Test erspart die Chemotherapie
09.01.2012 | 17:57 Uhr 2012-01-09T17:57:00+0100
Dorsten.Krebs ist nicht gleich Krebs: Für Mediziner ist das längst eine Binsenweisheit. Nur fiel die Unterscheidung bislang schwer. Für Brustkrebs-Patientinnen im St. Elisabeth-Krankenhaus soll sich das nun ändern. Ihnen steht ein neues Testverfahren zur Verfügung, mit dem das Risiko für die weitere Ausbreitung des Tumors bestimmt werden kann. In bis zu einem Drittel der Fälle kann nach Anwendung des „EndoPredict“-Verfahrens auf eine nachfolgende Chemotherapie verzichtet werden, schätzen die Fachleute.
„Wir können damit nicht immer, aber in größerer Zahl von Fällen auf eine Chemotherapie verzichten“, so Dr. Peter Tönnies, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde. Er stellte am Montag das Verfahren gemeinsam vor mit Prof. Dr. Werner Schlake, Leiter des Instituts für Pathologie und Molekularpathologie in Gelsenkirchen. Es ist eines von bundesweit acht Einrichtungen, das den von Wissenschaftlern der Kölner Firma Sividon entwickelten Test anbietet.
Bis zu acht Genen, das hatten Forscher zuvor herausgefunden, sind bedeutsam für die Entwicklung eines Tumors. „Wenn sie beschädigt oder verändert sind, können Zellen unkontrolliert wachsen“, erklärt Prof. Schlake. In seinem Institut werden Zellen aus dem Tumorgewebe, das der Patientin zuvor bei einer Biopsie entnommen wurde, zunächst isoliert. Dann wird das genetische Profil der Zellkerne mit Antikörpern analysiert . Die Mediziner gewinnen so binnen drei bis vier Tagen Erkenntnisse über das „Risikoprofil“ eines Tumors. Der Test ermöglicht, die Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung einzuschätzen und die Therapie danach auszurichten.
Prof. Werner Schlake unterscheidet zwischen „gutartigen bösartigen“ und bösartigen bösartigen“ Tumoren. „Ohne die genetischen Analysen konnten wir sie nicht gut unterscheiden“, sagt er. Deshalb gingen die Onkologen bislang auch bei einem geringen Risiko für Metastasen-Bildung mit einer vorsorglichen Chemotherapie auf Nummer sicher.
Bisherigen Studien zufolge gelten bis zu fast einem Drittel der Brustkrebs-Erkrankungen als sogenannte „Low-Risk“-Karzinome, bei denen eine Chemotherapie ohnehin wirkungslos wäre. Dass bis zu 60 Prozent seiner Patientinnen im Brustzentrum für den Test in Frage kommen, schätzt Dr. Peter Tönnies. „Möglicherweise benötigen davon bis zu zwei Drittel keine Chemotherapie“, schätzt der Chefarzt. Eine antihormonelle Therapie und eine verkürzte Strahlentherapie bleibt aber nach der Operation auch weiterhin erforderlich.
Dennoch sei das Verfahren „ein erheblicher Schritt zur Verbesserung der Lebensqualität vieler Patientinnen“, erwartet Dr. Peter Tönnies. Die Nebenwirkungen der Chemotherapie, die größte Belastung in der Krebsbehandlung, könne nun vielen Patientinnen erspart bleiben. „Wir sind froh, dass das Brustzentrum Emscher-Lippe das EndoPredict-Verfahren als erste Einrichtung in der Region anbieten kann“, so der Chefarzt.
Bislang wurden zwei ähnliche Gentest-Verfahren in den USA angeboten, die Kosten in Höhe von rund 3500 Euro aber von deutschen Krankenkassen nicht übernommen. Auf etwa die Hälfte beziffert Prof. Werner Schlake die Kosten für das EndoPredict-Verfahren. „Dafür schicken wir aber keiner Patientin eine Rechung“, betont er. Für die Kasse spare der Test letztlich Geld, weil Chemotherapie vermieden werde. Wieviel genau, das soll eine regionale Studie über einen gesamten Patientinnen-Jahrgang noch ermitteln.
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