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950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund

09.02.2012 | 17:32 Uhr
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
Foto: Franz Luthe

Dortmund.  Georg B. hat zwei abgeschlossene Ausbildungen und vier Aktenordner voller Bewerbungen. Es sind mittlerweile an 950. Er schrieb eine Bewerbung nach der anderen - und bekam eine Absage nach der anderen. Auch aktuell ist kein Job in Sicht. Der Dortmunder sagt: „Mir egal. Ich versuch’s einfach weiter“.

In Stichpunkten passt sein Arbeitsleben bis 2001 auf ein Blatt. Die nächsten zehn Jahre füllen jetzt den vierten Aktenordner: Bewerbungen, Absagen, Bewerbungen. Es sind mittlerweile an die 1000. – Und kein Job in Sicht. Georg B. hält seine Gesichtszüge unter Kontrolle: „Mir egal. Ich versuch’s einfach weiter“.

Egal ist 88. Und die ist Georg B. noch lange nicht. Er ist 54. Und dass es ihm eben nicht egal ist, zeigen seine Hartnäckigkeit, seine akribische Ordnung, seine Bewerbungsmappen. Dass er zwei Fachbriefe hat? Auch egal. Inzwischen ist er nicht mehr wählerisch: Versicherungskaufmann, Staplerfahrer, Disponent, Archivassistent, Sachbearbeiter, Datenerfasser, Lagerist, Verkäufer – er hat sich auf Dutzende Berufsarten beworben.

"Wir haben uns leider nicht für Sie entschieden"

Im gesamten Ruhrgebiet. Durchforstet täglich die Zeitung nach möglichen Stellenangeboten. „Bis heute“, sagt er, „habe ich 950 Bewerbungen geschrieben“. Ein knappes Dutzend Mal sei er daraufhin zum Gespräch eingeladen worden. Vom großen Rest haben manche zumindest einen netten Brief zurückgeschickt. Die meisten haben das „Nein“ in nur einen knappen Satz verpackt. „Wir haben uns leider nicht für Sie entschieden“. Ein Satz, der B. zurück auf seinen Hartz IV-Stammplatz schubst. Immer wieder.

„Erst war ich zu teuer. Dann zu alt. Dann überqualifiziert. Und jetzt bin ich zu lange raus“, zuckt er resigniert die Achseln. Man habe ihm geraten, sich zum Steuerfachgehilfen umschulen zu lassen. „Dann habe ich den dritten Brief in der Schublade – und noch immer keine Festanstellung“.

Gelernt hat er Groß- und Außenhandelskaufmann in der Textilbranche. Bundeswehr. Drei Monate arbeitslos. Dann – besser als nichts – „hab’ ich in der Poststelle einer Versicherung angefangen“. Und den Versicherungskaufmann per Abendschule draufgesattelt. Das hatte ihm für zehn Jahre eine Sachbearbeiterstelle im Kfz-Bereich gesichert. Bis zur Zentralisierung eben. Nach der Probezeit in einem anderen Versicherungsunternehmen – da, gibt er zu, hatte die Chemie nicht gestimmt – ging’s für ihn nicht weiter. „Das war 2001. Und seitdem bin ich arbeitslos“.

"Ich habe nie eine Lücke gelassen"

Er machte den europäischen Computerführerschein. Sechs Wochen Praktikum beim Versorgungsamt – ein behinderter Kollege bekam den Zuschlag. Ein 1,50 Euro-Job beim Ordnungsamt. „Ich habe die Dienstpläne für den Einsatz der Ordnungspartner gemacht“. Maßnahme ausgelaufen – und tschüß, die Nächsten bitte. Nahm Zeitverträge an: Drei Monate Datenpflege für einen Versicherer, drei Monate Datenerfassung für einen Großmakler, drei Jahre Kurierfahrer bei einer Bank. „Ich hab nie eine Lücke gelassen“, zeigt er Arbeitszeugnisse und Lebenslauf. Der wirkt auf den ersten Blick durch die zahlreichen Zeitverträge vielleicht etwas unstet. Und scheinbar ist diese ungewöhnliche Arbeitskarriere niemandem einen zweiten Blick wert.

Dass er als nicht ganz einfacher Mensch gilt? „Ich vertrete meine Meinung. Die kommt vielleicht nicht immer so an. Aber eigentlich bin ich ganz umgänglich“.

Kein Spielraum für Träume

Hartz IV. Da bleibt kein Spielraum für Träume. Auch nicht auf den engen Quadratmetern unter der Dachschräge, wo der 54-Jährige mit seiner Frau und Tochter lebt. Die 23-Jährige ist nach der Ausbildung übernommen worden – „Eine Sorge weniger“, atmet der Vater auf. Auch, weil sie jetzt ein bisschen was zu Hause abgeben kann. Er selbst verdient sich einen Hunderter im Monat dazu als Beifahrer bei AWO-Behindertenfahrten. Sonst käme man mit dem Geld niemals hin...

Eine Einladung hat er wieder bekommen. Jetzt ist er für das Jobcenter – „Ich habe drei Fallmanager und sieben Sachbearbeiter überlebt“ – ein „Best Ager“. Also einer im besten Alter. Für was? Bestimmt nicht fürs Rumsitzen auf dem Sofa. Was das mit einem macht, einem im besten Alter eben? „Ich bin abgestumpft“, wiegelt er ab. Dann rutschen ihm doch zwei Sätze raus. „Im Amt ist man nur eine Nummer. Ich habe dem Sachbearbeiter gesagt, dass ich gerne mal mit ihm tauschen würde. Nur damit er mal das Gefühl kennenlernt...“ Das Gefühl, das ihm selbst die Kumpels auf dem Fußballplatz vermitteln, dieses Zweiter, Dritter Klasse-Gefühl. Dieses unterschwellige Abspempeln, „Der will doch gar nicht arbeiten...“

Vielleicht beißt er deshalb immer wieder die Zähne zusammen. Und schreibt Bewerbung Nummer 951.

Anja Schröder

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Kommentare
13.02.2012
13:43
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von DEWFan | #18

Satire=ON
Vielleicht hätte er das Geld statt für Bewerbungen lieber in Lottoscheine investiert. Die Chance auf 6 Richtige beträgt immerhin 1:14.000.000. Bei Abgabe von 10 Tippreihen hat man seine Chance rechnerisch verzehnfacht. Und bei Abgabe von 100 Tippreihen sind die Chancen auf Beendigung der Bedürftigkeit durch den Gewinn von Lottomillionen bereits höher, als die Chance auf einen neuen Job für einen Mitvierziger. Deshalb sollte man das Lottoverbot für Hartz IV Empfänger noch mal gründlich überdenken, denn das ist immerhin ein mathematisch kalkulierbarer Weg aus der Bedürftigkeit und Lottomillionäre fallen außerdem aus der Statistik raus.
Satire=OFF

1 Antwort
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von Bockwurschtl | #18-1

was will der mit einem Lottogewinn? Der langweilt sich doch ohne einen Arbeitgeber vor dem er kriechen darf.

12.02.2012
23:59
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von Pyrexx | #17

Er ist 54 und seit 2001 ohne eine langfristige Anstellung. Innerhalb der EU denkt man darüber nach, das die Deutschen bis 70 Arbeiten sollen.
Klasse, dann hat er ja "nur noch" 16 Jahre bis zur Rente... Rente mit 70 erst, wenn es die Regierung schafft, arbeitswillige und geschulte Leute in seinem Alter unterzubringen. Aber selbst daran versagt die Regierung.

12.02.2012
21:37
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von Dittsche | #16


Und so sieht dann der sogenannte "Fachkräftemangel" in unserem
Bananenstaat aus.
Ja, Fachkräfte nicht älter als 20 Jahre, Kerngesund und mindestens
30 Jahre Berufserfahrung.
Als junge Fachkraft wäre ich schon lange ausgewandert.

12.02.2012
21:23
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von DerEchteIgel | #15

Erschreckend, und, damit ist er nicht alleine und 950 Bewerbungen? Es gibt Ältere die bis dato schon 1400 und mehr Bewerbungen geschrieben haben, erfolglos selbstverständlich, kein Wunder bei dieser Jugendorientierten Wirtschaft, in der du ab 45 als ALT giltst und keine Chance mehr bekommst. Sie suchen doch nur Ingenieure die 30 Jahre alt sind und 20 Jahre Berufserfahrung mitbringen.

Glücklich die, die fleissig Kontakte aufgebaut haben in ihrer Jugend, über dieses Vitamin B ist es u. Umständen noch einmal möglich eine Stelle zu bekommen. Ansonsten bleibt nichts als Hartz4 und der ein oder andere Minijob, der mehr oder weniger lohnenswert ist.

1 Antwort
Minijobs...
von DEWFan | #15-1

...lohnen sich nur in der eigenen Stadt, weil das Amt von den 400 € nur 165 € dem Bedürftigen lässt und von diesem Betrag noch eventuelle Fahrtkosten bestritten werden müssen. Die Arge fördert nur versicherungspflichtige Jobs. Außerdem wollen viele Unternehmen lieber Schüler, Rentner oder Studenten für ihre Minijobs, da diese noch weniger Nebenkosten verursachen. (Höhere Freibeträge und weniger Sozialversicherungskosten)

12.02.2012
21:04
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von neuduisburger | #14

der Mann möge sich bewerben unter ingbueroasus@t-online.de, bei soviel power besorge ich dem einen Job

1 Antwort
stellt Leute ein, soso...
von Bockwurschtl | #14-1

naja...
ich war gerade auf deiner Webseite - sehr unprofessionell gemacht. Wenig glaubwürdig, daß du Leute zu fairen Bedingungen einstellst, sonst hättest du dir längst mal einen halbwegs tauglichen Webdesigner geleistet.

12.02.2012
20:29
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von prodortmund1 | #13

Na ja,
die Jobs in Dortmund bekommt man nur mit dem richtigen Parteibuch :-)

Die Sozis sollten sich schämen!

12.02.2012
20:10
Angebot und Nachfrage
von mogli1 | #12

Der beste Schutz vor prekären Beschäftigungsformen wie Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, Lohndumping und auch vor Arbeitslosigkeit ist die Verknappung von Arbeitskräften. Diese Verknappung wäre auch durch die demografische Entwicklung zu Stande gekommen. Leider haben insbesondere SPD, Grüne und Gewerkschaften mit ihrer politischen Einstellung und Politik dafür gesorgt, dass das Potential an Arbeitskräften sich in Deutschland nicht verringern konnte. U.a. bedingt durch Zuwanderung gab es immer einen großen Überschuss an Arbeitskräften. Den Unternehmern hat diese gegen den Arbeitnehmer gerichtete Politik bestimmt gefreut.

1 Antwort
Die Zuwanderung...
von DEWFan | #12-1

...hat bisher nur den prekären "Bodensatz" verbreitert, weil die gewünschten Fachkräfte aus dem Ausland woanders bessere Bedingungen und Bezahlung vorfinden.

12.02.2012
20:06
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von meinemeinungdazu | #11

Schon traurig, wie die versagende Politik die Menschen im Stich gelassen hat. Hauptsache, man bedient sich selbst am Steuertopf.

12.02.2012
18:51
peinlich, peinlich...
von Bockwurschtl | #10

hat der keine anderen Hobbys, als 950 Bewerbungen zu schreiben? Und dann auch noch in der Zeitung damit prahlen? Langsam sollte er gemerkt haben, daß es nichts bringt. Ich für meinen Teil (selbst Hartzer) nutze meine Zeit sinnvoll für MICH.

2 Antworten
Blockierter Kommentar.
von dirkscheer | #10-1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

Blockierter Kommentar.
von Bockwurschtl | #10-2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

12.02.2012
18:33
950 Bewerbungen, kein Job – eine Hartz IV-„Karriere“ in Dortmund
von Rezisto | #9

Wo sind denn die sonst so zahlreichen Kommentatoren die bei jedem anderen Artikel in dem es um Hartz IV geht nach Leistungsstreichung auf 0€ schreien? Die, für die Arbeitslose von Natur aus stinkfaul und dumm sind? Passt das hier nicht ins Weltbild?
Traurige Geschichte! Und Schuld daran sind nennenden Schröder Gesetzen hauptsächlich die von mir oben beschriebenen Leute und ihre Denkweise! Nur aufgrund dieser weit verbreiteten denke ist sowas überhaupt möglich.

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