„Ein Raum der Kreativität”
27.04.2009 | 16:55 Uhr 2009-04-27T16:55:00+0200Als „Baumhaus” soll die alte Bücherei am Rathaus wieder ein Ort der Literatur werden. Autorin Cornelia Funke verspricht Bürgermeister Lambert Lütkenhorst Unterstützung für das Projekt.
Vor der Begegnung mit Cornelia Funke (50) hatte Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (60, CDU) schon etwas Bammel. Doch der Flug nach Los Angeles hat sich gelohnt: Funke – die Buchautorin ist Dorstens einziger Weltstar von Rang – empfing Lütkenhorst freundlich und persönlich, versprach „Unterstützung in jeder Form” für die Idee, die ehemalige Bücherei am Rathaus wieder zu einem Ort des Lesens und Erzählens zu machen.
Literatur zählt in einer Stadt zu den „freiwilligen Leistungen”. In einer Pleitestadt wie Dorsten sind das die schönen Dinge, für die kein Geld mehr da ist. Über das Geld wacht die „Kommunalaufsicht”. In einer Geschichte von Cornelia Funke wäre die „freiwillige Leistung” wahrscheinlich ein hübsches Mädchen, unbekümmert und voller Fantasie. Dorstens Stadtbücherei ist so eine „freiwillige Leistung”. Die Kommunalaufsicht wäre bei Funkte vermutlich ein buckliges Kerlchen mit gelben Augen, spitzen Zähnen, schuppig-grüner Haut, spitzen Ohren, schlechter Laune und schlechten Manieren und voller Heimtücke.
„Die Bücherei gerät zunehmend unter Druck. Der Erhalt wird schwierig. Aber ich werde bis zum Letzten darum kämpfen. Ich wüsste nicht, was sonst Grundversorgung in einer Stadt ist”, sagt Lütkenhorst. Zum Jahresanfang formulierte er die Idee, einen Förderverein für die Bücherei zu gründen, der mit Hilfe von Bürgern neue Bücher und Programme finanziert. Schon da hegte er die Hoffnung, Funke könnte Patin werden. Als Hildegunde Latsch, Patentante der Bestseller-Autorin, eine Funke-Werkbiographie vorstellte (übrigens: in Dorstens Stadtbücherei), stand darin auch die Geschichte vom „Baumhaus”. So nannte Cornelia Funke die alte Dorstener Bibliothek am Rathaus. Der Bau am Gemeindedreieck steht auf zierlichen Stelzen, schwebt leicht über dem Grund. Hier deckte sich die heute berühmte Autorin in Kindertagen mit Lesefutter ein. Lütkenhorst: „Das ist ein Raum der Kreativität, erhöht, er eröffnet andere Sichtweisen.” Diesen Raum will Lütkenhorst wieder im Sinne von Cornelia Funke zu einem „Baumhaus” machen, zu einem Leseraum, wieder belebt als Bestandteil der Stadtbücherei.
Spontan nannte Funke die Idee „spannend” und verabredete sich mit Lütkenhorst in Los Angeles. Beim Besuch des Bürgermeisters versprach sie Unterstützung: „Sie gibt dem Projekt ihren Namen und unterstützt es auch finanziell.”
Bis das „Baumhaus” wieder ein Ort der Literatur wird, ist der Weg allerdings noch weit. Für die jetzt dort untergebrachte Druckerei der Stadt muss ein neues Domizil gefunden werden. Die Stadt dürfte das Gebäude für den neuen Zweck nicht behalten, sondern müsste es an einen Investor verkaufen und das zu einem realistischen Preis (Stichwort „Kommunalaufsicht”). Lütkenhorst: „Es wird nicht zu verschenken sein. Wir reden über einen Betrag von mehr als 100 000 Euro.” Außerdem muss ein Konzept erarbeitet werden, das dem Anspruch gerecht wird. Ein Arbeitskreis soll gegründet werden, um bis zum Herbst „die Idee weiter zu spinnen”, so der Bürgermeister: „Es wird sicher noch ein halbes Jahr dauern, bis alle Fragen geklärt sind.”
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