Federleicht und stahlhart
15.02.2012 | 15:43 Uhr 2012-02-15T15:43:00+0100
Wulfen.Die Werkstatt sieht aus wie ein zu groß geratener Bastelraum. Irgendwann in den 1970ern kreativ und mit viel Handwerk eingerichtet, im dauernden Tüftelbetrieb weiter entwickelt und von einem logischen Durcheinander geprägt, das nur Eingeweihte verstehen. Ein bisschen war’s auch so. Der Unterschied: Bei den Brüdern Rainer und Eckart Schütze im Wulfener Gewerbegebiet Köhl sind dabei um die zwanzig Patente entstanden, ein gutes Dutzend Arbeitsplätze und werden täglich Bauteile hergestellt, die bei Hightech-Vorhaben Probleme lösen, die sonst niemand in den Griff bekommt. Selbst im Weltall ist ein bisschen Wulfener Tüftelgeist zu finden.
Kohlefasern – angeliefert als Garn auf Rollen -- verarbeiten die Schützes seit rund 25 Jahren mit Kunstharz zu Carbonstäben. Steif wie stahl. Fester als Stahl. Nur viel leichter als Stahl. Sie wiegen 120 Gramm auf einen Meter Länge, tragen bis zu vier Tonnen Gewicht und halten wenn nicht alles, so doch ‘ne ganze Menge Krafteinwirkung aus. „Diese Stäbe haben das ewige Leben, sagen wir immer”, lacht Martin, der Sohn von Eckart Schütze und seit einiger Zeit als Geschäftsführer mit an Bord der mittelständischen Firma.
Allerdings nicht die Stäbe sind das Geschäft, sondern der Grips der Tüftler. Wir verkaufen nicht Stäbe, sondern Lösungen”, erklären Martin und Rainer Schütze, als die Politiker des Dorstener Wirtschaftsausschusses vor ein paar Tagen zu Besuch waren.
Das Unternehmen hat keine 200 Kunden (und die kommen alle nicht aus Dorsten), macht kaum Werbung, ist in Expertenkreisen aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda bestens bekannt. Immer da, wo im Maschinenbau oder bei technischen Projekten jeder Art Leichtigkeit und Festigkeit gefragt sind, da sind auch die Schützes gefragt. Sie haben Rippen konstruiert für den Bau von Zeppelinen, Gestänge für Autoprüfmaschinen, die aberwitzige Kräfte aushalten müssen (und das millionenfach), und Röhrchen, in denen Magnetmotoren für die Ausrichtung von japanischen Satelliten untergebracht sind. Eben Weltraumtechnik aus Wulfen.
Hersteller von Carbon-Stangen gibt’s einige, sagt Martin Schütze. „Aber mit unseren Verfahren gibt es nur uns”, fügt er selbstbewusst hinzu. Die Wulfener machen nicht Stäbchen, sondern Stäbe. Bis zu 30 Meter lang. Die Wanddicke variabel.
Und die Schützes können die klassische Tüftler-Story erzählen. Rainer ist Chemiker bei der Veba, sein Bruder Eckart Ingenieur bei der DLR, der Deutschen Gesellschaft für Luft und Raumfahrt, als sich beide vor 30 Jahren für die noch junge Technik mit Kohlefasern interessieren. „Das haben wir nicht studiert”, lacht Rainer Schütze. Aber im Keller angefangen, zu experimentieren.
Das Unternehmen macht heute eine Million Euro Umsatz. Hat die Fläche seiner Produktionshalle gerade durch einen Anbau verdoppelt. Und ergänzt die Produktpalette aktuell durch flächige CFK-Elemente, die im Maschinenbau Verwendung finden.
Eine Lösung finden die Knobler immer. Fast immer. Rainer Schütze: „Es gibt Kunden, die wollen ein Problem gelöst haben, das physikalischen Gesetzen widerspricht. Da haben dann auch wir ein Problem . . .”
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