100 Zelte mit 100 Gedanken über Armut
03.07.2011 | 16:59 Uhr 2011-07-03T16:59:00+0200
Dortmund.Ein Zeltlager fast unterm Bürofenster von OB Ullrich Sierau auf dem Rasen hinter dem Friedensplatz: Igluzelte in blauer Grundfarbe waren für die dreitägige Aktion „Unbehaust: 100 Zelte Kunst“ künstlerisch gestaltet und bemalt aufgebaut worden.
Schulen, Organisationen der Wohnungslosenhilfe, aus freien Einrichtungen, aber auch Künstler und Studenten hatten sich in den letzten Wochen künstlerisch mit dem Thema beschäftigt. Vor allem Schulklassen hatten sich im Kunstunterricht intensiv mit „Unbehaust“ befasst, mit Armut und Reichtum.
Mit Rezepten und leeren Essensverpackungen setzten sich zum Beispiel die Schüler der Albert-Schweitzer-Realschule gegen soziale Ausgrenzung durch Armut und Oberflächlichkeit auseinander. Leere Flaschen mit aufgeklebten selbst gestalteten Etiketten und den Wünschen Glück, Freude, Hoffnung, Wärme, Liebe war die Umsetzung der Idee durch die Kielhornschule, während sich der 7. Jahrgang der Heinrich-Böll-Gesamtschule einen Platz auf der Sonnenseite vorstellte.
„Ausgezäunt“
„Ausgezäunt“ lautete der Titel der Darstellung der Kluft zwischen arm und reich von drei Kulturmanagement-Studentinnen: Ihr Zelt war von einem Maschendrahtzaun umgeben.
Organisiert worden war die dreitägige Aktion „Unbehaust“ vom Schauspiel Dortmund (Schirmherr war Intendant Kay Voges) und dem Straßenmagazin Bodo. Dabei, so die Idee von Projektleiter Daniel Kasselmann, solle es um die persönliche Verwurzelung, um Heimatlosigkeit, Fragen des Drinnen und Dräuen, von Ausgrenzung und Teilhabe gehen.
Auf dem Weg zum Wochenmarkt hielten vor allem den gesamten Samstag über viele Passanten inne, sprachen mit den Jugendlichen oder anderen anwesenden Künstlern. Zwischendurch gab es Interviews mit Vertretern sozialer Organisationen, Musik und Performance an den Zelten.
Deutlich stärker der Besuch in den späten Nachmittagsstunden, an dem sich Nordstadt-Barde Boris Gott und später Oliver Hasse musikalisch vorstellten. Zu vorgerückter Stunde gab es im „Institut für Überlebensstrategien (IFÜ)“ im Schauspielhaus Vorstellungen vom Performance-Theater Grautest Maru aus Berlin – Erinnerungen an die Dortmunder Theaterreihe „Stadt ohne Geld“.
Die 100 Zelte, gesponsert von einem namhaften Spezialisten für Camping und Freizeit, landen nach der Aktion nicht einfach auf dem Sperrmüll – sie wurden zum Abschluss von „Unbehaust“ für einen wohltätigen Zweck versteigert. Eher nachdenklich gestimmt war ein in Hilfsorganisationen eingebundener interessierter Dauergast der Kunstaktion: „Hier haben sich alle viel Mühe gegeben“, lobte er, „doch richtige Obdachlose, für die diese Aktion auf die Beine gestellt wurde, haben sich leider nicht sehen lassen“.
20:22
„doch richtige Obdachlose (...) haben sich leider nicht sehen lassen“.
Schöner Schlusssatz.
Wir werden beim nächsten Mal fragen, ob sich die anwesenden Wohnungslosen so verkleiden, wie sich das geneigte Publikum richtige Obdachlose vorstellt.
Und Programmänderungen geben wir beim nächsten Mal auch durch... ;.)
bodo Redaktion
19:19
Hier scheinen die Obdachlosen zu fehlen. Wurde überhaupt über die Realität im Leben von Obdachlosen recherchiert oder wurden die eigenen Phantasien umgesetzt?
Was bedeutet Ausgezäunt? Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich -wenn ich keine Wohnung hätte- andere Probleme hätte als bspw. über einen Oper- oder U-Besuch nachzudenken. BTW das mache ich jetzt auch nicht.
18:02
Ich frage mich, warum der Mensch im letzten Absatz die Abwesenheit von Obdachlosen beklagt. Was sollen die da? Die haben wohl andere Probleme als Kunst und Kultur, oder? Probleme, auf die die Künstler ja nun auch hinweisen wollten, und zwar nicht etwa die Obdachlosen (die kennen ihre Probleme wohl!), sondern den Rest der Bevölkerung.
Natürlich wird diese Aktion absolut nichts bewirken, denn von der Gesellschaft ausgeschlossen sind Obdachlose ja nicht etwa, weil es nicht genug Kunstaktionen für sie gibt, sondern aus ganz handfesten materiellen Gründen, deren Ursache im Wirtschaftssystem, im Kapitalismus, zu suchen sind. Das aber hinterfragt niemand, denn das halten alle - vermutlich auch die teilnehmenden Künstler - für irgendwie gottgegeben und/oder natürlich. Und so denken dann alle ein paar Stunden angemessen betroffen über Armut und Obdachlosigkeit nach, spenden ein paar Almosen und gehen weiter ihren Geschäften nach - bis zur nächsten Kunstaktion.