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„Das gibt einem viel mehr“

13.10.2011 | 17:17 Uhr
„Das gibt einem viel mehr“
S-Tec-Geschäftsführer Henning Schwiese. Foto: André Elschenbroich / WAZ FotoPool

Schermbeck. „Viele sagen, das kenne ich gar nicht“, sagt Henning Schwiese zur Bekanntheit seines Unternehmens ganz tief im Schermbecker Westen. Aber ärgern muss er sich darüber kaum. Denn seine S-Tec-Fahrräder rollen nahezu auf der ganzen Welt, Kunden aus China und Japan sind keine Exoten. Doch auf der Suche nach dem abgeschieden gelegenen Ladenlokal drehten Kunden schon so manche Runde.

In seinem Geburtshaus an der Beckmannsstege entstehen nämlich Zweiräder, die in der Szene einen exzellenten Ruf genießen. Beispiel: Henning und Ehefrau Susanne Schwiese gönnten sich einen Südsee-Urlaub. Ein Tourist blätterte am Strand in einem Radfachblatt, wobei dem Schermbecker eine eigene Anzeige auffiel. Der Mann, ein Franzose, darauf angesprochen, meinte nur kurz und bündig: „S-Tec – very good.“

Daran war vor 15 Jahren noch nicht zu denken, als der gelernte Kfz-Mechaniker in das Metier einstieg. Der begeisterte Radsportler kam durch einen Teile-Lieferanten auf die Idee, „das könnte man mal nebenbei machen“. Das war aber spätestens nach einem Jahr vorbei, denn das Geschäft wuchs und gedieh. Heute beschäftigt der 48-Jährige sechs Mitarbeiter, zum Mountainbike- kam vor sechs, sieben Jahren der Rennradbereich. Beide Sparten halten sich beim Umsatz die Waage.

Für den Dammer Turmverein kreierte Schwiese sogar ein Extra-Rad, das „Turm-Bike“. „Das ist eine Spezialanfertigung, sehr aufwendig.“ Neun Stück der auf zehn Exemplare limitierten Serie sind noch für rund 1100 Euro zu haben.

„Der Laie kann sich kaum vorstellen, was es in dem Bereich alles gibt“, sagt der Fachmann. Dabei geht’s bei den Rennrädern in erster Linie ums Gewicht. Die Faustregel: je leichter, desto teurer.

Dabei macht der Händler über die Jahre interessante Beobachtungen: Die Kunden, die 3000 bis 6000 € ausgeben möchten, wissen ganz genau, was sie wollen. „Da sind richtige Fachleute dabei, die mehrere Räder besitzen.“ Bei noch höheren Preisgruppen heiße es oft nur: „Ich muss so ein Rad haben.“ Der Schermbecker ergänzt: „Das ist dann Lifestile.“

Herbstfest
Zwei Tage im Zelt

Am Freitag und Samstag, 14. und 15. Oktober, gibt es von 9 bis 20 Uhr ein Herbstfest bei S-Tec. Im „Schnäppchenzelt“ sind günstige Teile aus der Montagewerkstatt, aber auch Kleidung zu bekommen; reichlich Gelegenheit für Fachgespräche besteht ohnehin. Und: Beim Frühlingsfest, 18. und 19. Mai, werden sich namhafte Hersteller auf dem Gelände präsentieren. Infos auf www.s-tec-sports.de

Aber Schwiese erlebt auch anderes: „Für manche Kunden ist das ein richtiges Erlebnis, wenn sie ihr Rad abholen.“ Dann wird teils sogar eine Flasche Sekt geköpft. Denn: „Manche sparen sich das neue Rad wirklich ab.“ Und: „Das gibt einem viel mehr.“ Die Wertschätzung der Käufer sei eine ganz andere.

Die S-Tec-Leute konzentrieren sich ausschließlich auf die Montage. In etwa einer Stunde kann ein Exemplar komplett sein, sonst liegen die Wartezeiten je nach Teileverfügbarkeit bei bis zu vier Wochen. Selbst zu fertigen fällt aus: Das übernehmen längst Experten aus Fernost. An Taiwan kommt vor allem im Karbonrahmen-Bereich niemand vorbei. Die Topfirmen, so Schwiese, sitzen zwar in Europa und den USA, aber dort werde nur noch geplant und konstruiert.

Die Zeiten fester Radfahrsaisons sind übrigens vorbei: „Manche fahren das ganze Jahr durch“, steigen in der kalten Jahreszeit vom Renn- aufs Bergrad um. Nur das Wetter muss mitspielen, der Sommer war nicht so toll, „aber wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen“. Und zwischen Weihnachten und Neujahr hat es bei S-Tec richtig gebrummt.

Bis zu 70 Prozent des Geschäfts macht Schwiese per Versand, aber auch im Laden ist immer einiges los. Beispiel: Eine Gruppe Skandinavier landete in Düsseldorf, reiste komplett per Bus an und nahm die Räder gleich mit. „Das wird zelebriert“, beschreibt der Inhaber solche Touren. Sogar ein treuer Käufer aus Israel schaut regelmäßig in Schermbeck vorbei, wenn er mal wieder in Deutschland weilt.

Schwiese muss heute nicht mal mehr auf Fachmessen fahren, um neueste Trends zu sichten. „Die Hersteller kommen zu mir“, beschreibt er die umgekehrte Richtung. Zumal: „Inkognito kann ich über keine Messe mehr gehen.“ Bei den federleichten Karbon-Laufrädern ist er der größte Anbieter in Deutschland.

Die durch die Finanzkrise ausgelöste Nervosität bekommt aber auch er zu spüren, manche Interessierte verschieben den Rad-Kauf lieber. Denn auch Schwieses Produkte verlieren an Wert, arg strapazierte Räder fürs Grobe noch mehr als exzellent gepflegte Renner. Generell: Deutsche Kunden schauen sehr auf den Preis, stellen per Internet Vergleiche an. Dennoch: Schwiese hat keinen Grund zu klagen. „Ein Ende kann man nie absehen.“

Andreas Rentel


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