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PCB-Prozess

310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht

05.07.2012 | 06:00 Uhr
310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht
Sein Envio-Gutachten brachte Prof. Albert Rettenmeier einige Kritik und einen Untersuchungsauftrag ein. Foto: Knut Vahlensieck

Dortmund.   Im Envio-Prozess enttäuscht das Gutachten der Staatsanwaltschaft: Prof. Albert Rettenmeier liefert viele Allgemeinplätze, wenig Verbindliches. Zu wenig für den Vorsitzenden Richter Thomas Kelm. Er lässt jetzt 310 mit PCB vergiftete Envio-Arbeiter medizinisch untersuchen.

Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer für Hunderte vergifteter Arbeiter: Der Prozess gegen Envio-Boss Dirk Neupert und drei weitere Verantwortliche der PCB-Skandalfirma wird in Teilen neu aufgerollt. Weil das Gericht kaum etwas über den Zustand der Opfer weiß, werden jetzt alle 310 Envio-Arbeiter medizinisch untersucht, die Gift im Körper haben.

Es war ein guter Tag für die Nebenkläger, kein ganz so guter für die Angeklagten, ein bescheidener für die Staatsanwaltschaft und deren Gutachter Prof. Albert Rettenmeier. Der Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin am Essener Uniklinikum trat am Mittwoch als erster Sachverständiger auf. Er präsentierte das Gutachten, das die Anklage trägt: 51-fache vorsätzliche Körperverletzung, diverse schwere Umweltvergehen. Es entpuppte sich als eine Schrift, die der Verteidigung mehr half als der Anklage.

Verteidigung im Aufwind

Rettenmeiers Beiträge offenbarten Klippen des Verfahrens. Eine besonders hohe: Es gibt wenig Experten, die juristisch Belastbares sagen können über PCB, Dioxine, Furane und was es noch so alles an Giften gab bei Envio. Die Aufarbeitung des bundesweit größten PCB-Skandals der letzten Jahrzehnte krankt an Fachwissen. Ein Beleg: Der Arbeitsmediziner Rettenmeier dozierte über Toxikologie mit einigen fachlichen Wacklern.

PCB ist eines der zwölf Ultra-Gifte, die als „dreckiges Dutzend“ bekannt sind. Die Chemikalie ist seit 2001 weltweit verboten. Bei Envio wurde jahrelang unsachgemäß mit dem Stoff hantiert. Viele Opfer sind schon krank, an Leib und Seele. Noch mehr bangen um ihre Gesundheit. Zurecht, wie Rettenmeier ausführte. PCB greife Haut, Leber, Nerven, Immunsystem, Stoffwechsel und Hormonhaushalt an. Fälle von Prostata und schwarzem Hautkrebs, Leber- und Gallengangskrebs seien bekannt. Doch welche Giftmenge was im Körper auslöst, und wann, das ist offen. „Wahrscheinlich…höchstwahrscheinlich…möglicherweise… vielleicht...“. In seinem spekulativen Fahrwasser kam Rettenmeier in Not.

Die Verteidigung griff an. „Eine umweltmedizinisch-toxikologische Bewertung ist so nicht möglich“, sagte Neupert-Anwalt Ralf Neuhaus. Die nachweisbaren Folgen des Giftes seien gering. Von den 51 vermeintlichen Körperverletzungen, die die Staatsanwaltschaft Envio zur Last legt, hätten 23 Betroffene zu wenig PCB im Blut, um die Anklage zu halten. Und der Gipfel des Envio-Dramas, die 25 000-fache Verseuchung eines Arbeiters, „verzerre“ die Realität. Die europaweit einzigartige Giftmenge fuße auf einem fiktiven Referenzwert, sagte Neuhaus.

Richter unzufrieden

Rettenmeier widersprach. Doch überzeugen konnte er nicht. Sein Gutachten enthält kaum eigene Erkenntnisse, referiert zumeist internationale Fachliteratur. „Ich zitiere, wie die Autoren das darstellen“, murmelte der Mediziner. Dem Vorsitzenden Richter Thomas Kelm ist das zu wenig: „Mich interessiert ihre Wertung.“ Die sei unmöglich, weil ihm bisher „nur Blutwerte zur Verfügung“ stünden, „daraus kann man nichts ableiten“, sagte der Gutachter. Er habe nicht eines der PCB-Opfer gesehen. Ob es nicht besser wäre, sie und ihre Krankengeschichte zu kennen und sie dann zu untersuchen, fragte der Richter. „Eigentlich schon“, sagte Rettenmeier.

So kommt es nun. Die Kammer vergab den Untersuchungsauftrag. „Wir werden keine Kosten und Mühen scheuen, um Grundlagen für Entscheidungen zu bekommen“, sagte Kelm. Die Verteidigung protestierte: „Damit machen wir Grundlagenforschung.“ Einspruch abgelehnt. „Es ist notwendige Ursachenforschung“, sagte Richter Kelm. Der Prozess wird fortgesetzt.

Klaus Brandt


Kommentare
05.07.2012
11:42
310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht
von meuer4 | #5

Das wir das noch erleben dürfen!!!

Ein Richter, der den Opfer zu ihrem Recht verhelfen möchte, indem er die Fakten klären lässt!!!!

Danke!!!

05.07.2012
11:34
@ellerw1 | #3
von vaikl2 | #4

Das Problem ist nicht so sehr der Gutachter, sondern die äußerst schwammige Fragestellung an das Gutachten durch die Staatsanwaltschaft lange vor dem Prozessbeginn, bedingt durch null Erfahrung mit einem solchen Thema.

Deshalb ist es, wie Klaus Brandt ja treffend formuliert hat, für die Nebenkläger und Opfer auch ein Gewinn, wenn der Richter diese Auffassungslücken anmahnt und sich nicht mit diesem Gutachten-"Quickie" zufrieden geben will.

05.07.2012
10:40
310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht
von ellerw1 | #3

Ich verstehe den Gutachter nicht, der hat 2011 eine Medaille bekommen für besondere Verdienste um die Arbeitsmedizin. Und hat keine eigene Meinung? Keine Untersuchung die er selber getätigt hat?

1 Antwort
Querdenker sind nicht Erwünscht
von Ismet | #3-1

@ellerw
Das der eine Medaille verliehen bekommen hat, sagt nichts über sein Charakter aus. Es kann auch sein das er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war (ich möchte Ihm nicht unterstellen oder sonstwie zu Nahe treten).
Fakt ist nur, das in gewissen Kreisen Querdenker nicht gefragt sind. Manche Fakten unerwähnt bleiben sollen (velleicht auch müssen).

05.07.2012
08:55
310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht
von DerRheinberger | #2

Ich könnte fünf Gutachter nennen, die diesem unsäglichen Arbeitsmediziner Rettenmeier, der Staatsanwalschaft sowie dem Richter die Wirkung und Folgen von PCB erklären könnten. Es gibt sie zum Beispiel in Kiel und in Bremen. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat jedoch ihr Eigenleben. Dort wurden ja auch in einem Prozess gegen Nazis, welche nachweislich eine 1.Mai-Demonstration des DGB gewaltsam angegriffen haben, diese nach zwei Jahren Prozessverschleppung freigesprochen.

Wenn das PCB angeblich so harmlos ist, warum wird bei Envio nicht weiter produziert?

Es ist den betroffenen Arbeitnehmern zu wünschen, dass sie objektive und nicht von der Industrie gekaufte Gutachter bekommen und auch tatkräftige Rechtsanwälte, die nicht nur auf das Honorar schielen.

Die Bosse von Envio sowie die Aufsichtsbehörden!! gehören gemeinsam auf die Anklagebank!

05.07.2012
06:33
310 Envio-Arbeiter gehen zum Arzt - Gutachten enttäuscht
von xxyz | #1

Hat Medizin nicht in den meisten Fällen, wenn es um Medikamente und Gifte geht etwas mit Wahrscheinlichkeiten zu tun?
Wenn es nicht hilft, kommen sie biete wieder. Bei Medizinern ein normaler satz, der für jeden ingenieur das berufliche aus waere.

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