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Debatte

Politik mit der Lupe

13.01.2012 | 16:55 Uhr
Politik mit der Lupe

Dorsten.   Der Bevölkerungsschwund trifft Dorsten hart. Wie soll die Stadt der Entwicklung begegnen? Ein Versuch

Die Stadt schrumpft und altert zugleich. Schon jetzt werden Detail-Debatten, etwa über die Zukunft der Schullandschaft, bestimmt von der demografischen Katastrophe („Entwicklung” wäre angesichts von 474 Geburten im letzten Jahr eine Beschönigung). Zeit, über eine neue Stadtplanung nachzudenken. Ein (sicher nicht vollständiges) politisches Plädoyer für die Zukunft der Stadt.

Zwei gravierende Fehler wurden in den Vergangenheit gemacht – in den Wachstumsjahren zwischen 1950 und 1990. Das sieht man nun.
Fehler 1:
Dorsten hat zu lange auf Großbetriebe gesetzt, den Mittelstand zu wenig gefördert. Zeche (4000 Arbeitsplätze, 800 Plätze für Azubis in der Lehrwerkstatt), Stewing (2000), Maschinenfabrik (600) – bis auf lukrative Reste ist das alles weg. Der berufstätige Dorstener ist heute Pendler. Und hat auf die Fahrerei immer weniger Lust. Die vielen soliden Handwerksbetriebe gibt’s im Münsterland. Und das billige Baugrundstück für Mitarbeiter und ihre Familien dazu. Das ist eine landesplanerische Fehlentwicklung. Aber dieser Konkurrenz muss sich Dorsten stellen.
Fehler 2:
Neubaugebiete haben Dorsten zur großen Stadt gemacht. Neubaugebiete sind in den Augen vieler Politiker noch immer die Lösung. Aber Neubaugebiete sind heute das Problem. Wo sollen die Neubauer für neue Baugebiete noch herkommen? Und selbst wenn: Schaffen sie dann nicht mehr Probleme als sie lösen?

Nein, es funktioniert nicht. Jedes größere Neubaugebiet ist ein Verbrechen an der Zukunft der Stadt. Schafft örtlich eine demografische Blase mit den immer gleichen Problemen. Ein Neubaugebiet braucht für zehn Jahre einen Kindergarten, für 15 Jahre eine Grundschule, dann lange Zeit nichts, dann ein Altersheim für die Elterngeneration, dann einen Bagger, der die Häuser wieder abreißt. Zu besichtigen zum Beispiel auf der Feldmark: Seit Jahren kommt zuverlässig im Januar die Meldung aus St. Johannes, Spender möchten doch das Geld für die Sternsinger aufs Konto der Gemeinde überweisen. Denn: Es gibt hier nicht mehr genug Kinder, um alle Häuser zu besuchen. Dorstens neue Flächenplanung – gerade vier Jahre alt – sollte helfen, Dorsten bei 80 000 Einwohnern zu stabilisieren. Seitdem haben wir 3000 Einwohner verloren. Der Trend? Nach den letzten Zahlen weiter abwärts.

Was Dorsten braucht, ist Stadtplanung mit der Lupe.

Debatte
Bürger sind gefragt

Verschläft die Stadt den demografischen Wandel? Verwaltung und Politik werden anderer Auffassung sein, werden andere Rezepte präsentieren als diese Streitschrift. Doch eine umfassende Debatte ist überfällig. Bitte schreiben Sie uns ihre Gedanken zum aktuellen Stand der Entwicklung und ihre Vorschläge, um der Veränderung zu begegnen. Beiträge an
redaktion.dorsten@waz.de

Ein Management, das kleinste Baufelder erschließt, vier, fünf neue Häuser alle paar Jahre in einem Quartier, für ein paar junge Familien, für eine gut gemischte Alters- und Sozialstruktur in der Nachbarschaft. Ein Management, das Baulücken und Hinterhöfe von (zu) großen Grundstücken erschließt. Ein Management schließlich, das darum wirbt, alte Häuser neu zu beleben. Banken, die für Kauf und Modernisierung von Altbauten günstigere Kredite geben als für Neubauten, Bauunternehmen, die solide und vernünftige Sanierungen anbieten, statt immer neue Bauten hochzuziehen, unabhängige Beratungen für die vielfältigen Fördertöpfe. Was wir nicht brauchen, ist eine Baupolitik, die eine alte Einwegsiedlung hier durch eine neue Einwegsiedlung dort ersetzt.

Warum muss jede Familie ein neues Haus bauen auf Grundstücken, die Freifläche fressen, während in alten Siedlungen alte Häuser leer stehen? Dorsten hat Wohnraum für 80 000 Menschen. In zwei, drei Jahrzehnten werden vielleicht 60 000 hier wohnen.

Was Dorsten braucht, ist Wirtschaftsförderung mit der Lupe.

Vergesst den Großbetrieb mit 300 und mehr Arbeitsplätzen. Der kommt nicht. Macht’s den kleinen leicht. Kämpft um jeden Job. Ein Blick nach Raesfeld: Da hat mal ein Kleinbetrieb in einer Garage in einem Wohngebiet angefangen. Die Raesfelder haben geduldet, so lange es möglich war. Die Minifirma ist heute ein Vozeigeunternehmen. Jeder neue und jeder erhaltene Arbeitsplatz ist: Eine Familie. Eine belebte Wohnung oder ein Haus. Ein Steuern- und Gebührenzahler. Kinder für unsere Schulen. Umsatz in den Läden.

Was Dorsten braucht, ist Handelsförderung mit der Lupe.

Siedlungs- und Industriepolitik waren die Fehler. Eines aber hat Dorsten richtig gemacht: Der Schutz von Innenstadt und Nebenzentren. Handel gehört nicht auf die grüne Wiese. Grüne Wiese macht Städte kaputt, verödet erst den Markt für Handels-, dann für Wohnimmobilien. Dafür gibt’s ungezählte Beispiele. Dorsten konnte vieles – aber leider nicht alles verhindern. Lidl gehört nicht an den Poco-Markt und nicht ans Gemeindedreieck. Beide kamen nur nach langen Gerichtsverfahren. Immerhin dies: Die Stadt hat sich gewehrt.

Der Handel will trotzdem dahin, wo Autos leicht hinkommen. Dem muss die Lippestadt widerstehen. Die Innenstadt von Dorsten mag Dorstenern nicht viel gelten. Auswärtige schätzen sie. Weil es hier neben den wesentlichen Ketten (H&M, C&A, seit kurzem Thalia-Buchhandlung, demnächst Media Markt, bald hoffentlich ein neues und stadtverträgliches Center am Lippetor) immer noch viele unverwechselbare Läden gibt. Schätze, die geschützt werden müssen. Weil ein funktionierender Handel ein wichtiger weicher Faktor ist, eine Stadt attraktiv zu machen.

Was Dorsten braucht, ist Sozialpolitik mit der Lupe.

Kümmern um jede Familie. Vor allem um jedes Kind, um jeden Jugendlichen. Wir brauchen starke Kindergärten, starke Schulen. Für die Kleinen nah vor der Haustür. Für die Großen mit der bestmöglichen Förderung für jedes einzelne Kind. Wir brauchen mutige und moderne Konzepte, junge Leute in Arbeit zu bringen. Das gab’s in Dorsten mal. Bis der dafür angezapfte Fördertopf geschlossen wurde.

Was Dorsten braucht, ist Bürgerpolitik mit der Lupe.

Verwaltung und Rat dürfen Sorgen nicht wegwischen. Wenn es in Holsterhausen vom Biogaswerk stinkt, wenn bei der Nordwestbahn alle paar Tage Züge ausfallen – dann muss die Stadt sich auch darum kümmern. Dorsten braucht neue Ideen, wie das Leben in dieser Stadt bezahlbar bleibt. Wenn über Stadtwerke diskutiert wird, darf es nicht darum gehen, die Stadtkasse zu entlasten, Gewinne oder eine Konzessionsabgaben zu erzielen. Es muss vielmehr um günstige Energie für Dorstener gehen. Wenn über Gebühren diskutiert wird, muss Senkung das Ziel sein.Der Beobachter gewinnt im moment eher den Eindruck, dass die Stadt ihre Bürger vor allem und immer stärker als Schuldner in Visier nimmt.

Politik mit der Lupe also.

Kleinteilig und mühsam. Aber zukunftsfest.

Ludger Böhne

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Kommentare
10.04.2012
15:07
Politik mit der Lupe
von festus04 | #1

Lieber Ludger Böhne, für diesen Bericht möchte ich mich recht herzlich bedanken. Dieser Bericht spricht alles an, was in der Tat im argen liegt und was unbedingt verbessert werden muss. Dieser Bericht ist nicht nur für Dorsten zu verstehen, sondern alles das was sie angesprochen haben kann x-belibig auf jede andere Stadt übertragen werden. Mit diesem Bericht sollten sich einmal alle Revierstädte befassen um auf dem richtigen weg zu kommen. Ich denke schon das es wichtig wäre, dass dieser Bericht Überregional in der WAZ veröffentlicht werden sollte, um den Politikern auch zu zeigen, hier geht etwas, man muss nur wollen.
Mit freundlichem Gruß
aus Gladbeck
Jürgen Fehst

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