"Kampagne gegen Kinderarmut"
09.09.2008 | 18:07 Uhr 2008-09-09T18:07:16+0200Politik begrüßt erste Ideen im Kampf gegen materielle und ideelle Nöte von Kindern. Angesichts der Finanznöte plädiert die Evangelische Kirche dafür, viele Unterstützer für Projekte zu gewinnen
Dorsten. Große Not und kein Geld: In diesem Spagat sind Dorstens Städtväter und -mütter geübt. Auch der umfangreiche Bericht zur Kinderarmut (WAZ berichtete) soll Folgen haben. Erste Vorschläge begrüßt der Jugendhilfeausschuss einhellig. Vier Ideen möchten Politik und Verwaltung im Wesentlichen aufgreifen, um der Armut von Kindern zu begegnen:
Mahlzeiten in der Schule: Ein Landesprogramm, das bedürftigen Grundschülern (in Dorsten derzeit 300) das Mittagessen in der Ganztagsbetreuung mit städtischen Geldern und Zuwendungen von Sponsoren von 2,50 auf einen Euro verbilligt, läuft 2009 aus. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (60, CDU) hat im Land auf "Verfestigung und Ausweitung" des Programms plädiert; eine Antwort steht aus. Aufgefallen ist indes, dass es auch in Kindergärten und in weiterführenden Schulen Kinder gibt, deren Eltern Mahlzeiten der Ganztagsbetreuung nicht bezahlen können. Sie sollten ebenfalls in den Genuss einer solchen Förderung kommen.
Schulbedarf: Nach dem Vorbild der "Nürnberger Schultüte" sollen - finanziert aus dem Stadtsäckel oder durch Sponsoren - 40 Euro pro Jahr für bedürftige Schüler bereit gestellt werden, um Bücher oder Ausflüge zu bezahlen. Stephan Ricken (CDU): "An Lernmitteln darf es nicht scheitern. Es wäre zu wünschen, wenn das mit Sponsoren funktioniert." Die Stadt kalkuliert derzeit mit 750 berechtigten Kindern, macht 30 000 Euro pro Jahr.
Familienberatung: Trennung von Eltern ist ein wesentlicher Grund für die Armut von Kindern und allein erziehenden Müttern. Die bestehende Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle hat Ideen entwickelt, ihr Angebot auszuweiten. Partnerschaften sollen nach Möglichkeit gerettet, im Fall einer Trennung erzieherische und wirtschaftliche Folgeschäden verringert werden.
Sozialkaufhaus: Seit gut fünf Jahren versorgt der Dorstener Laden in Barkenberg Bedürftige mit Lebensnotwendigkeiten. Ehrenamtliche sammeln in Geschäften (fast) abgelaufene Lebensmittel ein, die für Centbeträge verkauft werden. Dazu gibt es eine Mittagsküche und einen Kinderladen. Ein ähnliches Angebot soll in der Innenstadt entstehen.
Dass alle Projekte nicht genug sein können, Kinderarmut zu begegnen, monierte Mechthilde Banach (Grüne): "Die Pläne kratzen an der Oberfläche. Insbesondere an der Bildung muss ab dem Kindergarten systematisch gearbeitet werden." Sozialdezernent Gerd Baumeister erwiderte, die Projekte seien nicht oberflächlich, räumte aber ein: "Das sind dicke Bretter, die wir da bohren."
Dass der Kampf gegen Kinderarmut von mehr Akteuren geführt werden muss, regte Monika Engfer (Verband Ev. Kirchen) an: "Mir fehlt so etwas wie eine Kampagne gegen Kinderarmut. Wir müssen Unterstützer gewinnen und die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen. Das Thema wird uns die nächsten Jahre beschäftigen und wir können es nicht alleine stemmen."
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