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Anders traurig Zur Person

23.11.2007 | 18:09 Uhr

Tanja Miller versank in einem tiefen Loch. Ihren Ausweg sah sie im Suizid. Sie wurde gerettet.Heute hat sie ihren Weg zurück ins Leben gefunden

DAS GROSSE WAZ-INTERVIEW: DEPRESSIONENDorsten. Sie macht den Eindruck einer Frau, die fest im Leben steht, die auf Probleme zugeht, sie anpackt und löst. Die genügend Selbstbewusstsein besitzt, um auch mal über sich selbst zu lachen.

Das ist das Bild von Tanja Miller heute. Doch es gab andere Zeiten. Dunkle, traurige Phasen, in denen die Krankheit sie im Griff hatte: Depression. Eine Krankheit, die oft tödlich verläuft. Auch die 36-jährige Dorstenerin stand vor einem Tor der Hoffnungslosigkeit. Und hat versucht, dieses Tor mit Hilfe einer Packung Schlaftabletten zu durchschreiten. Sie wurde gerettet. Begab sich in Behandlung. Und leitet heute - auf dem Weg der Genesung - die Selbsthilfegruppe "Lichtblick" für depressive Menschen und deren Angehörige. WAZ-Redakteurin Susanne Menzel sprach mit Tanja Miller über ihre Krankheit und den langen Weg wieder zurück ins Leben.

Depressiv zu sein, damit verbindet man allgemein Vorstellungen wie "Ich bin schlecht drauf" oder "Ich habe gerade ein emotionales Tief". Aber das ist mit richtiger Depression sicher nicht gemeint.

Miller: Nein. Die Depression als Krankheit ist anders, tiefer, ist geprägt von Aussichtlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die die Betroffenen in all ihren Lebensbereichen lähmt.

Wie machte sich das bei Ihnen bemerkbar?

Miller: Es fing bei mir mit Schlafproblemen an. Die hatte ich bereits länger. Dann fühlte ich mich immer lustloser. Und traurig. Aber nicht so normal traurig, sondern anders traurig. Ich dachte, ich selbst wäre schuld daran, dass ich ständig gegrübelt habe - und machte mir Vorwürfe. Ich wusste nicht, was mit mir los war. Ich bekam die leichtesten Aufgaben nicht mehr gebacken. Aufstehen oder Zähneputzen, das waren unüberwindbare Hürden.

Als Mutter von zwei Kindern kann man es sich nicht leisten, den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Man ist gefordert.

Miller: Ja, vor allem, wenn es kleine Kinder sind, die die Mutter sehr brauchen. Wenn man dann im Bett liegt, nicht aufstehen kann, nicht schlafen kann und nur grübelt, ist das eine furchtbare Situation. Das Schlimmste: Man will ja den Tagesablauf gestalten - kann aber nicht.

War es für Sie nicht möglich, sich bei einem Arzt Rat und Hilfe zu holen?

Miller: Ich habe oft darüber nachgedacht. Aber dann habe ich mir gesagt: Was soll ich dem Arzt sagen? Ich wusste ja selbst nicht, was mit mir los war. Wie hätte ich es ihm erklären sollen? Und zu welchem Arzt sollte ich gehen? All diese Fragen habe ich mir ständig gestellt. Das meine ich mit grübeln: Man überlegt diese Dinge hin und her, die Gedanken drehen sich ständig darum.

Und wie hat Ihre Familie reagiert?

Miller: Irgendwann hat mein Mann gesagt, ich sei nicht mehr die Frau, die ich mal war. Und er hat mich zu einem Neurologen gebracht.

Und der hat die Krankheit erkannt?

Miller: Der hat mich nach den Symptomen gefragt. Ich habe ihm erklärt, ich sei einfach verstummt. Wobei ich wusste: Es wird nicht besser und er kann mir auch nicht helfen. Er hat mir dann Antidrepessiva verschrieben.

Und was haben die bewirkt?

Miller: Was ich nicht wusste ist, dass die erst nach zwei bis drei Wochen wirken. Und ich hatte kurz nach dem Besuch beim Neurologen ein Depressionstief, war ganz unten. Gleichzeitig habe ich Schlaftabletten eingenommen.

Und da kam dann alles zusammen.

Miller: Ja. Im Herbst letzten Jahres, in dieser Tiefphase, wollte ich nur noch, dass das traurige Gefühl aufhört. Ich habe die ganze Packung Schlaftabletten auf einmal geschluckt.

Sie haben also einen Selbstmordversuch unternommen.

Miller: Ja. Mein Mann hat mich auf die Intensivstation einliefern lassen und sich sofort um einen Platz in der Psychiatrie in Herten gekümmert. Dort bin ich im direkten Anschluss an die Intensivbehandlung hingegangen.

Das hört sich an wie in einem Film, erinnert ein wenig an "Einer flog übers Kuckucksnest".

Miller: Nein, das hat damit nichts zu tun. Ich habe alles geschehen lassen, weil ich zu nichts anderem in der Lage war. Aber ich habe schnell erkannt: Die Psychiatrie in Herten war das Beste, was mir passieren konnte. Das Haus ist landschaftlich schön gelegen. Irgendwann - wenn man gesund ist - kann man das auch genießen.

Aber es war sicherlich nicht nur die landschaftlich schöne Lage, die Ihnen in Herten geholfen hat.

Miller: Nein. Die haben mich dort auch nicht gesund gemacht. Ich sag' immer, die haben die Blutung gestillt. Was dort passiert ist, war, ich konnte wieder schlafen. Und habe wieder angefangen, strukturiert zu denken. Das ständige Grübeln hat aufgehört. Und das Wichtigste: Ich habe gemerkt: Nicht nur ich bin bekloppt, es gibt noch viel mehr Bekloppte. Ich stehe gar nicht alleine da. Es gibt Menschen, denen es genauso geht. Und mit denen bin ich ins Gespräch gekommen. Mit einigen bin ich es noch heute.

Und diese Behandlung erfolgte ohne Medikamente?

Miller: Nein, ich bekam Antidepressiva, nehme sie immer noch. Etwa 18 Monate sollte die Behandlung mit den Tabletten dauern. Ich werde mich jetzt langsam da rausschleichen und gucken, was passiert.

Sind diese Medikamente nicht auch mit Vorsicht zu genießen?

Miller: Antidrepessiva sind nicht wesensverändernd, sie helfen nur, dass die Botenstoffe im Gehirn wieder richtig transportiert werden.

Wie ist Ihre Familie mit der Krankheit umgegangen?

Miller: Ohne deren Unterstützung hätte ich es nicht geschafft. Sie haben nur gesagt: Wir regeln den Alltag, sieh' Du zu, dass Du gesund wirst.

Und Ihr Bekannten- und Freundeskreis?

Miller: Ich gehe sehr offen mit meiner Krankheit um. Die Menschen in meinem Umfeld wussten, dass ich in der Psychiatrie war. Aber zunächst hat mich niemand darauf angesprochen. Es hat sich wohl keiner getraut. Wenn ich eine Rücken-OP gehabt hätte, hätte sicher jeder detailliert gefragt. Aber so - nein. Ich bin dann von mir aus in die Offensive gegangen. Dieser Weg war mir lieber, als es zu verstecken. Depressionen sind ja keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit.

Gab es bei Ihnen eigentlich einen bestimmten Auslöser für die Depression?

Miller: Ich hatte einen Verlust in der Familie vor drei Jahren, es gab aber nichts Konkretes. Es gibt offizielle Zahlen, dass über zehn Prozent der Bevölkerung einmal im Leben depressiv werden. 15 Prozent der Betroffenen verüben Suizid, 56 Prozent unternehmen einen Suizidversuch.

Ich vergleiche es immer damit, dass wir Betroffenen einfach einen kleineren Kochtopf haben. Da passt nicht soviel rein, der läuft schneller über. Man muss sehen, dass das Positive überwiegt. Eine Depression will dem Menschen auch etwas sagen. Und darum ist es ganz wichtig, genau hinzuhören. Irgendwas ist zuviel oder zuwenig - und da muss man die Balance finden. 80 Prozent der Betroffenen werden wieder gesund.

Aber das Leben ist ja nicht nur positiv, es gibt auch Negatives, mit dem man fertig werden muss.

Miller: Das ist ja auch okay. Negatives kann ich auch gut aushalten. Ich merke aber heute, dass es etwas anderes ist, wenn es mir wirklich schlecht geht.

Was ist in Ihrem Leben jetzt, durch die Krankheit, anders geworden?

Miller: Ich gucke heute, dass die positiven Dinge in meinem Leben überwiegen. Ich will ganz bewusst wieder Licht in mein Leben bringen. Daher auch der Name "Lichtblick" der Selbsthilfegruppe, die ich gegründet habe. Ich habe nach den Monaten des Rückzugs und der Abkapselung von der Außenwelt neue soziale Kontakte geknüpft. Ich organisiere Feste, bin mit dabei. Ich stehe wieder im Leben. Vielleicht bin ich nicht mehr die, die ich mal war. Aber das ist auch gut so.Tanja Miller, 36 Jahre, ist Mutter zweier Kinder (7 und 14 Jahre alt). Beruflich hat die gebürtige Dorstenerin Rechtsanwaltsgehilfin gelernt, nach der Geburt der zwei Kinder ist sie jetzt Hausfrau.

Nach ihrer depressiven Phase hat sich Tanja Miller der abstrakten Malerei gewidmet. Ihre erste Ausstellung hatte sie kürzlich im Gemeindehaus.

Fotos: WAZ, Ralpf Heeger

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Kommentare
24.11.2007
08:39
Anders traurig Zur Person
von Michael Kleinespel | #2

Ja richtig, Hochachtung. Depressionen galten lange als Tabu. Gut, dass man heute darüber spricht. Die beiden Sportler (Deisler und Hannawald), die sich zu Ihren Problemen bekannt haben, verdienen auch Hochachtung.

23.11.2007
19:18
Anders traurig Zur Person
von Waltraut Richter | #1

Hochachtung,sich so der Öffentlichkeit zu stellen.

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