Sebastian Krumbiegel : Ein Prinz macht "Rockmusik für Erwachsene"

Dortmund. Vor 20 Jahren wurde Sebastian Krumbiegel als Mitglied der Prinzen bekannt. Jetzt geht der 43-Jährige mit seinem neuen Projekt „Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren” auf Tour. "Das ist Rockmusik für Erwachsene", sagt er im WR-Interview.
Als einer der Prinzen ist Sebastian Krumbiegel seit 20 Jahren ein Begriff. Nun geht er mit seinem neuen Projekt, „Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren” auf Tour. WR-Redakteur Andreas Winkelsträter sprach mit dem 43-jährigen Musiker im Vorfeld seines Auftritts am 9. März im Dortmunder „Piano”.
Warum ist aus dem Prinzen ein feiner Herr geworden?
Krumbiegel: Das heißt ja Sebastian Krumbiegel und die feinen Herren. Ich würde mich ja nie als feinen Herren bezeichnen. Ich glaube, es ist immer ganz wichtig, wenn man auch nach rechts und links blickt, das heißt, dass man nach zwanzig Jahren mit den Prinzen auch mal was anderes macht. Und da sind wir uns auch alle einige, dass es für das große Ganze nur positiv sein kann. Und aus der eingefahrenen Soße über den Tellerrand hinausguckt.
Hat das eine musikalische Veränderung zur Folge?
Krumbiegel: Ich denke auch, dass das eine musikalische Veränderung ist. Ich denke aber auch, dass die letzten Prinzen-Alben anders klingen als die ersten. Man ist ja doch unterwegs. Und es wäre schlimm, wenn man immer dasselbe machen würde. Das wäre langweilig. Ich denke schon, dass die Platte sehr anders ist, als das, was ich mit den Prinzen mache.
Und das mit Musikern, die Sie seit Jahren kennen?
Krumbiegel: Das ist aber nicht so, wie man es landläufig kennt, dass eine Band gecastet worden ist. Das ist wirklich zusammengewachsen. Da sind wir froh drüber und merken das auch, zumal wir die Sachen ja live aufgenommen haben. Und das kannst Du nicht machen, wenn du mit irgendwelchen zusammengecastet Leuten spielst. Das muss schon ein zusammengewachsenes Ding sein. Wir hatten schon viel live gespielt und waren dann der Meinung, dass wir diese Stücke mal aufnehmen sollten.
Wenn Sie die Prinzen auf der einen Seite sehen, auf der anderen Seite die feinen Herren. Wo liegen für Sie da die Unterschiede?
Krumbiegel: Erst mal darin, dass wir diese Platte sehr oldschool aufgenommen haben. Wir sind in ein kleines Studio in Tempelhof gegangen, deshalb heißt die Platte auch „Tempelhof”. Das ist ein analoges Studio mit einem Freak, der da uraltes Pulte und analoge Technik stehen hat. Unser Ehrgeiz für die Platte war, dass wir sie live aufnehmen, dass heißt, dass wir uns in einen Kreis setzen und wirklich wie vor 40, 45 Jahren spielen bis wir es dann für gut empfinden.
Sind Sie in musikalischen Dingen ein Perfektionist?
Krumbiegel: Perfektionist auf der einen Seite schon. Aber der Reiz dieser Aufnahme besteht ja darin, dass man schon Ecken und Kanten drin hat, eben nicht alles glatt gebügelt ist. Und die Stücke sollen nicht klinisch popmäßig kaputt produziert werden. Wir wollten auf den magischen Moment warten, der sich irgendwann einstellt, wenn wir zusammen in einem Raum sind, und die Stücke sieben, acht, zehn Mal einspielen. Und beim zehnten Mal ist es dann der Take, der es am Ende wird.
Gab es für Sie bestimmte musikalische Einflüsse?
Krumbiegel: Auf jeden Fall. Ich bin ja eher klassisch groß geworden mit Johann Sebastian Bach und Thomanerchor. Das war meine Kindheit. Erst später habe ich dann die Musik der 60er Jahre für mich entdeckt. Also die Beatles vor allem, die für mich die größten Lehrmeister überhaupt sind. Und bei dieser Platte haben wir und dann, auch aufnahmetechnisch orientiert an Musikern wie Lou Reed oder auch Velvet Undergound. Eben sehr akustische und nicht künstliche Aufnahmen. Man kann das immer selbst schlecht sagen. Einige Leute haben mir auch gesagt, dass sie das an Element of Crime erinnert. Das ist so diese Baustelle. Ich sag mal: Rockmusik für Erwachsene. Das ist definitiv keine Teenie-Mucke.
Sie haben ihr letztes Solo-Album vor sechs Jahren veröffentlicht. Stammen die Songs aus dem Fundus der vergangenen sechs Jahre?
Krumbiegel: Auf jeden Fall. Ich bin ja, um dieses komische Wort zu gebrochen, ein fleißiger oder kreativer Typ, der wirklich pausenlos schreibt und sich pausenlos Sachen ausdenkt. Da sind natürlich in den letzten fünf, sechs Jahren Sachen entstanden, aus denen wir dann wählen konnten. Für mich ist die Platte so eine Art erstes Album. Da hast Material aus fünf, sechs Jahren und versucht, die besten Sachen herauszuholen. Und deshalb bin ich wirklich ein bisschen aufgeregt wie bei meiner ersten Prinzen-Platte.
Seit dem Start mit den Prinzen hat sich ja auch Ihre Stimme verändert. Sie ist reifer geworden, passend zur Musik der feinen Herren?
Krumbiegel: Das ist, glaube ich, ganz automatisch so. Wenn ich jetzt noch so singen würde, wie zu Küssen verboten-Zeiten, wäre das künstlich. Erstens kann ich das gar nicht mehr, weil sich das wirklich verändert hat. Ich bin großer Fan von Johnny Cash. Und wenn man sich die letzten Platten anhört, etwa „American Recordings”, da hört man dann, dass das ein original alter Mann ist, der da singt. Wo man die Erfahrung heraushört und andere Dinge. Soweit bin ich noch nicht (lacht). Aber in die Richtung geht das schon. Die Stimme verändert sich, ist Sprache der Seele. Dann ist das automatisch, dass ich dann in der Zeit singe, wie ich singe. Ich versuche das nicht, künstlich zu machen. Das könnte ich auch gar nicht.
Auf dem Album ist ein Stück „Sei mein Freund”, eine Hommage an Rio Reiser?
Krumbiegel: Das ist ja lustig. Das ist ein Stück von Rio Reiser, unser einziges Coverstück. Ich bin ein großer Verehrer von ihm, auch die alten Scherbenplatten. Auch die alten Stücke. Da gibt es zwei Platten von ihm, die heißen „Rio am Piano”. Das ist ein Fundus an alten Sachen, die er teilweise als Demos gemacht hat. Teilweise erst nach seinem Tod veröffentlicht. „Sei mein Freund“ haben wir sozusagen geklaut. Und wollten das covern. Ich hab das auch immer für mich am Klavier gespielt. Im Original ist das schon sehr schön, da hört man ein quietschendes Klavier, seine traurige Stimme. Ich find das ein großartiges Lied. Und wenn man dann eine Coverversion macht, sollte man das nicht nachspielen, sondern in das Stück eine eigene Note geben. Ich glaube, dass wir das geschafft haben.
Sie sagten, Sie wollten nach links und rechts schauen. Es wird also die Prinzen weitergeben?
Krumbiegel: Auf jedem Fall. Ich hab mir jetzt ein Zeitfenster geschaffen, das erste Quartal 2010. Wir waren bis Weihnachten mit den Prinzen auf Tour und werden auch nach Ostern wieder auf Tour gehen. Und nächstes Jahr werden wir zwanzig Jahren Prinzen feiern. Es ist wichtig, dass wir andere Dinge machen. Da sind wir uns auch einig, dass das nicht als Konkurrenzding gesehen wird. Alle wissen, dass das für einen kreativen Menschen wichtig ist, sich neuen Inspirationen auszusetzen und sich neuen Dingen zu stellen, auch neuen Menschen. Und das kann man ja auch, wenn es gut läuft, wieder in die Band, sprich die Prinzen, hereintragen.
Wenn Sie vergleichen, die Anfänge der Prinzen im Musikgeschäft und heute, der Start mit den feinen Herren?
Krumbiegel: Da gibt's schon ne ganze Menge. Von mir aus gesehen, sind wir ins kalte Wasser gesprungen. Wir waren damals nur im Osten so'n bisschen Lokalmatadoren in Leipzig. Und dann haben wir sagen wir mal, das ganz große Popgeschäft für uns entdeckt. Natürlich hatten wir damals das Glück, zur richtigen Zeit die richtigen Leute am richtigen Ort getroffen zu haben. Natürlich kann man sagen, dass es heute die neuen Medien gibt, das Internet, neue Distributionswege. Am Ende, unter dem Strich, ist das nur der Überbau. Letztlich geht es nur darum, ob du was schreiben kannst, ob du was zu erzählen und sagen hast. Ob du eine eigene Meinung vertreten kannst. Und das haben wir immer schon gemacht. Ich war immer ein politisch denkender Mensch. Und davon habe ich immer versucht, etwas in meinen Texten rüberwachsen zu lassen. Nicht vordergründig als moralisches Zeigefinderding. „Schwein sein” oder „Deutschland” sind auch Songs, die im weitesten Sinn auch politisch sind. Auf der Platte sind schon Sachen drauf, wo ich ziemlich deutlich sage, was ich denke. Und das gehört für mich zum Musikmachen dazu. Und deshalb ist Rio Reiser für mich ein Vorbild, eine echte Inspiration, weil er das für sich auch immer als wichtig empfunden hat. Nicht nur Trallala und Herz-Schmerz zu singen, sondern auch eine Haltung, eine Meinung zu transportieren.
Ihre eigene Meinung transportieren Sie nicht nur in den Liedern, sondern beziehen auch im gesellschaftlichen Leben Position.
Krumbiegel: Ich glaube, das ist ganz unabhängig davon, ob man so genannter Prominenter ist oder nicht. Jeder soll tun, was er für richtig hält. Ich bin so sozialisiert. Ich bin ein Kind der Wende, ein Kind der Leipziger Montagsdemos. Damals war ich Student. Die letzten Züge der DDR haben wir natürlich extrem politisch erlebt, gerade in Leipzig. wir haben damals politische Texte geschrieben über Gorbatschow über den politischen Umbruch. Heute gibt es auch eine Menge Dinge, die um mich herumgehen, die mir nicht gefallen. Da versuche ich meine Meinung zu sagen, egal ob auf der Bühne oder im Leben. Ich will mich da auch nicht überschätzen und sagen. Hier kann ich die Welt retten. Mir geht's nur darum, als Künstler oder als Mensch meine Meinung zu sagen, ohne anderen Menschen vorschreiben zu wollen, dass sie genauso zu denken haben.
Sie engagieren sich ja auch gegen Rechtsextremismus, gegen Neonazis. Gibt's dafür ein Schlüsselerlebnis?
Krumbiegel: Nein eigentlich nicht. Wir machen in Leipzig ein Festival seit mittlerweile zwölf Jahren. „Courage zeigen” heißt das. Auslöser dafür waren damals die Wahlen, dass im Osten, in Sachsen-Anhalt und alle waren extrem erschocken darüber, dass rechte Parteien doch großen Anklang gefunden haben. Und dann sollte in Leipzig, am Völkerschlachtdenkmal, eine Nazidemo stattfinden. Wir wollten was dagegen tun. Und haben ziemlich blauäugig, vielleicht in der Tradition zu den Montagdemos, gesagt, Wir besetzen den Platz und machen da ein Konzert. Und so haben wir am Ende verhindert, dass die Nazis da aufmarschiert sind. Das hat viel mit Leipzig zu tun. Wir haben am Ende gelernt, dass es möglich ist, Dinge zu verändern, wenn man auf die Straße geht. Es wusste doch keiner, dass diese friedliche Revolution wirklich friedlich ausgeht, dass sie einen Systemsturz bewirkt hat. Das war eine Erfahrung, die sehr wichtig war für mich.
Sie sind ja 2003 auch von Nazis überfallen worden...
Krumbiegel: Das hat mich eher bestärkt. Du kannst Angst kriegen, dran zerbrechen oder du kannst da gestärkt rausgehen. Und da kannst sagen: Jetzt gerade. Und so geht es mir dann eher. Es soll nicht so salbungsvoll klingen. Ich halte das für normal und richtig, unabhängig davon ob ich Musiker bin oder einen anderen Beruf habe. Ich finde immer gut, wenn Leute klar Stellung beziehen. Ich bin nicht dafür da, Leuten irgendwelche Meinungen aufzudrücken. Ich bin maximal dafür da, meine eigene Meinung zu sagen und zu gucken, ob sich dafür jemand interessiert oder nicht.
Wenn Sie mit den Feinen Herren auf Tour gehen. Was werden Sie alles spielen?
Krumbiegel: Von den Prinzen wird es nichts geben. Das trenne ich auch ziemlich rigoros. Und das ist meine dritte Platte, die ich alleine gemacht habe. Hauptsächlich werden wir Tempelhof spielen. Denn das ist die Tempelhof-Tour.






















