Das aktuelle Wetter Dorsten 17°C
Besuchsdienste im Seniorenheim

Momente der Aufmerksamkeit

24.07.2012 | 15:47 Uhr
Momente der Aufmerksamkeit
„Chef“ leckt eine Hundepaste aus der Rolle, die Erika Behrmann ihrem „Schatz“ hinhält. Die Seniorin ist vernarrt in den kleinen Malteser.

Lembeck. „Hallo, mein Schatz, da bis Du ja. Komm her zu mir“, Erika Behrmann wartet die Wirkung ihrer Worte gar nicht erst ab, sondern greift sich das kleine, weiße Fellknäuel und zieht es zu sich heran. Wenige Sekunden später verschwindet ihr Gesicht in den Locken des Vierbeiners. Die Senioren genießt den kurzen Moment inniger Zweisamkeit, bevor sich ihr tierisches Gegenüber aus der Umklammerung befreit. „Chef“ - alias Chess - ein 2,8 Kilogramm schwerer Malteser, ist eher an Leckerchen denn an Schmuseeinheiten interessiert.

Doch gerade die sind es, die die Senioren im Wohnheim St. Laurentius in Lembeck wöchentlich herbeisehen. Der Körperkontakt zu den Hunden, ihr warmes Fell zu streicheln, die nasse, kalte Hundeschnauze - oder einfach nur die Momente der Aufmerksamkeit sind es, die die älteren Menschen glücklich machen.

Der Körperkontakt macht die älteren Menschen glücklich

„Ich hatte früher selbst Hunde“, erzählt Erika Behrmann. Einen Schäferhund und zwei Malteser. Seitdem sie im Seniorenheim wohnt, sagt die 65-Jährige mit stockender Stimme, „fehlt mir da einfach was. Deshalb sind diese Besuchsdienste hier wunderbar.“

„Diese Besuchsdienste“, dahinter steht der Generationenhof „Graues Gold“ mit Iris Koczwara an der Spitze und einem Team von etwa 60 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die wöchentlich nicht nur ihre Runden in den Seniorenwohnheimen, sondern auch in einer Vielzahl von Kindergärten drehen.

Der vor rund drei Jahren gegründete Verein stützt seine Arbeit inzwischen auf drei Säulen. Zum einen ist momentan ein Generationenhof als Begegnungsstätte für Jung und Alt (gemeint sind Mensch wie Tier) im Aufbau. Iris Koczwara: „Das war immer mein Traum.“ Er scheint sich nun auf einem Grundstück in Maria Veen zu realisieren. Dort hat „Graues Gold“ ein Areal vom Verein für katholische Arbeiterkolonien in Westfalen zur Verfügung gestellt bekommen. Iris Koczwara: „Die Organisation kümmert sich um obdachlose Menschen, setzt dabei auch tiergestützte Pädagogik ein. Und hier haben wir den gemeinsamen Schnittpunkt.“ Zum Herbst soll das Katzenhaus fertiggestellt sein, auch das Hundehaus hat bereits gute Fortschritte gemacht.

Dem Nachwuchs den richtigen Umgang mit dem Hund vermitteln

Ein zweites Projekt ist die Kooperation mit dem Dorstener Tierheim. Dort wird „Graues Gold“ das Cafè bestreiten und in einem Schulungsraum Kurse für Kinder anbieten. Die „Graues Gold“-Vorsitzende: „Wir wollen vor allem dem Nachwuchs den richtigen Umgang mit dem Hund beibringen, um auf diesem Wege auch viel Tierleid zu vermeiden.“ Ein anderes wichtiges Thema ist die Präventivarbeit bei der Unfallverhütung.

Das zweite Standbein unter dem Titel „Fördertürmchen“ ist die Arbeit in Kindergärten und Tagesstätten. Auch dabei geht es um den Kontakt zwischen Kindern und Tieren. Jeweils zehn Besuchseinheiten stehen auf dem Programm, häufig kommen dabei verschiedene Tiere - vom Schwein übers Huhn bis hin zum Frettchen - zum Einsatz. Die zehnte Unterrichtsstunde endet dann in der Regel mit einem gemeinsamen Gassigang, bei dem die Kinder die Vierbeiner spazieren führen dürfen. Iris Koczwara: „Das alles leisten wir ehrenamtlich. Die Kindergärten beteiligen sich mit einer Spende, über die wir die Verwaltungskosten abdecken.“

Die Nachfrage: „Größer, als wir mit unseren Helfern bewältigen können“, sagt die Vereinsvorsitzende.

Gleiches gilt für den dritten Einsatzbereich: Die Besuche von Senioren und Demenzkranken in den Wohn- und Pflegeheimen. Neben St. Laurentius werden noch das Haus am Kamin, St. Anna, St. Elisabeth sowie das AWO-Haus in Barkenberg aufgesucht.

Mitunter geschehensogar kleine Wunder

„Einmal wöchentlich sind wir hier zu Gast“, schildert Iris Koczwara. „Und die Erfahrungen, die wir und auch die Pflegerinnen dabei gesammelt haben, sind mitunter überwältigend. Wir haben einen alten Herren, der nie spricht. Wir hatten schon gedacht, dass er das aus irgendwelchen gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr kann. Als wir dann mit einem der Hunde zu besuch kamen, hat er plötzlich geredet. Als seine Betreuerin das zum ersten Mal miterlebte, hatte sie Tränen in den Augen. Seitdem redet der Mann wenigstens einmal in der Woche. Mit dem Hund.“

Mitunter sind es auch kleinere, viel subtilere Dinge: Wenn der Hund die deformierte Hand einer Seniorin abschleckt. Mehrmals hintereinander, die Haut dadurch ganz weich wird - und die Frau für Stunden, manchmal auch einen oder zwei Tage, die Hand wieder bewegen kann. Oder bettlägerige Patienten die kurze Zeit des Fellkontaktes neben sich genießen - um eine ganze Woche davon zu zehren. Iris Koczwara: „Es sind wirklich mitunter kleine Wunder, die hier passieren. Und das ist - auch wenn es pathetisch klingt - unser Lohn.“

Susanne Menzel

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Das Ruhrgebiet geht baden
Bildgalerie
Aus der Luft
Weiberfastnacht 2016
Bildgalerie
Fotos
Plattensammler in Dorsten
Bildgalerie
Schallplatten
Weisse Bescheid - Was ist eine Mantaschale?
Video
Ruhrgebietssprache
article
6912826
Momente der Aufmerksamkeit
Momente der Aufmerksamkeit
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/dorsten/momente-der-aufmerksamkeit-id6912826.html
2012-07-24 15:47
--- Dorsten ---