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Bahnhof Dorsten

"Das ist ein Stück Heimat"

10.02.2009 | 13:54 Uhr

Leider befindet sich der Bahnhof in jämmerlichem Zustand. Ein erstes Gespräch über Perspektiven hat keine Hoffnung geweckt, dass sich die Lage bessern könnte. CDU macht sich ein Bild vor Ort.

Nur wenn die Gleise zwischen Bahnhof und Busbahnhof verlegt werden, könnte der Bahnhof eine Rettungschance haben. Foto: WAZ, Hans Blossey

Ob ihm die beige Latexfarbe steht, darüber mögen die Bürger streiten. Aber sie tut ihm nicht gut. Sie ist dicht wie ein Plastikbeutel und hält Feuchtigkeit im Mauerwerk gefangen, die im Winter friert und Steine platzen lässt, seit der alte Herr nicht mehr beheizt wird. Bahnfan Johannes Götte konstatiert „Bergschäden, Frost, Pflegemangel. Und der Efeu ist auch nicht gut.” Das Oberstübchen gilt mittlerweile sogar als gefährlich, darf nicht mehr betreten werden. Die CDU Altstadt machte sich am Montag abend ein eigenes Bild vom jämmerlichen Zustand des 130 Jahre alten Bahnhofs. Bürgermeister Lambert Lütkenhorst (60) als Gast der Runde vor Ort konnte seinen Parteifreunden allerdings nur wenig Hoffnung machen, dass sich das Bahnblatt zum Guten wendet.

Erste Gespräche machen keine Hoffnung

Am Mittwoch letzter Woche habe es im Rathaus ein erstes Gespräch mit Vertretern von Ministerien und Bahngesellschaften gegeben, wie die Station zu retten sei, berichtete der Verwaltungschef. Die Tendenz des Gesprächs sei „verheerend: Niemand hält sich für zuständig. Zur Technik gibt es widersprüchliche Informationen. Das Ergebnis: Es interessiert keinen, was mit dem Bahnhof wird. Wir haben keine Hoffnung, dass irgendetwas forciert wird.” Miteinander gesprochen hat allerdings erst die Techniker-Ebene, noch nicht die Chefetage. In der Runde gab's sogar einen Bahnmann, der ausschließlich zuständig war für die Bahnsteig-Beleuchtung.

Die einzige Chance: Befreiung aus der Insellage

Die CDU Altstadt machte sich selbst ein Bild vom mittlerweile jämmerlichen Zustand des Bahnhofs. Foto: WAZ, Ralph Heeger

Die Situation lässt sich knapp beschreiben: Das historische Gebäude – als Denkmal geschützt – geht vor die Hunde. Rettung wäre nur in Sicht, wenn die stadtseitigen Gleise verlegt werden können, um den Bahnhof aus seiner Insellage zu befreien. Die Bahn selbst spricht im Augenblick von einer möglichen Verlegung der Gleise irgendwann nach 2015. Der Dorstener Investor Jürgen Tempelmann steht unverändert zu seinem Interesse, den Bahnhof zu übernehmen (WAZ berichtete). Lütkenhorst: „Aber er braucht eine Perspektive von fünf Jahren, dann packt er es an. Das muss man von der Bahn erwarten können.”

Das sahen die Politiker genauso. „Die Bahn trägt Verantwortung für dieses Gebäude”, sagt Werner Schroer. Der altgediente Politiker hat lebhafte Erinnerungen an die bewegte Geschichte des Bahnhofs: Als der Krieg zu Ende war, pendelten die Ruhrgebietler über Dorsten ins Münsterland, um Kartoffeln zu erbetteln. In der Lippestadt fielen die Hungerzüge auf, weil die Brücken zerstört waren. Zwischen Dorsten und Hervest mussten die Menschen laufen. Leere Züge gab es nicht. Dafür lange Schlangen an den Fahrkartenschaltern. Und als Sechsjähriger habe er gesehen, wie einer Frau durch das Zuschlagen einer eisernen Waggontür Finger abgetrennt wurden. „So ein Bild vergisst man nicht.” Viele werden ähnliche Geschichten erzählen können, schöne wie schaurige. Schroer: „Für alte Dorstener hat der Bahnhof einen besonderen Wert. Das ist ein Stück Heimat.”

Dauert die Hängepartie an, diese Möglichkeit hatte Lütkenhorst zum Jahreswechsel ins Spiel gebracht, könne am Ende der Abriss des alten Gemäuers stehen. „Aber das”, so der Bürgermeister, „kann natürlich nicht unser Ziel sein.”

Übrigens: Der Bahnhof wird in diesem Jahr 130 Jahre alt (geplant 1877, fertig gestellt 1879). Ein kleines Geburtstagsfest plant der Verein für Heimatkunde bereits. Hoffentlich nicht das letzte . . .

Idee der Linken: Ein Kultur- und Bürgerzentrum

Der Bahnhof sollte zu einem Kultur- und Bürgerzentrum ausgebaut werden, schlägt die Dorstener Linke in einem Bürgerantrag an den Rat vor. Das Gebäude sollte dafür in einer Beschäftigungs-Initiative „mit Arbeitskräften aus dem wachsenden Heer Dorstener Arbeitsloser” saniert und renoviert werden. Im Untergeschoss könne ein Cafe´ entstehen, dazu Räume für Vereine und Initiativen. Das Obergeschoss könnte eine Ausstellung zur Geschichte der Industrieregion Dorsten beherbergen. Bürgermeisterkandidatin Reinhild Reska: „Der Bahnhofsbereich sollte die Visitenkarte Dorstens sein. Diesem Anspruch wird er aber schon seit Jahren nicht mehr gerecht.” Zu prüfen sei, ob ein solches Projekt aus Geldern des Konjunkturpakets oder der NRW-Stiftung bezahlt werden kann. Konzepte zu Nutzung und Finanzierung sollten in einer moderierten Bürgerbeteiligung entwickelt werden. Grundsätzlich solle der Bahnhof im Besitz der Stadt bleiben.

Ludger Böhne


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