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10.000 Eltern in Dortmund sind alkoholabhängig

07.09.2012 | 08:45 Uhr
Sozialarbeiterin Kirsten Grabowsky will alkoholkranken Eltern und ihren Kindern in Dortmund helfen.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Jedes achte Kind in Dortmund leidet daran, dass seine Eltern alkoholabhängig sind. Gegen diese erschreckende Wirklichkeit kämpfen 15 Kooperationspartner, von Selbsthilfegruppen bis zum Gesundheitsamt. 350 Familien konnte in den letzten Jahren geholfen werden - doch der Weg ist nicht leicht.

Rund 10.000 Dortmunder Eltern und ihre Kinder haben ein ernstes Problem: Sie alle leiden unter den Folgen der Alkoholabhängigkeit . Jedes achte Dortmunder Kind soll in Mitleidenschaft gezogen sein. Die Zahlen sind alarmierend, die Hilfsmöglichkeiten begrenzt.

Trotzdem geben rund 15 Kooperationspartner von Selbsthilfegruppen bis zum Gesundheitsamt nicht auf. Immerhin konnten sie in den letzten Jahren so 350 Kindern und Familien helfen. Ein Anfang auf einem weiten Weg.

Das berühmte Glas Rotwein am Abend. Die Flasche Bier nach der Arbeit. Die Sektrunde unter Freundinnen oder der jährliche Festmarathon in der City. Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert. Tradition. Belohnung. Verdränger. Manche trinken, weil sie gute Laune haben, andere um schlechte wegzuspülen. Doch nur selten geraten die Kinder ins Blickfeld.

Schuldgefühle. Scham. Streit im Kinderzimmer. Versprechen werden gebrochen, weil der Vater abends lieber in der Kneipe sitzt als bei seinen Kindern. Tränen, weil die Mutter vergisst, ihr Kind in der Kita abzuholen oder mit einer Fahne ankommt. Kirsten Grabowsky versucht, Kindern und Eltern aus dem Teufelskreis von Sucht und Leid herauszuhelfen. Seit 2006 baut die Sozialarbeiterin beim Jugendamt den Arbeitskreis „Hilfen für Kinder alkoholkranker Eltern“ aus. Und kümmert sich um die alltäglichen Katastrophen im Kinderzimmer.

„Es geht um die Stabilisierung der Familien“

„Es geht eben nicht darum, Kinder aus den Familien herauszureißen“, wehrt sich ihr Chef und Jugendamtsleiter Ulrich Bösebeck gegen Vorurteile. Vielmehr habe man es bei 20 Familien geschafft, die Heimunterbringung der Kinder zu verhindern. „Es geht um die Stabilisierung der Familien“, sagt Grabowsky.

Das Gesundheitsamt kommt zum Erstbesuch nach der Geburt und wundert sich über den Zustand der Wohnung. Die Erzieherin ruft an, weil eine Mutter beschwipst ihr Kind abholt. Ein Schüler vertraut sich seinem Lehrer an und berichtet von handfesten Problemen zu Hause. Ist der erste Schritt getan, führt der Weg oft zu Kirsten Grabowsky. Manchmal auch von den Notaufnahme des Klinikums. Pro Jahr landen 60 Jugendliche bei ihr, die zu tief in die Flasche geguckt haben und erst im Krankenhaus wieder aufwachten.

Wo fangen die Gefahren an?

Hilfe tut Not: (Anonyme) Beratung für Kinder und Eltern, Vermittlung und Begleitung der Betroffenen in Selbsthilfegruppen, an die Suchtberatung oder in die Therapie. „Oft sind die Eltern froh, wenn das Schweigen gebrochen wird“, wenn sie jemand aus ihrem Dilemma ‘raushole, weiß Grabowsky.

Doch wo fangen die Gefahren für Kinder an? Schon beim regelmäßigen Glas Bier oder Wein? Oder erst, wenn sie vom volltrunkenen Vater Prügel beziehen? „Es gibt keine verlässlichen Grenzen“, sagt Frank Schlaak von der Fachstelle für Suchtvorbeugung. Jeder müsse kritisch bei sich selber schauen: Genuss oder Gewöhnung. Ausrutscher oder Abhängigkeit . Kontrolle oder Chaos. Die Grenzen sind fließend. Die Opfer - trotz Bemühungen - noch immer zu oft allein mit ihren Problemen.

Video
Ein Trinkraum in der Dortmunder Nordstadt soll harte Trinker von Straßen und Plätzen holen. Wir waren bei der offiziellen Eröffnung des umstrittenen Angebots.

Von Peter Ring


Kommentare
10.09.2012
18:09
10.000 Eltern in Dortmund sind alkoholabhängig
von lebenslaenglichMoritz | #3

Die bestehenden Strukturen der Jugend-und Behindertenhilfe in Dortmund werden den besonderen Bedürfnissen dieser zahlreichen bereits vor ihrer Geburt behindert getrunkenen Menschen nicht gerecht. Es müssen neue Ansätze für Hilfsmaßnahmen erarbeitet werden. Darum bemühen wir uns in unserer Selbsthilfegruppe „Lebenslänglich Moritz“ in Dortmund.
Kontakt: shg.moritz@web.de

10.09.2012
18:07
10.000 Eltern in Dortmund sind alkoholabhängig
von lebenslaenglichMoritz | #2

Die Geschädigten sind den herkömmlichen therapeutischen Maßnahmen nur in geringem Umfang zugänglich. Schon früh fallen sie im sozialen Umfeld auf und machen ein gesundes Familien- und Zusammenleben unmöglich. Sie lügen, stehlen und rasten aus. Viele werden sie schon als Kinder kriminell. Als Erwachsene landen sie, trotz intensiver Betreuung in Ersatzfamilien, häufig in Psychiatrien, Gefängnissen, auf der Strasse/in der Prostitution. Leider werden diese schwerbehinderten Kinder vielfach als vermeintlich gesunde Kinder in Ersatzfamilien vermittelt. Die Eltern erfahren meistens erst nach einer Odyssee durch SPZs und Früherkennungszentren von der wirklichen Ursache für ihre extremen Schwierigkeiten. Bisher bietet die Stadt Dortmund den Fetal-Alkohol-geschädigten Menschen und ihren Familien kein angemessenes Hilfsangebot.
Weiterlesen im Folgekommentar

10.09.2012
18:05
10.000 Eltern in Dortmund sind alkoholabhängig
von lebenslaenglichMoritz | #1

Welche Hilfen bietet die Stadt Dortmund den Kindern aus suchtbelasteten Familien?
„Das Gesundheitsamt kommt zum Erstbesuch nach der Geburt und wundert sich über den Zustand der Wohnung.“
An diese Stelle müssten die Helfer/innen der Stadt ermitteln, ob eine Schädigung des Kindes im Verlauf der Kindesentwicklung nach der Geburt oder bereits durch Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft verursacht wurde.
Im ersten, möglicherweise günstigeren Fall handelt es sich um eine postnatale Milieuschädigung/Traumatisierung, die mit therapeutischen Maßnahmen oftmals zu lindern ist.
Der zweite Fall stellt die Helfer/innen vor erhebliche Probleme und wird in der Regel von ihnen vernachlässigt. Die Kinder sind durch Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft behindert getrunken worden. Sie leiden unter dem Fetalen-Alkohol-Syndrom FAS, einer unheilbaren geistigen und körperlichen Behinderung. FAS ist die häufigste Ursache für Behinderungen bei Neugeborenen. Weiterlesen im Folgekommentar

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