Alles Gute, altes Haus
21.02.2012 | 18:02 Uhr 2012-02-21T18:02:00+0100
Dorsten.Jeder kennt es, für jeden ist es die Erkennungsmarke der Dorstener Altstadt: Das Haus Seidemann, Ecke Ostgraben und Kappusstiege. Ob es nun im 16. oder 17. Jahrhundert errichtet wurde: So genau weiß das niemand mehr. Das ist auch egal. Was sind schon 100 Jahre für ein so altes Haus? Nicht viel und erst recht nicht dann, wenn so ein Haus verkauft werden soll.
Haus Seidemann, das seit Jahrzehnten liebevoll von der Familie Schlautmann gepflegt und erhalten wird, soll einen neuen Eigentümer finden. Irgendwann wird es einem zu viel Arbeit, so einen stummen Zeitzeugen zu erhalten. Doch wer will so ein Denkmal, so eine Erkennungsmarke einer Stadt kaufen? Kein leichtes Unterfangen und die jetzigen Eigentümer haben sich an einen Makler gewandt, der dieses Haus ein Leben lang kennt und seine Metamorphosen über Jahrzehnte miterlebt hat.
„Herbert Wiethoff, übernehmen sie“, sagte die Familie Schlautmann irgendwann im letzten Jahr und beauftragte den seit Mitte der 1960er Jahre in Dorsten aktiven Immobilienkaufmann mit dieser Mission. „Wir Wiethoffs sind Dorstener Urgestein. Mein Vater kam um 1930 in die Stadt und arbeitete hier als Kreissyndikus. Er kannte Gott und die Welt und hat das Heimatbewusstsein bei mir schon recht intensiv geprägt. Auch wenn es mein tägliches Geschäft ist, Immobilien zu verkaufen: Das Haus Seidemann ist eine Sache, die Herzblut verlangt. Sonst wird das nichts“, sagt Herbert Wiethoff, der dieses Kleinod an den Mann oder die Frau bringen soll.
Er hat, wie branchenüblich, einen Verkaufsprospekt erstellt. Auf vielen Fotos ist zu erkennen, dass die Schlautmanns über die Jahrzehnte viel Zeit und Geld in das Häuschen gesteckt haben und die Gemütlichkeit, die Wärme, die von der denkmalgeschützten Fassade ausgestrahlt wird, auch im Inneren dieses stummen Zeitzeugen leben. 95 Quadratmeter Wohnfläche hat das Haus und es steht auf 105 Quadratmetern Kaufgrundstück. Warum hat das Haus all die Zeiten überlebt? Ein Grund liegt wohl darin, dass es eben nur zum Teil ein Fachwerkhaus ist. Der jetzige Anstrich suggeriert etwas anderes, aber historische Bilder belegen den Backsteinausbau.
Es hat die Zerstörung der Stadt im März 1945 wie durch ein Wunder fast unbeschädigt überstanden und auch die sanierungswütigen Abrissbirnen der 1960er Jahre haben das Schmuckkästchen nicht getroffen. Doch wer will so ein Haus kaufen? „Dafür einen Käufer zu finden, ist nicht die Nadel im Heuhaufen suchen, sondern eine Nadel im Nadelhaufen zu finden. Es ist möglich und wird auch klappen, aber es braucht Geduld“, sagt Wiethoff. Ein Künstler oder jemand anderes, der kreativ ist und der die Attraktivität dieses Hauses zu schätzen und vielleicht auch zu vermarkten weiß, dass wäre es nach Einschätzung des erfahrenen Verkäufers, der sogar schon einmal ein Schloss in Schleswig Holstein verkauft hat.
Der potenzielle Käufer wäre übrigens als Weinliebhaber mit einem stets kühlen Gewölbekeller gesegnet. „Ideale Verhältnisse“, so Wiethoff und er wäre nicht der Vollblutmakler, der er nun mal ist, wenn er diesen Pluspunkt des alten Hauses nicht zum Verkaufsargument formulieren würde: „Die 75 000 Euro Kaufpreis ist allein schon dieser Gewölbekeller wert. Das Leben ist viel zu kurz, um falsch temperierten Wein zu trinken“, schwärmt Wiethoff.
Na dann: Prosit auf das alte Haus und auf den neuen Besitzer oder besser Liebhaber, denn Häuser wie das Haus Seidemann muss man lieben.
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