Lino hat es geschafft
12.05.2011 | 18:56 Uhr 2011-05-12T18:56:00+0200
Dorsten/Oer-Erkenschwick. Lino Izeve verlor ihre Eltern im ruandischen Bürgerkrieg; bald beginnt ihre Ausbildung im Stimbergpark-Hotel
Lino Izeve hat gut lachen. Sie unterschrieb kürzlich im Stimbergpark-Hotel ihren Ausbildungsvertrag. Sie will Hotelfachfrau werden und hat, wie sie lächelnd sagt, ihren Wunschberuf gefunden. Dass sie überhaupt wieder lachen kann, grenzt bei ihrer Lebensgeschichte schon an ein kleines Wunder.
Die 18-Jährige kommt aus Ruanda. Sie hat die Wirren und die Brutalität des Bürgerkrieges in dem kleinen zentralafrikanischen Land am eigenen Leibe schmerzhaft erfahren müssen. Ihre Eltern wurden vor ihren Augen getötet. Zwei ihrer Geschwister wurden ebenfalls Opfer. Sie selbst litt an Unterernährung, überlebte zusammen mit ihrer älteren Schwester und deren Kindern, die fortan ihre Familie wurden.
2001 begann ihre Odyssee. Die Überlebenden ihrer Familie flohen nach Deutschland, kamen über Dortmund nach Dorsten. „Ich habe anfangs schreckliche Angst gehabt“, erinnert sich die 18-Jährige heute im akzentfreien Deutsch.
Noch hat Lino Izeve ihr Trauma nicht völlig überwunden. Aber sie kann wieder lachen und Pläne schmieden. Anfangs litt sie schwer unter dem Erlebten. 2004 kam die damals Elfjährige in psychologische Behandlung. Nach und nach lernte das Mädchen, wieder sie selbst zu werden. „Ich war unglaublich schüchtern“.
In der Gesamtschule Wulfen fand sie Unterstützung auf ihren Weg in die bundesdeutsche Normalität. Ein fremder Alltag, in den sie sich erst hinein finden musste. „Ich kannte bis dato nur Menschen, die aussahen wie ich.“
Lino Izeve hat es geschafft. Und auch selbst viel dafür getan. Zehn Jahre nach ihrer Flucht beendet sie im Juli die Schule mit dem Hauptschulabschluss der Klasse zehn. Zuvor lernte sie insbesondere Vertrauen zu Menschen und zum Leben zu finden.
Dass die 18-Jährige kurz vor dem Ziel ist, attestieren ihr ihre Lehrerin Christiane Jacobi und Helga Geissler von der Bundesagentur für Arbeit: „Lino ist eine richtig Gute.“ Wegen ihrer tragischen Vorgeschichte hatte sie es bei ihrer Ausbildungsplatzsuche nicht leicht. Potenzielle Arbeitgeber winkten wegen ihrer traumatischen Kindheit ab, hielten die junge Frau für nicht belastbar in der Berufswelt. Davon ließ sich Lino Izeve nicht beirren.
Eigentlich wollte sie Köchin werden: „Wie meine Mutter.“ Durch Praktika, die sie freiwillig neben der Schule absolvierte, wurde ihr aber klar: „Köchin, das ist nichts für mich. Ich habe gemerkt, dass ich etwas mit Menschen zu tun haben möchte.“
Über Ostern lernte Lino, die seit einem Jahr deutsche Staatsbürgerin ist, zwei Tage lang den Betrieb mit 146 Betten und 28 Angestellten im Stimbergpark-Hotel am Rande der Haard kennen und schätzen.Die Chemie stimmte. Am 1. September beginnt sie bei Anja Frughte (42) ihre Ausbildung im Wunschberuf Hotelfachfrau.
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