Geschichten erleben
18.11.2011 | 17:08 Uhr 2011-11-18T17:08:00+0100
Dorsten/Wulfen.Die 26 Kinder aus Klasse 1b der Grünen Schule lauschen gebannt. Allenfalls an den wippenden Füßen erkennt man die Zappelphilippe (gibt’s ja in jeder Klasse). Doch auch sie haben hoch aufmerksam auf Empfang geschaltet. Gerade liest Sabrina Reetz vor, wie der schleimige Tentakel einer Riesenkrake nach Käpt’n Sharky greift. „Ob der kleine Pirat und sein Freund da wohl wieder ‘rauskommen“, fragt sie lachend in die Runde und zeigt das Bild von dem miesen Meermonster in die Runde . . .
Sabrina Reetz und Marie Hesse, angehende Abiturientinnen der Gesamtschule, sind an diesem Freitag mit weiteren Stufenkameraden als Vorlesepaten zu Gast in der Grünen Grundschule in Barkenberg. Vermittelt vom „Netzwerk Dorsten liest vor“ schenken sie den Kindern eine Stunde Zeit und haben ein paar Buchstaben-Abenteuer zum Zuhören mitgebracht. So einfach ist das an diesem bundesweiten Tag des Vorlesens, der gestern in etlichen Schulen und Kindergärten begangen wurde, oft mit älteren Schülern als Vorlesern. So einfach und so wunderbar.
Seit neun Jahren gibt es das Netzwerk – mittlerweile mit gut 70 Paten, die einmal pro Woche in Schulen und Kindergärten vorlesen. Und seit drei Jahren lädt der Verein zum Tag des Vorlesens Oberstufenschüler ein, für einen Tag Pate zu sein. „Für die Großen ist das auch immer schön, die Kleinen mal als Zuhörer zu erleben“, lacht Johannes Kappenberg vom Netzwerk.
Inzwischen hat Marie Hesse die 1b übernommen. Und liest vor, wie sich die kleine Bibliotheksmaus Bertram aus den Krallen von Kater Kasimir befreit, indem sie ihm Geschichten vorliest. „Und seit dem Tag ist Kasimir ziemlich anstrengend geworden“, liest Marie Hesse. Denn Bertram muss dem Kater jetzt jeden Tag etwas vorlesen.
Die Erfahrung von Lehrern und Netzwerkern zeigt: Wie Kater Kasimir fahren auch Kinder (nicht ganz im Wortsinne) die Krallen ein, wenn sie Geschichten hören. Das funktioniert immer, an jedem Ort und sofort. Peter Klaus, Chef der Grünen Schule: „Selten ist es bei uns so leise, wie an den Vorlesetagen.“
Peter Klaus ist froh, dass es die Paten gibt. Denn es ist nicht mehr selbstverständlich, dass in Familien (vor)gelesen wird. Da gibt es andere Medien, Eltern haben weniger Zeit und Lesen wird als Mühe empfunden, nicht als Lust, weiß er. Und er sagt: „Kinder, die vorgelesen bekommen, sind fitter. Wie die sprechen und zuhören können. Auch die Fantasie ist reger.“
Ein Vorlesetag im Jahr wäre natürlich zu wenig. Seit neun Jahren organisiert Anni Kappenberg das Netzwerk Dorsten liest vor. Angefangen hat es in der Agatha-Schule. Nach dem Pisa-Schock über mangelhafte Lesekompetenz deutscher Kinder. „Viele erleben zu Hause keine Geschichten mehr“, sagt die Dorstenerin.
Mittlerweile zählt sie 70 Lesepaten zu ihren Mitstreitern, die das ändern wollen, die überall im Stadtgebiet aktiv sind. Zweimal im Jahr gibt’s Workshops für die Vorleser mit Tipps für den Alltag, Rhetorik-Schulungen, Kommunikationstraining und Austausch untereinander. Das ist lange nicht so anstrengend, wie es klingt. Im Gegenteil: „Das macht sogar viel Spaß“, sagt Anni Kappenberg.
Sie ist ständig auf der Suche nach neuen Paten. Aktuell fehlen Helfer vor allem in Wulfen und Barkenberg. Wer mitmachen will, darf wählen: Kindergarten oder Schule. Er sollte einmal pro Woche eine Stunde Zeit spendieren für die Kinder (plus jeweils Vorbereitung).
Das rentiert sich offenbar auch für die Vorleser. Anni Kappenberg: „Bei uns ist noch nie jemand ausgestiegen, weil er keinen Spaß mehr hatte.“
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