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Schule : Lehrer lernen, damit Schüler sie verstehen

Dortmund, 16.02.2010, Katrin Schlusen

Dortmund. Nicht der Stoff ist schuld, dass Schüler ihren Lehrern nicht folgen können, sondern die Sprache. Um Unterricht zu bieten, der mehr auf die Sprache der Jugend zugeschnitten ist, drücken Pädagogen nochmal die Schulbank. Sie werden an der TU Dortmund zu Sprachförder-Coaches ausgebildet.

Ulrike Platz hört gerne zu, wenn sich Schüler unterhalten. Erst neulich hat sie in der S-Bahn dem Gespräch zweier Schülerinnen gelauscht. „Das eine Mädchen hat komplett auf Artikel verzichtet”, berichtet sie. Der, die, das kamen nicht vor. Das ist ein großer Trend in der Jugendsprache - aber in der Schule hat das nichts zu suchen.

Komplizierte Begriffe überfordern Hauptschüler

Schulsprache - das ist anders als „normales” Deutsch. Klar, mit dem Lehrer redet man anders als mit den Eltern. Aber mit dem Begriff Schulsprache ist auch gemeint, dass es ein spezielles Vokabular und eine spezielle Grammatik gibt. Ein Beispiel aus dem Unterricht: „Schraube die Lochblechstreifen auf dem Brett so an, dass die Batterie genau dazwischen passt.”

Ulrike Platz vom Institut für Schulentwicklungsforschung ( IFS ) der TU Dortmund betreut zur Förderung der Schulsprache Deutsch im Rahmen der Qualitätsoffensive Hauptschule künftige SprachFörderCoaches. Foto: Horst Müller / WAZ FotoPool Ulrike Platz vom Institut für Schulentwicklungsforschung ( IFS ) der TU Dortmund betreut zur Förderung der Schulsprache Deutsch im Rahmen der Qualitätsoffensive Hauptschule künftige SprachFörderCoaches. Foto: Horst Müller / WAZ FotoPool Foto: WAZ FotoPool

Ulrike Platz weiß, dass etwa das Wort „Lochblechstreifen” für viele Hauptschüler schon eine Überforderung ist. Sie ist Koordinatorin eines Weiterbildungsprogramms am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Bei der Fortbildung werden so genannte Sprachförder-Coaches trainiert.

Hauptschullehrer können Zusatzqualifikation erwerben

Erst in der vergangen Woche haben 50 neue Trainer mit der Zusatzqualifizierung begonnen. 40 weitere pauken schon seit Mai 2009 für den Zusatztitel. Sie sind allesamt Lehrer an Hauptschulen, sie stammen aus ganz Nordrhein-Westfalen und müssen viel ihrer Freizeit in die Fortbildung investieren.

„Schulsprache ist relativ neu in den Fokus der Pädagogen gekommen”, berichtet Ulrike Platz, die selbst jahrelang stellvertretende Direktorin einer Gesamtschule in Duisburg-Süd war. Dahinter steht die Erfahrung vieler Kollegen: „Ich habe das doch alles durchgenommen, wieso verstehen die Schüler den Stoff nicht?” Oft genug scheitere es nicht an dem Verständnis für das Fach, sondern am mangelnden Verständnis für die Grammatik. Und das betrifft nicht nur das Fach Deutsch - sondern alle Fächer.

Passivkonstruktionen schwierig für Migranten und Kinder aus bildungsfernen Schichten

„Bei Versuchsbeschreibungen in Physik müssen die Schüler distanziert formulieren”, erklärt Platz. Es ist unpassend, wenn der Schüler einen Bericht in der Ich-Form schreibt. Der Lehrer will hören: Das Wasser wird gekocht, damit Dampf entsteht. Nicht: Ich hab Wasser gekocht und dann hat es gedampft.

Kompliziertere Passivkonstruktionen fallen Kindern aus Migrantenfamilien nicht immer leicht. „Das betrifft aber nicht nur Schüler mit Migrationshintergrund, Deutsche aus bildungsfernen Schichten sind genauso betroffen”, betont die Projektkoordinatorin.

Trainer werden an Dortmunder Institut ausgebildet

Die Sprachförder-Trainer werden am Dortmunder IFS ausgebildet; die Seminare leiten Hochschulpädagogen eines wissenschaftlichen Konsortiums der Unis Duisburg-Essen, Köln und Münster. Die Sprachfördertrainer wollen an den teilnehmenden Hauptschulen Sprachtests durchführen. Zusammen mit den Schülern, Lehrern und Eltern sollen individuelle Lernziele vereinbart werden. „Früher hat man zusätzlichen Sprachförderunterricht angeboten”, so Ulrike Platz. „Heute weiß man, dass es besser ist, wenn die Schüler nicht aus der Klasse genommen werden, sondern der Lehrer Aufgaben mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden verteilt.” Die Coaches sollen dabei helfen.

Jedes Schulamt soll zwei dieser Berater zur Seite gestellt bekommen. Das Projekt wird vom Schulministerium gefördert. Erste Eindrücke aus der Arbeit mit den Schulen können die Lehrer, die schon seit dem vergangen Jahr dabei sind, heute in der TU Dortmund präsentieren. Ein Sprach-Coach muss mit Fingerspitzengefühl arbeiten: „Die Lehrer kriegen nicht gesagt: Ihr seit dumm, eure Schüler können kein richtiges Deutsch.” Ulrike Platz: „Ziel ist es, mit den Lehrern zusammen zu arbeiten.”

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13 Kommentare

Fein, dass auch die hohen Herrschaften endlich bemerken, dass sie mit ihren leeren Worthülsen über den größten Teil der Menschen hinweg reden.

Wer von "Evaluation" schwafelt anstatt von "Überprüfung", wer bis heute nicht klar definierte Modeworte wie "Migrant" benutzt anstatt "Einwanderer" oder "Ausländer" zu sagen, wer von "Nachhaltigkeit" redet - der braucht sich nicht zu wundern, dass ihn niemand mehr versteht.

Einfach nur Deutsch reden, keine Schachtelsätze, klare Aussagen machen, das verstehen sogar meine Hauptschüler ohne Probleme. Klingt aber natürlich nicht so hochtrabend und aufgeblasen, wie es die hohen Herrschaften wünschen.

#1 von Thaddek , am 16.02.2010 um 21:51

Voll krass, hammergeil

#2 von Bildungstäter , am 16.02.2010 um 23:11

Ach wie fein, dass auch Frau Ulrike Platz es geschafft hat, nunmehr nicht mehr auch nur eine Stunde als Frontgirl selbst an Hauptschule unterrichten zu müssen.
Willkommen im Club!

#3 von Epo , am 16.02.2010 um 23:23

#1 von Thaddek
Nicht vergessen: Sprache schließt aus oder bindet ein. Sprache dient sowohl der Profilierung, als auch der Verschleierung von Unkenntnis…

#4 von DenkSchlächter , am 17.02.2010 um 11:32

soso:

Ein Sprach-Coach muss mit Fingerspitzengefühl arbeiten: „Die Lehrer kriegen nicht gesagt: Ihr seit dumm, eure Schüler können kein richtiges Deutsch.”

Das wäre ja wohl auch dreist, erst recht, wenn er es schriftlich mitteilen und auch da "Ihr seit dumm" schreiben würde. Heißt es nicht mehr "Ihr seid"? Seid wann?

#5 von Smartass , am 17.02.2010 um 11:45

Kein Grund zur Panik! Schüler mit mangelnder Sprachkompetenz können problemlos bei den online Redaktionen deutscher Zeitungen und Magazine anfangen! Zum Redaktör reicht es allemal!

#6 von SrellaMaris , am 17.02.2010 um 12:31

'Einfach nur Deutsch reden'

Thaddek: Aber es wäre auch schön, wenn die Schüler zu Hause einfach nur Deutsch lernen würden, insbesondere mit einer halbwegs ordentlichen Grammatik. Es geht nicht darum die Hauptschule mit möglichst vielen Fachbegriffen zu belasten, aber einfach mal Deutsch wäre auch schon was, oder?

#7 von Der Ossi , am 17.02.2010 um 13:28

Welche spezielle Klientel keine Artikel verwendet, dürfte ja allgemein bekannt sein. Wir reden da von Schülern, die schon mit schwersten Sprachdefiziten eingeschult wurden, und die Lösung ist, jetzt Formen von Sprachpädagogik, die eigentlich in den Kindergarten, vielleicht noch in die Grundschule gehören, kurz vorm Schulabschluß HA9 nachzuholen. Und wenn am Ende ein Schulabschluß herauskommt, dann war das ja schon ein Erfolg. Hohe Prozentsätze der fraglichen Klientel schaffen den ja gar nicht, wie sich den amtlichen Statistiken entnehmen läßt.

Daß diese Gruppe Zeit ihrers Lebens mehr Transferleistungen erhalten als erwirtschaften werden, steht jetzt schon so gut wie fest. Aber dank Sozialstaat sind das die ersten, die Kinder bekommen. Soviel zur HarzIV-Debatte und zur "Kinderarmut".

Die weiteren Zusammenhänge (u.a. mit desaströsen Einwanderungsgesetzen) hat Gunnar Heinsohn erst letzte Woche hervorragend beschrieben: http://www.welt.de/debatte/article6305249/Der-Sozialstaat-pumpt-Geld-und-vermehrt-die-Armut.html

#8 von dummer Wähler , am 17.02.2010 um 13:35

"„Die Lehrer kriegen nicht gesagt: Ihr seit dumm, eure Schüler können kein richtiges Deutsch.”

Porno, warum Artikel gebrauchen, wenn selbst Qualitätsjournalisten nicht den Unterschied von seid und seit kennen?!

#9 von TheRealThomasS , am 17.02.2010 um 17:27

Das bestimmte Schüler keine Artikel verwenden muss nichts damit zu tun haben, dass Sie später gerne von Transferleistungen leben möchten oder einen Hass auf die deutsche Grammatik haben.

Im Türkischen beispielsweise gibt es keine Artikel. Phänomene, die man aus seiner Muttersprache nicht kennt, sind schwer zu erlernen. Deshalb haben Deutsche zB bis ins Abitur Probleme mit der Unterscheidung von einfachen und perfektiven Verbformen im Englischen (im Deutschen gibt es diesen Unterschied so nicht mehr), obwohl das Stoff der 6. Klasse ist.

#11 von Alexlander , am 17.02.2010 um 18:04

Schlage vor, dass Lehrer sich gleich ganz auf die Sprechweise "der Schüler" einstellen und häufige Gewohnheiten einfach übernehmen sollen.
Wozu noch die schwierigen Präpositionen lernen und verwenden? Sind doch überflüssig!
Beispiele: "Ich war Arzt" oder " Ich muss Bus" ... reichen doch für eine erste gute Verständigung schon einmal aus, bevor den Pädagogen empfohlen wird, doch lieber eine bestimmte Fremdsprache zu lernen.
(Kopfschüttel)
Wenn der erste Kontakt mit Büchern in der deutschen Sprache erst in der Grundschule mit "Schulbüchern" stattfindet und auch später nur auf "Schulbücher" beschränkt bleibt, entstehen logischerweise Sprachdefizite, die auch dazu führen, dass bestimmte Schülergruppen Probleme haben, "das deutsche Ausbildungssystem" zu verstehen.
Deshalb:
Immer schön die Anforderungen nach unten schrauben. Ich bin mal gespannt, wann diese Sprachempfehlungen auch für das Gymnasium gelten, damit entsprechende Prozentzahlen auch das Abitur machen können.
Quo Va... (Entschuldigung).... Wo gehsse, Deutschland?

#12 von Henry Heine gently weeps , am 17.02.2010 um 23:03

Auch Journalisten sollten solche Kurse besuchen. Sie verwenden oft statt "anscheinend" (vermutlich) das falsche "scheinbar"(sieht nur so aus, ist aber anders), fälschlicherweise "nichtsdestotrotz"(Spaßkonstruktion aus nichtsdestoweniger und trotzdem), statt trotzdem. Auch "Fakt" gibt es nicht, es heißt "Faktum".

#13 von vantast , am 18.02.2010 um 14:22

Was geht, du Opfer? Angewandte Straßenlinguistik für Lehrer fördert das miteinander und ist eine Bereicherung für unsere Sprache.

#14 von maped , am 19.02.2010 um 17:25
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