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Nachbarschaft

50 Jahre gemeinsames Tür-an-Tür

12.07.2012 | 17:30 Uhr
50 Jahre gemeinsames Tür-an-Tür
Streit am Gartenzaun: Oft wird dabei das Ordnungsamt eingeschaltet, landen die Kontrahenden vor Schiedsleuten oder sogar vor Gericht. Foto: ddp

Dorsten.   Nachbarschaftliche Beziehungen - das sind nicht selten fragile Gratwanderungen zwischen freundschaftlichen Kontakten und erbitterten Auseinandersetzungen. Das es auch geht zeigt die Nachbarschaftsgemeinschaft „Hohe Brücke“, die in diesem Jahr Jubiläum feiert.

Nachbarschaftliche Beziehungen - das sind nicht selten fragile Gratwanderungen zwischen freundschaftlichen Kontakten und erbitterten Auseinandersetzungen. Ist man sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht grün, werden Dissonanzen schnell mal über den Gartenzaun hinweg ausgetragen. Die Beispiele sind vielfältig. Da wird etwa die Frage, ob man Kirschen, die an Nachbars Baum wachsen aber an dem Ast hängen, der in das eigene Grundstück hereinragt, einfach so pflücken darf, so manches Mal zum lautstarken Streitfall. Neben diesem Klassiker gibt es viele andere Themen, die dafür herhalten können, wenn eine direkte Nachbarschaft sagen wir mal nicht unbedingt auf zwischenmenschlich fruchtbarem Boden gedeiht, wenn sich statt der gemeinsamen Grundstücksgrenze plötzlich tiefe soziale Gräben auftun.

Doch aus der freien Wahl des Wohnortes resultierenden Haustür-an-Haustür-Beziehungen können - und auch das nicht selten - wahre Freundschaften fürs Leben werden. Stimmt die Chemie, wird die anfangs künstlich erzeugte räumliche Nähe dann auch zur persönlichen erweitert, finden gemeinsame Grillabende statt, helfen sich Nachbarn bei Gartenarbeit und Kinderbetreuung oder drücken - wie jüngst wieder erlebt - den deutschen Fußballen beim Gartenzaun-übergreifenden Rudelgucken gemeinsam die Daumen.

Ein gelungenes Beispiel für eine funktionierende Nachbarschaftsgemeinschaft jährt sich in diesem Jahr schon zum 50. Mal. Diesen Geburtstag feiert nämlich der Zusammenschluss „Hohe Brücke“, benannt nach einer Wohnsiedlung auf der Feldmark.

Was sagen Sie zum Thema Nachbarschaft?

Welche Erfahrungen haben Sie mit nachbarschaftlichen Beziehungen gemacht? Ist das Verhältnis eher von Streit geprägt oder sind sogar Freundschaften entstanden? Treffen Sie sich mit ihren Nachbarn regelmäßig vor dem Schiedsmann oder eher zu Bier und Bratwurst beim gemeinsamen, grundstücksübergreifenden Grillabend.

Schildern Sie uns ihre Ärgernisse und/oder positive Erlebnisse zum Thema Nachbarschaft, gerne auch mit Bild, per E-Mail an: redaktion.dorsten@waz.de

Im Jahr 1962 trafen sich dort viele Nachbarn zur gemeinsamen Feier einer sogenannten „Grünen Hochzeit“ und fragten sich dabei, warum man eigentlich „nur“ bei solchen Anlässen gemeinsam feiern würde. Schnell wurde beschlossen, sich künftig einmal im Jahr zu treffen, um die nachbarschaftlichen Beziehungen zu pflegen und zu vertiefen. In einer Gründungsversammlung wurden Statuten und Regularien aufgestellt und so die Nachbarschaftsgemeinschaft „Hohe Brücke“ aus der Taufe gehoben.

Seither gibt es gemeinsame Fahrradtouren in die Umgebung, Reibekuchenessen, und Adventsfenster - viele Aktionen, die von den Mitgliedern zum Anlass genommen werden, um sich zu treffen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber auch die Hilfe bei Hochzeiten, Sterbefällen oder Krankheiten ist selbstverständlich. Mit fast 99 Jahren ist „Tante Guste“ das älteste Mitglied der Nachbarschaft, Hanna mit knapp vier Monaten das jüngste.

„Wir blicken mit großem Stolz auf diese 50 Jahre zurück, denn eine funktionierende Nachbarschaft ist heute kaum noch anzutreffen und scheint auch in unserer modernen und schnelllebigen Zeit keinen Platz mehr zu haben“ meint Elisabeth Dreck von der Vereinigung. Wie diese Nachbarschaft funktioniert, davon können sich Besucher alljährlich beim Festtag mit Gottesdienst, Kaffeetrinken und einem Beisammensein mit Musik und Tanz sowie geselliger Unterhaltung, gekühlten Getränken und Handschnittchen überzeugen.

„Brücken bauen, nicht nur aus Stahl und Beton, sondern von Mensch zu Mensch. Man sollte keine Brücken abbrechen, sondern helfend die Hand zum Überbrücken reichen“, so hieß es in einer Ansprache zum letzten Nachbarfest. Und so könnte auch das Motto der Feldmarker lauten, die dieses nunmehr seit fünf Jahrzehnten in die Tat umsetzen.

Ordnungsamt ist meist die erste Anlaufstelle

„Manchmal ist bei uns auch ein bisschen Sozialstation dabei, ist auch der Hobby-Psychologe gefragt“, erklärt Rolf Köllmann, Leiter des Ordnungsamtes. In seiner Behörde laufen täglich Beschwerden über Nachbarn auf. „Die meisten wegen Lärmbelästigung“, so Köllmann. In der Sommerzeit hätten solche Beschwerden Hochkonjunktur.

Seine Mitarbeiter haben für jeden Anrufer und jedes Anliegen immer ein offenes Ohr, versuchen meist beschwichtigend und kompromisssuchend auf die Anrufer einzugehen. Eine Erfolgsgarantie gebe es dabei aber nicht.

„Gibt es keine schnelle Lösung, leiten wir im Zweifel Ordnungswidrigkeitsverfahren ein, an deren Ende Geldbußen stehen können.“ Für viele Streitpunkte sei das Ordnungsamt aber nicht zuständig. „Diese Beschwerden gehen dann an die Schiedsbehörde oder direkt ans Gericht. Schließlich haben wir in Deutschland ein umfangreiches Nachbarschaftsrecht“, so der Amtsleiter.

60 Prozent aller Fälle führen zu einer Einigung

Rund 40 Schiedsverfahren jährlich gibt es stadtweit zum Thema Nachbarschaftsstreit. „Meist geht es dabei um Sträucher oder Bäume, die in den Garten des anderen hineinragen“, weiß Sigrid Gläser. Die Tendenz ist fallend. „Bis vor kurzem war die Polizei angewiesen, sofort eine Anzeige aufzunehmen. Das hat wohl viele abgeschreckt. Jetzt weisen die Beamten wieder auf die Schiedsverfahren hin.“

Sigrid Gläser ist seit elf Jahren Schiedsfrau für den Bezirks Wulfen/Barkenberg. Ihr Motto lautet: „Schlichten, nicht richten.“ Soll heißen: Ziel ist es, möglichst einen Kompromiss zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen.

„In 60 Prozent aller Fälle gelingt uns dass auch. Ich erinnere mich an zwei zerstrittene Nachbarn, die direkt nach der Einigung erstmal ein Bier trinken gegangen sind“, schmunzelt sie. Was mit den übrigen 40 Prozent passiert, erfährt sie nicht. Egal, ob die Streitigkeiten sich in Luft auflösen oder sogar vor Gericht landen.

Markus Fuhrmeister


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