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Archäologie

Die Geschichte der alten Pfosten

13.08.2010 | 16:56 Uhr
Die Geschichte der alten Pfosten
Der Dorstener Historiker René Franken ist Experte für Stadtbefestigungen.

Dorsten. Als bei Erdarbeiten am Vosskamp in den Tiefen der Baugrube alte Holzbalken ans Tageslicht kamen, ist René Franken sofort an den Fundort geeilt. „Ein interessanter Fund“, sagt der 38-jährige Sprecher des Vereins für Orts- und Heimatkunde.

„Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass es nach der Bombardierung der Altstadt im zweiten Weltkrieg solche Bodendenkmäler kaum noch gibt.“ Franken, viele kennen ihn aus der Kommunalpolitik und seiner Arbeit für den Landtagsabgeordneten Josef Hovenjürgen (CDU), ist von Hause aus Historiker. In Bonn studierte er mittelalterliche, neuere und Rheinische Landesgeschichte studiert, hat neben dem Polit-Job auch immer wieder wissenschaftlich gearbeitet. Eine ersten fachmännische Beurteilung des Fundes des Fundes fällt vorsichtig knapp aus: „Klar ist, es sind Balken und sie sind alt.“

Studentin Sandra Studniarz mit den Balken aus der Baugrube am Vosskamp.

Das Studium der historischen Quellen und Karten lassen vor einer genaueren Bestimmung mit wissenschaftlichen Methoden zwei Thesen zu: Entweder stammen die Balken aus dem 30-Jährigen Krieg (1618 - 1648). Möglich ist auch ein neueres Datum: der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763.

Als sicher darf gelten, dass sie Bestandteil der Brücke einer Bastion waren. „Vor der historischen Stadtmauer würden bis zu fünf Meter hohe Wälle aus Sand und Steinen aufgeschüttet. Zusätzlich wurde davor ein Wassergraben angelegt, der so tief war, dass er nicht untergraben werden konnte“, erklärt Franken. An mehreren Punkten des Walls wurden zudem Artillerie-Festungen ausgebaut, die Angreifer unter Beschuss nahmen.

Die zusätzlichen Befestigungen waren dem militärtechnischen Fortschritt geschuldet: Die mittelalterliche Stadtmauer allein hätten Artillerie-Beschuss kaum standgehalten. Sie war schon im 17. Jahrhundert ohnehin mehr sorgsam gepflegtes Statussymbol als wirksamer Schutz gegen Angriffe, erklärt der Historiker.

Datierung
Über Jahresringe

Ob die Pfosten, über denen später die Häuser des Vosskamp errichtet wurden, erst bei diesem zweiten Ausbau verwendet wurden, muss eine Datierung im Landesmuseum Münster klären. „Das geht über die Jahresringbreiten“, erklärt René Franken. Ein Schnitt durch den Pfosten ergibt unterschiedliche Breiten für jedes Jahr — aus deren Abfolge lässt sich das Alter durch einen Vergleich des Fundes mit einem Jahresring-Kataster genau bestimmen. Derzeit sind die Funde noch bei den Archäologen am Kreskenhof zwischengelagert.

Erstmals ausgebaut – so lassen es alte Karten erkennen – wurde die Bastion durch hessisch-protestantische Truppen, die von 1633 bis 1641 das Fürstbistum Münster besetzt hatten. „Dorsten hatte strategische Bedeutung als Lippequerung zwischen dem Fürstbistum Münster und dem Kölnischen Vest“, erklärt René Franken. Doch letztlich siegte die kaiserlich-katholische Seite – der Graf von Hatzfeld knackte 1641 die Festung Dorsten. „Man hat sie so lange beschossen, bis der Wall zusammenfiel“, sagt der Historiker.

Weil damals wie heute Aufbau und Pflege von Bauwerken Geld kostet, sei die danach obsolete äußere Bestigung von den Besatzern „nicht besonders gepflegt worden“, vermutet Franken. „Es gibt Hinweise, dass bestimmte Bereiche des Walles gezielt geschleift wurden. Erhalten blieben wohl nur drei Bastionen vor den Stadttoren.“ Aus dem Flächen versuchte die Stadt Kapital zu schlagen, indem sie die Freiflächen als Gärten für die Städter vermarktete – als Vorläufer der Schrebergärten gewissermaßen. Einen Hinweis darauf liefert die Bezeichnung „Wallgarten“ im Dorstener Urkataster aus dem 19. Jahrhundert.

Noch einmal türmten die Verteidiger Wälle auf und schippten Gräben, als im siebenjährigen Krieg Braunschweigische Truppen die Stadt gegen die anstürmenden Franzosen schützen wollten. Den Belegt liefert eine Karte aus dem Marburger Staatsarchiv. Vergebliche Mühe letztendlich, wie schon 120 Jahre zuvor: Wieder war der Beschuss der Angreifer erfolgreich, 1761 marschierten die Belagerer durchs Essener Tor.

Dass die Pfosten überhaupt so gut erhalten blieben, dafür sorgt das nahe Wasser des Schölzbachs, dass den Bau des Schutzgrabens überhaupt erst ermöglichte. Es verhinderte auch, dass die Balken früher ausgebuddelt wurden: Wohl aus Respekt vor dem nahen Grundwasser wurde unter dem nun abgerissenen Haus nur ein Kriechkeller angelegt.

Martin Ahlers

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