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Zeitzeugin berichtet : Sieg über die seelische Folter

Dorsten, 30.11.2009, Ralph Wilms

Dorsten. Im Alten Rathaus und vor Schülern des Petrinums berichtete Edda Schönherz über die drei Jahre ihrer Stasi-Haft.

Die Stasi-Vergangenheit ist nie so weit weg, wie man tief im Westen vermuten würde. „In ihrem süßen Rathaus”, wie's Edda Schönherz nannte, traf sie zwei ehemalige Mithäftlinge des berüchtigten DDR-Frauengefängnisses Hoheneck. Sie hatten von dem Vortragsabend im Alten Rathaus gelesen.

Die 65-Jährige gründete einen „Hoheneck-Stammtisch” für unschuldig Inhaftierte wie sie selbst. Sie weiß, wie schwer es fällt, über die traumatische Zeit zu sprechen. „Ich konnte 20 Jahre nicht darüber reden”, sagte Edda Schönherz gestern vor Zehnt- und Zwölftklässlern des Petrinums.

Längst erzählt sie rhetorisch gewandt von ihrer eigenen dreijährigen Haft, 1974 bis '77, erzählt mit der Sprechkultur der langjährigen Fernseh-Journalistin. Wenn ihre wohlklingende Stimme aber jäh den schneidenden Verhörton eines Stasi-Offiziers nachahmt – dann ist auch die seelische Folter nachzuempfinden, der sie als damals 30-jährige Mutter zweier Kinder ausgesetzt wurde.

Ihr Bericht musste die 15- bis 18-Jährigen beeindrucken. Einem Schüler, der ganz ähnliche Verhörmethoden im Film über Sophie Scholl aus dem Widerstandskreis der „Weißen Rose” erkannte, stimmte Edda Schönherz nachdrücklich zu: Es gebe ein dickes „Braunbuch der DDR über die Genossen, die schon in der NS-Diktatur tätig waren”.

Allerdings hatte sich „drüben” der Terror in Psycho-Terror gewandelt. Methoden und zersetzende Wirkung beschrieb sie, einst für einige Jahre ein „Aushängeschild” des DDR-Fernsehens, anschaulich und detailliert. Ihr „staatsfeindliches” Vergehen: Edda Schönherz hatte sich bei westlichen Botschaften in Budapest nach Ausreisemöglichkeiten erkundigt. Dann standen eines nachts zwölf Stasi-Männer „und eine Frau” am Bett ihrer Wohnung: Sie möge mitkommen.

„Die Klärung eines Sachverhalts dauerte drei Jahre.” Solche herben Pointen machten die Empörung durch den Vortragston hörbar. Dem Stasi-System boten Ausreisewillige blühende Devisengeschäfte. Edda Schönherz rechnete vor: „Von 300 000 Häftlingen wurden mehr als 30 000 für über drei Milliarden an die Bundesrepublik verkauft.” Unterhändler Dr. Wolfgang Vogel habe ihr selbst erklärt, warum der Fall Edda Schönherz nicht so glatt abzuwickeln war: Man wollte sie nicht im Westfernsehen wiedersehen.

Genau das aber gelang der Journalistin nach zwei weiteren Jahren im ostdeutschen Wartestand: „Nach sechs Monaten im Westen war ich beim Bayerischen Fernsehen – und das 22 Jahre lang.” Weil sie auch von den meisten DDR-Bürgern gesehen wurde, nennt sie die eigene West-Karriere „meinen Sieg”.

Das während der Einzelhaft immer wieder anvisierte Ziel „Ich werd's Euch zeigen !” habe sie auch die Haft überstehen lassen. Die Schüler hatten danach gefragt – und nach ihren beiden Kindern. Von der damals zwölfjährigen Annette und dem elfjährigen René hatte die Mutter erst nach einem halben Jahr erfahren, dass sie bei den Großeltern lebten. „Zwangsadoptionen waren an der Tagesordnung.” Ihre TV-Prominenz habe die Familie wohl davor bewahrt.

„Nach drei Jahren musste erst wieder eine Annäherung stattfinden an meine Kinder”, sagte Edda Schönherz. Jahrelang schwiegen Tochter und Sohn über ihre Verlassenheit. Sie habe erst die erwachsene Annette überreden können, einem TV-Interview zuzustimmen: „Damit wirst Du Dich freireden.” Der gute Rat stimmt für die Mutter wie für die Tochter.

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