Da leidet das Selbstbewusstsein. Hoffmann: "Es gibt keinen Beruf auf dieser Welt, bei dem man nicht zumindestens etwas Rechnen muss."
13:59
bin sehr dankbar für diesen Bericht. Bei unserer Tochter ist erst vor einem Monat Dyskalkulie festgestellt worden. Nun müßen wir uns erst informieren um Ihr helfen zu können. Danke nochmals
23:15
Diese Berichterstattung ist prima.
Wir,die Sadteltern Dortmund,arbeiten seit ca.drei Jahren mit dem MLZ zusammen.
Underen Pädagogen muss die Dyskalkulie noch viel nähergebracht werden.
Wir empfehlen die LehrerInnenseminare.