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"Er konnte nicht mehr"

20.07.2008 | 16:15 Uhr

John Albert Roberts folgt den Spuren seiner jüdischen Familie. Ein Stolperstein erinnert an seinen Großvater Hermann Levinstein. Der australische Psychiater möchte, dass die Jugend aus der Geschichte lernt

John Albert Roberts schaute sich am Samstag den Stolperstein an, der an seinen Großvater Hermann Levinstein erinnert. Foto: WAZ, Verena Hülssiep

Dorsten. "Wissen, von wo man kommt": John Albert Roberts folgt den Spuren seiner Familie. Am Samstag besuchte der australische Arzt den Stolperstein vor dem ehemaligen Haus Perlstein an der Lippestraße. Seit Mai erinnert der Stein an Levinsteins.

Hermann Levinstein, Roberts Großvater, war in Reken ein angesehener Geschäftsmann, bis die Nazis seiner gutsituierten Familie ihr Vermögen raubten, ihr den Boden unter den Füßen wegzogen. Roberts Mutter Sophia Johanna floh jung verheiratet nach Australien. In Sydney lebt Roberts heute, der 64-Jährige arbeitet als Psychiater.

Ab und zu kommt er nach Deutschland, diesmal machte sein Besuch bei einem Fachkongress in München den Abstecher nach Dorsten einfach. Über Georg Meirick, der sich in Reken und Heiden um die Geschichte jüdischer Bürger und Familien kümmert, kam der Kontakt zustande.

Zur Steinverlegung konnte Roberts nicht anreisen, aber dass es jetzt so schnell möglich war, freute Elisabeth Schulte-Huxel sehr. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins des Jüdischen Museums. Das Haus (Roberts findet es "sehr, sehr gut") und das St. Ursula-Gymnasium schaute er sich ebenfalls an; seine Mutter ging auf diese Schule.

"Mein Vater suchte einen neutralen Namen", erklärt Roberts, der sonst Rosenthal hieße. Eine Fabrik für Arbeitshandschuhe gründete und leitete sein Vater, nachdem er 1938 mit seiner jungen Frau auf den fünften Kontinent emigrierte. Dass er damals floh, hat Roberts Großvater Siegmund Rosenthal sehr erzürnt: Er enterbte den Sohn.

Sein hervorragendes Deutsch hat Roberts den Rosenthals (sie stammten ursprünglich aus Witten) zu verdanken, die 1939 auswanderten. Viele Jahre wurde die Sprache des Heimatlandes in Australien gesprochen.

"Er konnte nicht mehr", sagt Roberts über Hermann Levinstein, der nach dem Selbstmord seiner Frau Berta 1936 allein in Dorsten lebte. Zunächst an der Kirchhellener Straße, dann im "Judenhaus", erklärte Schulte-Huxel. Eine eigene Flucht kam für ihn nicht mehr in Frage, ist sich der Enkel heute sicher. 1942 wurde der Großvater nach Riga deportiert, sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Umso wichtiger ist es für John Albert Roberts, nach Deutschland zu kommen. Er möchte, dass die Kinder aus der Geschichte lernen, seine fünf eigenen seien daran interessiert. Bei seinen fünf Enkeln (zwischen sechs Jahren und fünf Wochen) hofft er es.

"Ich habe keine Meinung dazu", sagt Roberts ehrlich auf die Frage, ob die Stolpersteine eine angemessene Form des Gedenkens sind oder nicht. "Jeder Gedenkstein ist wichtig genug." Dass Schüler die Steinverlegung im Mai mit einem Theaterstück gestalteten, freut ihn sehr.

Von Andreas Rentel

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