Cornelia Funke - "Spionin...
Vom Vorlese-Zelt ins Schreibhaus
24.11.2008 | 11:23 Uhr 2008-11-24T11:23:00+0100
Dorsten/Frankenthal. Auch mit der ersten Werkbiographie über ihr Leben und ihre 45 Bücher vertraute die Bestseller-Autorin auf ihre Dorstener Familie - und auf ihre "Lieblingstante" Hildegunde Latsch.
"Cornelia gefiel es", erzählt Hildegunde Latsch, "dass ich davon geträumt hatte, Bücher zu signieren." In ihrem Traum bestanden diese Bücher zwar aus weißen Seiten - aber das hat sich im Laufe zweier Jahre gründlich geändert: Die Patentante von Cornelia Funke veröffentlichte jetzt die erste Werkbiographie über das Leben und die Bücher ihrer berühmten Nichte. Die Signierstunden können folgen.
Die erklärte "Lieblingstante", ebenfalls gebürtige Dorstenerin, versorgte die Schülerin und Studentin nicht nur mit prägenden Lese-Tipps, sie hatte auch, bestätigt Hildegunde Latsch lachend, "die Ehe gestiftet" zwischen Cornelia Funke und Rolf Frahm, denn der war einer ihrer damaligen Schüler am Hansakolleg.
Hamburg war für Nichte und Patentante das sprichwörtliche "Tor zur Welt": Hildegunde Latsch, studierte Gymnasiallehrerin, ging gleich nach ihrem Referendariat mit ihrem Ehemann nach Ostafrika, lebte in Sambia, Kenia und dem heutigen Zimbabwe, unterrichtete dort an den Goethe-Instituten - "und zwischenzeitlich eben in Hamburg am Kolleg".
Und zwar genau zu der Zeit, als ihre Nichte, die 1977er Abiturienten des St. Ursula-Gymnasiums, dort das Studium aufnahm. "Eine Stadt, in die Cornelia vernarrt ist", lautet die Überschrift dieses Kapitels fast am Anfang der 160 Buch-seiten. "Sie verbrachte sehr viel Zeit bei mir zu Hause", schreibt Hildegunde Latsch, "wurde für ihre Cousins so etwas wie eine große Schwester. Unter dem Dach baute sie Zelte aus afrikanischen Webdecken, in denen sie zur Erzählerin wurde und zur Vorleserin."
Die Quellen der Ideen
Bücher, die den Stil der späteren Erfolgsautorin mitprägen sollten, stammten ebenfalls aus dem Übersee-Gepäcke der Familie Latsch: Klassiker der englischsprachigen Jugendliteratur, erstanden auf Auktionen britischer Afrika-Kolonialisten. Hildegunde Latsch erzählt in ihrem Buch mit dem Untertitel "Spionin der Kinder" sehr genau - und sehr unterhaltsam - aus welchen Quellen die Ideen für die inzwischen 45 Bücher ihrer Nichte sprudelten.
Die Werkbiographie, erzählt sie, "war meine Idee: Ich habe ja an allen ihren Büchern als kritische Erstleserin teilgenommen." Von einer reinen Lebensbeschreibung hatte ihr Cornelia Funke aber abgeraten: Das wäre doch "viel zu langweilig". Schließlich saß und sitzt sie an jedem Arbeitstag bis nachmittags diszipliniert am Schreibtisch ihres Schreibhauses - inzwischen ein eleganter weißer Holzbau in Beverly Hills mit Jugendstil-Fenster und Pazifik-Blick.
Doch die vielen Fragen der jungen Funke-Fans überzeugten die Bestseller-Autorin und ihre Werkbiographin, etwas ganz Neues auf dem Büchermarkt zu versuchen: Sie dürfe wohl "behaupten, dass es Neuland ist", bestätigt Hildegunde Latsch. Denn eine ausführliche Deutung ihrer literarischen Ideen und Botschaft, dazu des Roman-Personal "von fantastischen Figuren bis zu realistischen Kindergestalten" - das alles hatte für jugendliche Leser so noch niemand zu Papier gebracht.
Vier Kisten Fanpost
"Man kann Kinder als Leser nicht überfordern", meint die Werkbiographin und erfahrene Pädagogin, für die das Buch "Cornelia Funke" übrigens ein echtes Debüt als Autorin bedeutet. "Wenn ich 'mal pensioniert bin" - so hatte sie es sich vorgenommen - wollte sie die vielen grundsätzlichen Fragen der internationalen Fangemeinde beantworten. Dafür arbeitete sie sich nicht nur durch vier Kisten der von Cornelias jüngster Schwester Insa betreuten Fanpost. Sie las auch erneut alle 45 Bücher vom Debüt "Die große Drachensuche", erschienen vor 20 Jahren, bis zu "Tintentod", dem dramatischen Finale der über 2100 Seiten mächtigen "Tintenwelt"-Trilogie.
Denn auch das wollen die Leser wissen: "Warum das Böse in ihren Romanen so stark ist. Das ist schon erstaunlich", meint Hildegunde Latsch. Ihre Antwort ist ein Verweis auf das poetische Prinzip Friedrich Schillers - jenes jungen Wilden unter den deutschen Klassikern, den Cornelia Funke neben den vielen angelsächsischen Lieblingsautoren vor allem bewundert habe.
"Ich wollte aber keinen Deutschunterricht zu Papier bringen", versichert die Werkbiographin - und selbst langjährige Lehrerin für Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel. Dazu ist schon die Ausstattung ihres Buches, erschienen bei Cornelia Funkes langjährigem Verlag Cecilie Dressler, viel zu vergnüglich.
Auf den ersten zwei Dutzend Seiten sind's Bilder aus dem Dorstener Familienalbum, Sepia-getönte Fotos der Schülerin Cornelia mit ihren drei Geschwistern oder der ganzen Mädchenklasse am St. Ursula-Gymnasium. Ihre "sehr politische Schule" darf auf diesen Seiten einige Komplimente einheimsen - ebenso wie ihr Englischlehrer Hans-Jörg Modlmayr: "Er erzählte ihr von den schwarzen Reitern Tolkiens", schreibt Hildegunde Latsch, "als der Herr der Ringe noch wirklich ein Geheimtipp war."
In vielen Vignetten und einer Auswahl aus den Illustrationen zu 45 Büchern präsentiert "Spionin der Kinder" ausgiebig auch die Buchillustratorin Cornelia Funke - sowie die Kunst ihrer Kollegin Kerstin Meyer, die seit Jahren ihre Bilderbücher illuminiert. Auch die Bildauswahl traf die Patentante zuhause im pfälzischen Frankenthal - "und in Hamburg haben sie daraus ein wunderschönes Buch gemacht".
Ihr nächstes Werk hat Hildegunde Latsch schon anvisiert: Sie wird ein Buch über die "Tintenwelt"-Trilogie ihrer Nichte schreiben. Nach einem ganzen Berufsleben, das sie als Pädagogin mit Literatur verbrachte, erkannte die Pensionärin: "Das Schreiben fällt mir sehr leicht." Da scheinen sich Patin und Patenkind wieder mal ganz nahe zu sein.
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