Das aktuelle Wetter Dorsten 12°C
Geschichte

Spielplatz für Legionäre

20.01.2010 | 17:20 Uhr
Spielplatz für Legionäre

Holsterhausen. 1999 bis 2002 untersuchten Archäologen das Kreskenhof-Areal und wiesen mindestens fünf römische Marschlager nach. Die Auswertung der Befunde liegt nun als Kapitales Buch vor.

Bevor Bagger am Kreskenhof Keller für eine große Neubausiedlung ausheben konnten, kamen die Archäologen. Zwischen 1999 und 2002 untersuchten sie das Areal, mit 120 000 Quadratmetern und in Spitzenzeiten bis zu 50 Mitarbeitern eine der größten Grabungen, die es jemals gab in Westfalen. Sie förderten Spuren von sechs römischen Marschlagern zutage, einen Münzschatz und jede Menge Kleinzeug, das schusselige Legionäre vor 2000 Jahren im Holsterhausener Morast verbummelt haben.

Präsentierten das Werk (v.l.): Hans-Jochen Schräjahr, Bettina Tremmel, Dr. barbara Rüschoff-Thale, Dr. Christoph Grünwald, Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, Prof. Dr. Michael M. Rind, Rainer Thieken und Dr. Wolfgang Ebel-Zepezauer. Foto: Heeger

Am Mittwoch präsentierte der Landschaftverband LWL nun den wissenschaftlichen Nachhall. Acht Jahre nach Abschluss der Grabungen liegen die Erkenntnisse als kapitales Buch vor, Band 47 der Reihe „Bodenaltertümer Westfalens”: Gute drei Kilo schwer, über 500 Seiten stark, mit 80 Bildtafeln von Fundstücken, 875 Fußnoten, Sonderkapiteln zu den ausgebuddelten Keramiken und Münzen. LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale bei der Vorstellung: „Ein Meilenstein für die Forschung von nationaler und internationaler Bedeutung.”

Die (Be-)Funde aus Holsterhausen reichen über mehrere Epochen: Entdeckt wurden Feuersteinklingen aus der Vorgeschichte, 8- bis 10 000 Jahre alt. Eine 2500 Jahre alte Wassergrube, vielleicht eine Viehtränke. Spuren der frühesten Höfe in Holsterhausen aus den Jahren 600 bis 900 nach Christus, etwa gefüllte Abfallgruben. „Das ist genau das, was der Archäologe sucht”, lacht Grabungsleiter Dr. Wolfgang Ebel-Zepezauer. Aus der gleichen Zeit Schlacke-Klumpen, Rückstände einer primitiven Eisenverhüttung. Und nach 900 passierte auf der Fläche tausend Jahre gar nichts mehr, nur noch Ackerbau – bis 1967 das Landesjugendheim am Kreskenhof errichtet wurde, das 1999 dem heutigen Neubaugebiet weichen musste.

Ihr Augenmerk konzentrierten die Forscher indes auf die Römer, die sich um die Zeit der Drusus-Feldzüge (im Jahr 12 vor unserer Zeitrechnung) in Holsterhausen herum getrieben haben. Durch Bodenverfärbungen konnten die Forscher Wallgräben um fünf Marschlager nachweisen. Von einem wohl sechsten wurden zwar Reste eines Backofens, nicht aber die Außenrisse gefunden. Die Lagerplätze hatten um die zwanzig Hektar Innenmaß und boten bis zu 10 000 Legionären Platz.

Allerdings: Kein Lager war auf Dauer konzipiert, es gibt „keine Spuren für Ausbaupläne”, so Ebel-Zepezauer. Auch wenn eine Maurerkelle gefunden wurde, mauerten die Römer nichts. Die Archäologen interpretieren den Kreskenhof heute als Manöverplatz für Legionäre, die wohl in Xanten stationiert waren. „Solche Truppen müssen sie beschäftigen”, sagt der Forscher. Heißt: Immer wenn den Legionären langweilig wurde, scheuchten die Offiziere sie auf den Holsterhausener Abenteuerspielplatz, Lager bauen.

Die Soldaten mussten auch ernährt werden. Reste von 280 Einweg-Backöfen aus Lehm wiesen die Ausgräber nach. Darin buken die Legionäre simplen Zwieback, der vor dem Verzehr eingeweicht werden musste: „So 'ne Art Ultra-Knäckebrot.” Flapsig gesagt: Das Legionärsleben war hartes Brot.

Neben allerlei Kleinzeug („Nichts für den gehobenen Bedarf”) machten die Ausgräber auch einen spektakulären Fund: Einen Münzschatz, zwei Brutto-Monatslöhne eines römischen Soldaten wert. Der Mann hat wohl einen Beutel (der allerdings war restlos verrottet) mit seinem Ersparten verloren. Der Fund jagte den Forschern zuerst einen kleinen Schreck ein: Ausgerechnet an Gründonnerstag (Kirchenfeiertag vor Christi Kreuzigung) entdeckten sie die Silberlinge, genau 30 Stück, so viele wie Judas für den Verrat an Jesus bekam. Die Erleichterung ein paar Tage später, als die Forscher sechs weitere Münzen fanden. Judas also war wohl nicht in Holsterhausen . . .

Das Buch „Augusteische Marschlager und Siedlungen des 1. bis 9. Jahrhunderts in Holsterhausen” kostet 34 Euro und soll in Kürze auch in der Stadtinfo (Haus der WAZ-Redaktion, Recklinghäuser Straße 20) erhältlich sein.

Mit der ersten Großgrabung 1999 bis 2002 auf dem Kreskenhof ist die Erforschung der umfangreichen Holsterhausener Römergeschichte nicht abgeschlossen. Eine zweite Grabung 2005/06 auf einem 25 000 Quadratmeter großen Anschlussfeld wird derzeit an der Uni Bochum ausgewertet. Wohl im nächsten Jahr ist die Druckfassung dieser Ergebnisse in einem weiteren Buch zu erwarten. Auf einer dritten Erweiterungsfläche des Neubaugebiets („Im kleinen Aap”, 8000 m2) sollen historische Relikte in diesem Jahr ausgegraben und gesichert werden.

Außerdem liegen schon Befunde aus den 1950-er und 60-er Jahren vor.

Ludger Böhne

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2413997/create

Aktuelle Fotos und Videos
Bauernmarkt in Raesfeld
Bildgalerie
Volles Haus bei Süthold
Vogel fiel um 16.35 Uhr
Bildgalerie
Holsterhausen
Schwung für Hervest
Bildgalerie
Erstes Werk enthüllt
Udo schiesst den Vogel ab
Bildgalerie
Hardt
Aus dem Ressort
Mutmaßlicher Schütze von Bad Zwischenahn in Dorsten gefasst
Polizei
Einsatzkräfte der Polizei Essen und Oldenburg haben am Dienstagnachmittag einen 26-Jährigen in Dorsten festgenommen. Der Mann war seit dem 10. Mai auf der Flucht. Er soll seine Ex-Freundin in Bad Zwischenahn bei Oldenburg in Niedersachsen niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt zu haben.
Piep-Show im Hervester Bruch steuert dem Höhepunkt entgegen
Störche
Die alljährliche Piep-Show der Störche im Hervester Bruch steuert ihrem Höhepunkt zu: Am Freitag werden die Jungtiere Jochen und Rolli beringt. Neugierige können das Spektakel bei einem Umtrunk am Aussichtsplatz verfolgen. Den beiden Jungvögeln von Werner und Luise geht es augenscheinlich prächtig.
Foto