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Leben nach dem Schlaganfall

Bewundernswert

30.12.2009 | 16:13 Uhr

Raesfeld. Mut machen, anderen Menschen helfen, niemals aufgeben: Das versprechen viele, aber es von Jürgen Manthey zu hören, das ist etwas ganz besonderes. Nach einem schweren Schlaganfall ist er komplett gelähmt, kann nur noch seinen Kopf bewegen.

Jürgen Manthey ist seit einem Schlaganfall im Oktober 2004 fast vollständig gelähmt. Foto: Andre Elschenbroich

Der Oktober 2004, er hat das Leben des damals 36-Jährigen komplett verändert. „Von 100 auf null”, erklärt seine Frau Martina. Sie hilft ihrem Mann quasi als Dolmetscherin, denn Jürgen Manthey spricht nur flüsternd, manchmal buchstabiert er seine Worte. Kaum zu glauben: Es geht ihm schon besser. Als „Locked in”-Patient, der Körper als Gefängnis des völlig wachen Verstands, so lag der Raesfelder über Wochen auf der Intensivstation.

Das Erinnern an die Zeit nach dem Schlaganfall schmerzt beide, aber sie muss erzählt werden, um Mantheys Ziele besser zu verstehen. „Ich kann helfen, weil manche die gleichen Probleme haben”.

Auf einem Treffen von Landrover-Fahrern in Bramsche, Mantheys Lieblins-Automarke, klagte er über Kopfschmerzen, die immer schlimmer wurden. „Es ging relativ schnell”, sagt seine Frau. Als er nicht mehr sprechen konnte, rief sie den Rettungsdienst. „Die Notärztin hat gleich eine Menge erkannt” und wies Manthey in ein größeres Krankenhaus in Osnabrück ein.

„Man kommt in dem Alter gar nicht auf die Idee”; Risiko-Faktoren für den Schlaganfall gab es nicht. Übergewicht hatte der 1,96 Meter-Mann nie, keine Zigarette angerührt. „Er hatte aber sehr viel Stress.” Der gelernte Fernmeldehandwerker büffelte für seine Prüfung als Steuerberater, als Steuerfachangestellter arbeitete er zuletzt im eigenen Büro, das ins Haus integriert ist.

Sein Lebenswille war sehr stark

„Sein Lebenswille war sehr stark”, er kämpfte ums Überleben. Drei Mal wurde sein Zustand sehr kritisch. Die zunächst halbseitige Lähmung verschimmerte sich durch einen weiteren Schlaganfall, nur die Augen konnte Manthey noch bewegen. Einmal die Lider schließen hieß Ja, zweimal Nein, anders konnte er sich nicht verständigen. Erst später ließen sich Worte und Sätze mühsam Buchstabe für Buchstabe per Tabelle aufreihen.

Nach zwei Monaten auf der Intensivstation folgten elf in der Reha in Bad Wildungen. Ein halbes Jahr nahm sich Martina Manthey eine berufliche Auszeit, um ihrem Mann beizustehen. „Es war eine sehr intensive Therapie”, versichern beide. „Wir haben gehofft, dass mehr wiederkommt”, auch wenn die Ärzte das mit zunehmender Zeit für unwahrscheinlich hielten. „Es ist ein ständiger Prozess, es gibt keinen Stillstand und kleine Erfolge.”

17 Jahre kennen sich die beiden, haben in der Reha geheiratet. „Der Schlaganfall kam dazwischen”; wenige Wochen zuvor machte Jürgen Manthey seiner Martina den Antrag. „Wir haben es trotzem gemacht”, sagt die 44-Jährige. Der Standesbeamte sei nach der Zeremonie ziemlich fertig gewesen, erinnert sie sich.

„Wir versuchen, ein aktives Leben zu führen”: Wie die beiden das meistern ist bewundernswert. „So manches war echter Kampf”, ist sich das Paar einig und meint die grotesken Hürden, die das Gesundheitssystem aufbaut. Als ob er etwas geahnt hätte: Nur wenige Woche vor dem Schlag versicherte sich Manthey privat – „ein großes Glück”, betont seine Frau. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die trotz aller gegenteiligen Beteuerungen in der Medizin herrscht, die hat das Paar hautnah erleben müssen. Aber resigniert, das haben Jürgen und Martina Manthey nie.

Die Rollstühle sind Hightech; den Lift, der ins Obergeschoss führt, baute eine Schweizer Firma speziell nach Maß. Die Technik erleichtert dem Paar, den Alltag besser zu bewältigen.

Sein Elektrorollstuhl ist Hightech, der Roboterarm, den er mit dem Kinn über eine ausgeklügelte Technik steuert, eine Spezialkonstruktion aus den Niederlanden. Gleiches gilt für den Lift aus der Schweiz im Treppenhaus, auch der Kleinbus wurde umgerüstet. Nur wenige Umbauten in ihrem Raesfelder Haus waren nötig. Mit seinem Vater Reiner hat Manthey einige kleine, aber pfiffige Hilfen ausgetüftelt, die das Alltagsleben sehr erleichtern.

Unverzichbar: Der Compuer, das Internet und E-Mails. Der Rechner öffnet ihm die ganze Welt, macht es möglich, sich auszutauschen.

Man mag es kaum schreiben: Aber Manthey hat trotz des furchtbaren Schicksalsschlags noch Glück. Mit seiner Frau, der Familie, den Freunden, die sich nicht abwandten. Obwohl: „Es ist manchmal sehr schmerzhaft.” Einige waren von der neuen Situation völlig überfordert, brachen Kontakte ab. Männer haben mit dem Zustand ihres Mannes viel größere Probleme als Frauen, stellt Martina Manthey immer wieder fest.

Wir haben uns nicht versteckt

„Wir haben uns nicht zuhause versteckt.” Ob Kappesmarkt oder Schützenfest, das Paar ist dabei. „Es gab eine riesige Anteilnahme aus dem Dorf”, loben beide die Raesfelder. Auch in den Urlaub fahren sie. Ferienwohnungen bedeuten oft die bessere Lösung, da behinderten- und rollstuhlgerechte Hotels zu finden jedesmal eine Herausforderung darstellt.

Als solche begreifen die beiden ihre Zukunft, ohne groß konkrete Pläne zu machen. „Wir müssen keine Angst vor der Zukunft haben”, sagt Martina Manthey für beide. Und eines habe sich nicht geändert: „Er sagt mir immer noch, wo es lang geht.” Jürgen Manthey hört es – und lacht.

Andreas Rentel

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2009-12-30 16:13
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