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24 Lebensgeschichten, 24 Gründe für den Neuanfang

18.02.2010 | 18:30 Uhr
24 Lebensgeschichten, 24 Gründe für den Neuanfang

Dorsten.Fürs Jüdische Museum ist die kleine Ausstellung „ein großes Projekt”. In dem Ausstellungsprojekt „Angekommen?!“ werden 24 Lebensgeschichten jüdischer Einwanderer aus den GUS-Staaten erzählt - bislang einmalig in Deutschland.

Dr. Norbert Reichling verweist auf „zwei Jahre Vorlauf”. Der Museumsleiter nennt die Mühen der Recherchen, er nennt nicht die Mühen, bis die Finanzierung stand. Und er verweist auf den „historischen Vorgang” der jüdischen Einwanderung aus den GUS-Staaten, dem bisher noch keine Ausstellung in Deutschland nachgespürt hatte.

Die Ausstellung „Angekommen?!” beschreibt zwar allerjüngste Vergangenheit der letzten 20 Jahre – aber dennoch ein inzwischen abgeschlossenes Kapitel. 2005 lief die deutsch-russische Vereinbarung über die sogenannten „Kontingentflüchtlinge” aus; im vorigen Jahr schloss auch das Aufnahmelager Unna-Massen – und will nun als „Unna Massimo” kulturhauptstädtisch aufblühen.

Was es heißt, wieder bei Null anzufangen

Aus dem künftigen Kreativquartier stammt ein Regal voller Töpfe und Teller, davor ein deutsch-kyrillisch beschrifteter Tresen „Wäscheausgabe”. Die wie zufällig daneben abgestellte karierte Großraumtasche nennt Dr. Svetlana Jebrak „das typische Zeichen dieser Ankunft”. Die 35-jährige Historikerin führte die biografischen Interviews mit jenen 24 „Angekommenen” aus dem Ruhrgebiet, deren Lebenswege die Ausstellung in Texten und Bildern präsentiert. Dr. Reichling nennt das Ergebnis „Vertrauensbeweise”: Nach mehrstündigen Interviews stellten die Gesprächspartner auch private Bilder und Dokumente zur Verfügung.

Schließlich erzählt „Angekommen” überwiegend nicht von glanzvollen Karrieren – eher davon, „was es heißt, wieder bei Null anzufangen”, wie Svetlana Jebrak sagt, die selbst als 14-Jährige mit ihren Eltern aus Odessa nach Deutschland ausgewandert war. Die Historikerin sprach, überwiegend russisch, mit Menschen zwischen 19 und 86 Jahren – „aber die älteste Dame wirkt wie 16”. Unter den mehrheitlich Älteren – die noch Fotos mitgebracht hatten von den Erntehelfer-Kampagnen der alten Sowjetunion – fiel der berufliche Wiedereinstieg besonders schwer. „Aber sie haben ihre Familien mitgenommen.” Dr. Jebrak betont: Diese Zuwanderung sicherte erst das Weiterbestehen der Jüdischen Gemeinden in Deutschland.

„Die Menschen selbst kommen zu Wort”

In den letzten beiden Jahrzehnten wuchs die Zahl der Gläubigen in jüdischen Gemeinden von 20 000 auf rund 220 000. Eine Karte im Entree zur Ausstellung zeigt die langen Wege der 24 Porträtierten: aus Tallinn und Odessa, aus Litauen und Usbekistan. Zu den Exponaten zählt ebenso ein über Jahre aufgehobenes Aeroflot-Ticket wie längst wertlose sowjetische Geldscheine. „Sie deuten auf den Verfall des alten Systems”, sagt Dr. Jebrak. „Hier geht es um die Gründe der Auswanderung.”

Die Reise ins „Land der Täter” sei vor allem den Älteren nicht leicht gefallen. Doch Antisemitismus schwelte auch in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. 24 Lebens-Porträts benennen auch 24 Gründe, einen Neuanfang zu wagen. „Die Menschen selbst kommen zu Wort”, betont Svetlana Jebrak. „Auf Interpretation verzichten wir.”

Wörtliche Zitate auf den hohen Baumwoll-Bannern hat der Designer blau hervorgehoben. Stephan Pegels hatte für das Jüdische Museum vor drei Jahren bereits das Katalogbuch gestaltet. Es gibt viel Lesestoff zwischen den kleinformatig reproduzierten Fotos von Dirk Vogel – und aus privaten Alben. „Es ging uns darum, dass die Ausstellung möglichst mobil ist”, erklärt ihr Gestalter, „leicht aufzubauen, auch für Laien”.

Bochum, Düsseldorf und Dortmund sind als weitere Stationen für „Angekommen?!” bereits gebucht.

Ralph Wilms

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