Wohnprojekte für jeden Ortsteil
20.01.2012 | 13:55 Uhr 2012-01-20T13:55:00+0100
Dorsten. Bodo Perlitz ist Gründungsmitglied des Vereins Wohnen in Gemeinschaft sowie Gründer und Sprecher der Initiative WohnBunt Dorsten. In seinem Beitrag plädiert er für Gemeinschaftsprojekte in jedem Ortsteil
Die demografische Entwicklung hin zum „Demografischen Wandel“ ist rasant und überrollt uns gnadenlos. Wir erleben es bisweilen konkret, tun aber so, als hätten wir wenig damit zu schaffen. Es wird wohl nicht so schlimm werden und das Problemchen wird sich schon von den Wissenden in unserer Republik lösen lassen. Die Politik wird es schon richten. Verdrängung oder Unwissen? Wahrscheinlich beides.
Lange haben wir uns einem Trend folgend, auf den Erhalt von Jugendlichkeit konzentriert und die Beschäftigung mit dem Älterwerden gemieden. Doch selbst hartnäckiges Bemühen um „kosmetische Schadensbegrenzung“ kann letztendlich über bereits sichtbare Auswirkungen der Altersentwicklung nicht hinweg täuschen, denn die Wahrheit ist konkret.
Die Beschäftigung mit den Voraussetzungen für ein selbst bestimmtes Leben im Alter kommt daher ziemlich spät, vielleicht zu spät, und unter den Bedingungen des Demografischen Wandels, der uns bereits überrollt, auch eher zwangsläufig. Wer will schon das traurige, vereinsamte Mahnmal einer vergreisenden Anti-Age-Gesellschaft und, unbemerkt, der Übriggebliebene einer For-ever-joung-Epoche sein? Stellt euch vor, ihr seid die „für immer jungen Alten“ – aber wo sind die wirklich Jungen?
Plakative Sprüche wie: „Zu hause allein oder im Heim“, „Nicht allein und nicht im Heim“ oder „gemeinsam statt einsam“ machen die innere Verzweiflung Betroffener über eine ungewollte Entwicklung deutlich, beantworten die hierin liegenden Fragen nach dem Leben ab der zweiten Lebenshälfte aber nicht wirklich. Die Kräfte der Beharrung sind groß und die Verdrängung ist hochaktiv.
Im Jahr 2007 fanden seitens des Sozialamtes Dorsten unter Leitung der damaligen Amtsleiterin Rita Saalmann und der Seniorenbeauftragen Petra Kuschnerenko Stadtteilgespräche zum Älter werden in Dorsten statt. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, der sinkenden Einwohnerzahl, der Überalterung der Bürger, weniger Kinder und drohender Pflegekosten galt es seinerzeit schon, umzudenken. Hier konnten in den Stadtteilen die Bürger ihre Meinung zur künftigen Entwicklung darstellen, um Dorsten „zukunftsfähig“ zu machen. Die Frage, „wie möchte ich im Alter Leben“ wurde mit Bürgern aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Ein sehr guter Ansatz, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Doch die Gespräche mit den Bürgern, den Betroffenen, müssen fortgesetzt werden.
Die demografische Entwicklung ist ein Prozess in unser aller nächster Nähe, daher ist auch weiterhin Aufklärung dringend notwendig. Wie sollen die Bürger wissen, was vermehrt auf sie zukommt, womit sie tatsächlich rechnen müssen? Hier ist Transparenz des Handelns von größter Bedeutung!
Sowohl der Verein Wohnen in Gemeinschaft Dorsten als auch die Initiative WohnBunt Dorsten haben bisher viele Informationsveranstaltungen in der VHS zum Thema durchgeführt und alternative, neue Wohnformen vorgestellt.
Zunehmend mehr Mitmenschen haben inzwischen klare und auf den Einzelnen zutreffende Wohn- und Lebensvorstellungen entwickelt. Gemeinsam ist jedoch allen der Wunsch nach einem selbst bestimmten Leben in Sicherheit mit sozialer Teilhabe.
Warum werden zunehmend mehr Gemeinschaftswohnprojekte von Menschen ab der Lebensmitte gegründet? Eine Erklärung entspringt der Erfahrung, dass der Einsamkeit im Alter vorzubeugen ist.
Die Tragfähigkeit familiärer Verbindungen wird brüchiger, weil sich Menschen auf der Suche nach Arbeit auf Dauer von der Familie erheblich entfernen müssen, nicht nur Männer, in zunehmendem Maße auch Frauen. Abgesehen davon erhöhte sich die Anzahl der Alleinerziehenden beträchtlich. Wenn der Ehe- oder Lebenspartner stirbt, wird aus Alleinsein nicht selten Einsamkeit. Und es werden ständig weniger, die sich für die Pflege der „Alten“ bereitstellen können!
Daher ist es nahe liegend, dass sich vorsorglich denkende Menschen in der Mitte des Lebens zusammen finden, um die zweite Lebenshälfte mit Gleichgesinnten zu verbringen, einander zu (unter)stützen, ohne einander einzuengen.
Viele Menschen, die dem Alter bewusst entgegen sehen, wollen zudem vermeiden, ihre ohnehin belasteten Kinder zu überfordern oder ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, damit eine gute Beziehung nicht zu einer schlechten wird und vielleicht unerträglichen.
Viele Menschen wollen im Alter keinesfalls im Heim noch zurückgezogen, allein und vergessen in ihrem Haus oder in einer anonymen Wohnung verbleiben. In einer Wohngemeinschaft sind gemeinsame Aktivitäten und Unternehmungen nach Wunsch und Möglichkeit sowie gegenseitige Unterstützung in der Regel an der Tagesordnung – ebenso die Möglichkeit des Rückzugs in die eigene Wohnung.
Notwendige Unterstützung im Alltag über Mobile Soziale Dienste oder ambulante Pflegedienste lassen sich organisieren. Wichtig ist dafür einerseits eine altengerechte, barrierefreie Wohnumgebung. Andererseits muss die Wohnlage stimmen. Dazu zählen nahe gelegene Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten sowie weitere gute Infrastruktur.
Der „Demografische Wandel“ bedeutet auch erhebliche zusätzliche Kosten für Pflege und Betreuung alter Menschen. Kosten, die gigantische Ausmaße annehmen werden.
Vor diesem Hintergrund sollten in jedem Stadtteil Gemeinschaftswohnprojekte entstehen können, damit möglichst viele Mitbürger selbst bestimmt und eigenständig in ihrem bekannten sozialen Umfeld verbleiben, einander unterstützen, soziale Netze nutzen und bei Bedarf auf die Gruppe zurückgreifen können: Sozial integrative Organisationen -- keine Heime -- sondern Wohnprojekte, in denen Menschen leben, die das soziale Miteinander schätzen: den Plausch mit der Nachbarin, die Geselligkeit, das Kinderlachen, einander mal etwas ausleihen und gegenseitige kleine Hilfestellungen. „Wahlverwandtschaften“, die neben dem normalen Wohnen neue Hilfsnetzwerke nutzen können.
Entscheidend ist hierbei, dass die gemeinschaftlichen Wohnprojekte durch ehrenamtliches Engagement getragen werden. Auch dies kann helfen, Pflegekosten zu senken.
Die Politik ist aufgefordert, für entsprechenden Wohnraum zu sorgen, Investoren oder Genossenschaften zu beteiligen. Bezahlbare Mieten können zusammen mit unterschiedlichen Wohnungsgrößen den Bedarf decken.
Ehrenamtliche Fachleute können den Prozess der Gruppenfindung begleiten und die Menschen bei der Zusammenführung unterstützen, denn entscheidend ist die Chemie, die richtigen Leute zusammen zu bringen.
Nur gemeinsam können wir es schaffen, dass der Demografische Wandel für möglichst viele beherrschbar wird. Es ist daher wichtig, die Bürger an der notwendigen Veränderung unserer sozialen Entwicklung frühzeitig zu beteiligen, ihnen die Wahrheit zu sagen, und sie bei ihrem ehrenamtlichen Engagement nach Kräften zu unterstützen.
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