Abgeordneter fordert "neue politische Kultur" bei der SPD
01.10.2009 | 01:01 Uhr 2009-10-01T01:01:00+0200
Dortmund. Die SPD steckt in ihrer tiefsten Krise - und einer ist mittendrin: Marco Bülow, Dortmunds frisch wiedergewählter SPD-Parlamentarier für Berlin. Die WAZ sprach mit dem 38-Jährigen über seine Erwartungen an die Genossen in Dortmund und Berlin.
Frage: Herr Bülow, Sie sind seit Montag in Berlin. Wie ist die Lage?
Marco Bülow: Schlecht. Die Bitterkeit des Wahlabends ist natürlich noch nicht verflogen. Das Wundenlecken wird wohl noch eine Weile dauern. Außerdem: Die herben Verluste der SPD offenbaren Lücken auch auf den zweiten Blick. Unsere Fraktion schrumpft ja nicht nur nach Sitzen. Es geht auch Sach- und Fachkompetenz verloren. Zu den 75 verlorenen Abgeordneten kommen 300 Mitarbeiter, die wegbrechen. Trotzdem bleibt die Themenvielfalt, die wir als große Partei beackern müssen. Die Arbeit verteilt sich also auf weniger Köpfe.
Die SPD steht am Abgrund. Was muss jetzt geschehen?
Bülow: Wir brauchen eine neue politische Kultur in der Partei, damit nicht weiter nach Gutsherrenart entschieden wird. Viele denken so wie ich, trauen sich das aber nicht zu sagen, weil sie Angst um ihre Karriere haben.
Apropos Karriere: Frank-Walter Steinmeier, bisher Außenminister, Vizekanzler und Kanzlerkandidat der SPD, ist jetzt Fraktionschef. Aus Ihrer Sicht eine gute Wahl?
Bülow: Das war noch kein personeller Neuanfang. Für mich wäre Sigmar Gabriel auch eine Option gewesen.
Der Noch-Umweltminister ist als Parteichef im Gespräch, mit einer Generalsekretärin Andrea Nahles. Ist das die Lösung?
Bülow: Klar, das Trio Steinmeier, Gabriel, Nahles kann eine Antwort sein auf die derzeitige Krise. Ich würde aber vorziehen, wenn solche Entscheidungen als Prozess von der Parteibasis mitbestimmt würden. Urwahlen kann man nicht immer machen. Aber in so einer außergewöhnlichen Situation müsste man darüber nachdenken. Es ist doch so: Die Partei muss für das haften, was von der Spitze kommt. In der letzten Zeit hat man auf die Basis zu wenig gehört.
Sollte sich die SPD nach links orientieren oder mehr zur Mitte?
Bülow: Die SPD muss sich zunächst einmal selber fangen und natürlich knallharte Oppositionsarbeit machen. In der Opposition müssen wir aber erst unsere Rolle finden. Die Frage wird sein: Wie binden wir unsere Flügel ein? Dann müssen wir unser Verhältnis zu den Grünen und zur Linkspartei finden. Klar ist aber: Es sollte kein Unverhältnis sein.
In Dortmund verloren die Sozialdemokraten überdurchschnittlich. Ist Ihre Heimatstadt noch die Herzkammer der SPD?
Bülow: Ja, aber mit Flimmern. Wir müssen dafür sorgen, dass dieses Flimmern keinen dauerhaften Schaden nach sich zieht.
Die Dortmunder „Wahlbetrugs”-Debatte hat die SPD schwer belastet. Was erwarten Sie jetzt von den Genossen vor Ort?
Bülow: Klare Analyse und schonungslose Selbstkritik. Das Problem nur als Schmutzkampagne der CDU abzutun oder auf die vermeintlich unzuverlässigen Grünen, die bösen Medien und die Einflüsse der Bundespolitik zu schieben, das trifft es nicht. Da muss was von uns kommen, sonst werden wir keine Konzepte entwickeln, um aus dieser Diskussion herauszukommen. Das darf ebenfalls nicht nach Gutsherrenart passieren. Auch hier muss die Basis einbezogen werden.
Geschieht das denn?
Bülow: Je weiter man sich auf die Basis zubewegt, desto größer ist der Wille zur Veränderung. Man sollte genau reinhorchen in die Ortsvereine, welchen Änderungsbedarf sie sehen. Man darf das nicht nur den Parteifunktionären überlassen. Sonst verschreckt man das Potenzial, das diese Partei immer noch hat.
18:31
Vielen Dank an Marco Bülow für die klaren und nötigen Aussagen!
14:48
@Willy Steinkamp: Hannelore Kraft ist erst seit 2005 Vorsitzende der NRWSPD. Der gesamte Vorstand ist nach der verlorengegangenen Landtagswahl 2005 zurückgetreten.
Ich bin mir sicher, dass in der Dortmunder SPD sich etwas ändern wird. Hinter Bülow stehen viele engagierte junge Sozialdemokraten, die nun Verantwortung übernehmen müssen. Ich hoffe, Sie werden dies auch tun.
14:29
Bülow ist der einzige Lichtblick in dieser unverbesserlich starrköpfigen und dialogunfähigen Dortmunder SPD.
14:11
Besser als Herr Bülow hat noch kein Abgeordneter die Probleme der SPD erkannt. Jetzt muss auch entsprechend gehandelt werden!
14:03
Kann mir mal jemand erklären, wie jemand der in NRW das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren hat, der den Dortmunder Betrug schön redet in den Vorstand der SPD gewählt werden soll? Das ist kein Neuanfang sondern Verschleppung. Andere sind da konsequenter und von ihrem Landesvorsitz zurückgetreten.
13:28
Die SPD steckt in der tiefsten Krise überhaupt und es wird schwer dort wieder raus zu kommen..
Die Kraft ist auch zum Kotzen, habe auf dem alten Markt selber erlebt wie sie den Sirau toll-geredet hat oder es versucht hat, diese Leute haben die SPD auf dem Gewissen und das ohne Gewissen !!!
13:25
Sieraus Rücktritt wäre ein Zeichen des Neubeginns. Aber er klammert...
12:27
Das Problem nur als Schmutzkampagne der CDU abzutun oder auf die vermeintlich unzuverlässigen Grünen, die bösen Medien und die Einflüsse der Bundespolitik zu schieben, das trifft es nicht - richtig das hat die SPD selber verbockt.
Gut ist auch der Hinweis auf die Angst von vielen was zu sagen und dann die Karriere aufs Spiel zu setzen. Gerade in Dortmund wurden doch Reihenweise missliebige Leute hochbefördert oder regelrecht entsorgt von der SPD bis hin zu Bauernopfern wie zuletzt Faru Utemann. Mutig das auch mal offen anzusprechen.
Für viele kommt das aber nun zu spät. Die gehen gar nicht mehr zur Wahl oder Wählen andere als die SPD.
12:15
oops - ich entschuldige mich hiermit bei allen Prostituierten für den verunglimpfenden Vergleich mit das SPD
12:02
wozu brauchen wir denn die SPD? Die CDU hat die FDP als Wurmfortsatz, da ist die SPD überflüssig. Und die Themenfelder Soziales liegen inzewschen bei den Linken und werden dort bestens betreut.
Traurig nur, dass sich die SPD als Möchtgernnutte selber dekonstruiert hat in der großen Kopulation und der Zuhälter Steinmeier ist nun der Neuanfang - selten so gelacht