Scharfe Bürgerkritik an LEG-Plänen
01.12.2010 | 11:38 Uhr 2010-12-01T11:38:00+0100
In den bisherigen Stadtumbau mit dem Abriss von 300 Wohnungen sind 14 Mio Euro Fördergelder geflossen, 4,8 Mio Euro investierte die LEG in Modernisierungen, 3,9 Mio Euro schrieb das Unternehmen als Buchwertverlust ab. Für den vierten Bauabschnitt (Rückbau oder Abriss von rund hundert Wohnungen in der Schiefergruppe) waren erst im Oktober und nach langen Verhandlungen 2,3 Mio Euro Fördergelder (20 % städtischer Eigenanteil) genehmigt worden. Barkenberg ist das größte Einzelprojekt im Stadtumbau West.
Barkenberg.Bürger und Stadtspitze ließen bei einer Versammlung am Dienstag keinen Zweifel daran, dass sie die Erfolge des Stadtumbaus gefährdet sehen, wenn die Achtgeschosser der Schiefergruppe am Himmelsberg stehen bleiben. Die LEG-Manager Thomas Schwarzenbacher (Regionalleiter) und Markus Sunder (Portfoliomanager) verteidigten dagegen die neue Linie des privatisierten Immobilienkonzerns. Die 98 Wohnungen dort (60 sind derzeit vermietet) seien „absolut marktfähig”, so Sunder.
Die Wulfen-Konferenz hatte kurzfristig zu dem Abend eingeladen – und die LEG nutzte den Anlass für eine Charme-Offensive. Vorm Gemeinschaftshaus hatte ein Partyservice im Auftrag des Unternehmens beheizte Zelte aufgestellt, servierte Getränke und Würstchen. Die LEG hatte nur vergessen, eine Genehmigung für die mobile Imbissbude einzuholen, bemerkte ein Stadtvertreter spitz. In der folgenden Runde prallten Haltungen und Argumente hart in der Sache, aber moderat im Ton aufeinander.
Es wäre so leicht wie schäbig, den Barkenbergern vorzuwerfen, sie sträubten sich einfach dagegen, schwierige Klientel aufzunehmen in einem letzten Klotzbau, der weg sollte – aber nun stehen bleiben soll.
Es geht um einen Ortsteil, in dem gut 10 % der Dorstener Bürger leben, aber fast 30 % der städtischen Soziallasten anfallen.
Barkenberg kann man diesen Vorwurf darum nicht ernsthaft machen. Barkenberg hat sein Soll an Integrationsleistung mehr als übererfüllt. Und das mit oft beeindruckendem Engagement vieler Einwohner, der Kirchengemeinden und Institutionen wie Schulen und Kindergärten.
Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ist verständlich (und sozialpolitisch vernünftig), dass die Bürger kein Stück zurück wollen hinter die Erfolge des Stadtumbaus und möglichst auch kein Stück hinter das noch versprochene und erhoffte: Dass nochmal hundert Wohnungen verschwinden – und damit die Gefahr, dass hier ein neuer Problemblock entsteht, nachdem die alten gerade entschärft wurden.
Stadt und Bürger fürchten, in der Schiefergruppe könnte sich wiederholen, was Barkenberg mehrfach erlebt hat: Dass Leerstände mit schwieriger Klientel gefüllt werden und ein sozialer Brennpunkt entsteht. Ähnliche Entwicklungen gab es in den 70ern, 80ern und frühen 90ern. Mieter wurden angeworben im Sammellager Unna-Massen, in Gelsenkirchener Obdachlosenheimen, Flüchtlinge zogen nach Barkenberg aus Vietnam und Ex-Jugoslawien, nach dem Fall der Mauer in großer Zahl Russlanddeutsche.
Kosmetische Renovierungen von Geschossbauten änderten wenig, erinnerte Rainer Diebschlag: „Das hatten wir alles schon und das Gegenteil ist passiert: Es begann eine Verslumung von ungeheurem Ausmaß. Das einzige, was geholfen hat, war der Stadtumbau.” Josef Vrenegor: „Mit Minimalinvestitionen in die Gebäude wiederholen Sie, was wir hier mehrfach erlebt haben. Wenn es nur um das LEG-Vermögen ginge, könnten Sie ruhig gegen die Wand fahren. Aber ihre Fehlentscheidung müssen die Bürger ausbaden.” Auch Bürgermeister Lambert Lütkenhorst ist überzeugt: „Es gibt keinen Markt für die achte Etage der Schiefergruppe.”
Der Abbruch des Stadtumbaus gefährde außerdem die Vermarktung der neu entstandenen Freiflächen an der Dimker Allee. Daniel Eickmann-Gerland, Sprecher der Wulfen-Konferenz: „Wer baut in einem Bereich, der nicht fertig gestellt ist?”
Schwarzenbacher und Sunder stellten dagegen für die LEG klar, dass der Verlust von 98 Wohnungen durch Rückbau oder Abriss betriebswirtschaftlich „nicht tragbar” sei. 60 Wohnungen seien derzeit und teils seit Jahren vermietet. 38 stünden leer – auch weil sie in den Stadtumbauplänen für Abriss vorgesehen und nicht angeboten worden seien. „Aber Nachfrage ist vorhanden”, so Schwarzenbacher.
Er kündigte an, die LEG wolle „die Vermietbarkeit kurzfristig herstellen”. Bisher zurückgestellte Renovierungen würden nachgeholt. Start der Arbeiten soll Anfang des Jahres sein. Sunder: „Wir stimmen gerade die Gewerke ab.” Eine energetische Sanierung der mit Strom beheizten Gebäude sei dabei aber nicht geplant. Ob es bei den angekündigten 1,4 Mio Euro Investitionen bleibe, sei offen. Sunder: „Es können auch 1,2 oder 1,8 Millionen sein.” Bei der „sozialen Stabilisierung” des Ortsteils wolle die LEG weiterhin Partner der Stadt sein. Und: „Barkenberg ist wahrlich nicht die härteste Nuss in unserem Bestand.”
Sunder betonte außerdem, die Entscheidung gegen den vierten Abschnitt im Stadtumbau habe nichts mit dem Verkauf der LEG an Whitehall zu tun, sondern sei in der Konzernzentrale Düsseldorf gefallen: „Die Entscheider stehen hier vor ihnen.”
Argumente und Stimmen aus der Runde wurden im Gemeinschaftshaus live protokolliert und sollen in einem offen Brief an NRW-Regierung und Landtagspolitiker zusammen gefasst werden. Eickmann-Gerland: „Der Erfolg des Stadtumbaus ist massiv gefährdet. Noch gibt es die Fördermittel für den Rückbau der Schiefergruppe. Noch gibt es die Chance, den Prozess abzuschließen. Sonst bleibt uns eine hässliche Krake.”
Stimmen aus der Bürgerversammlung:
Lambert Lütkenhorst (Bürgermeister): Wir haben mit der LEG vereinbart, dass es einen vierten Bauabschnitt gibt. Dabei war immer klar, dass wir an die Schiefergruppe herangehen. Und dann ist unser Partner plötzlich weg. Das ist wie bei einem Staffellauf, bei dem der letzte Läufer kurz vorm Ziel duschen geht.
Markus Sunder (LEG-Portfoliomanager): Wir haben die Staffel nicht verlassen und sind überzeugt, wir können die Schiefergruppe gut am Markt halten. Drei Viertel des Stadtumbaus sind geschafft.
Thomas Giesen (Sprecher Wulfen-Konferenz): Wenn der Chirurg nach 75 % der Operation sagt, das reicht – dann wüsste ich gern, ob Ihnen das auch genügt.
Thomas Schwarzenbacher (LEG-Regionalleiter): Als der vierte und fünfte Bauabschnitt zusammen gefasst wurden, ist das Abriss-Volumen auf 98 Wohnungen gestiegen. Wir haben neu kalkuliert mit dem Ergebnis: Das ist für uns nicht tragbar. Aber wir bleiben Partner und zeigen Engagement. Auch wenn wir in der Abrissfrage keinen Konsens finden.
Daniel Eickmann-Gerland (Sprecher Wulfen-Konferenz): Ich bin Pfarrer und habe viel mit Glauben zu tun und mit Hoffen. Aber was die LEG glaubt und hofft, das sind Luftblasen.
21:46
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15:54
hat was von Stuttgart 21 !!!