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Castrop-Rauxel

Zukunft braucht Erinnerung

10.11.2008 | 19:56 Uhr

Über 300 meist junge Castrop-Rauxeler gedachten gestern in der Altstadt der Pogromnacht vor 70 Jahren.Zerstörungen der "Gesichter"-Plakate überschattete Schweigemarsch und Kundgebung

Überschattet von der Zerstörung der Plakatwände auf dem Lambertusplatz, gedachten gestern Abend über 300 Bürgerinnen und Bürger in der Alstadt der Pogromnacht 1938.

"Die Täter haben sich alle Mühe gegeben, die Poster bis auf die letzten Schnipsel abzureißen. Das war kein ,Dumme-Jungen-Streich'. Das war mutwillige Zerstörung! Durch wen, will ich öffentlich besser nicht sagen." Uli Müller kann seine Wut nur mühsam unterdrücken. Mit dem Team Jugendarbeit war er in der vorletzten Woche an allen weiterführenden Schulen unterwegs. Über 1000 Jungen und Mädchen postierten sich vor seiner Kamera und zeigten "Gesicht gegen rechte Gewalt". Am vergangenen Donnerstag wurden die Poster auf Stellwänden am Lambertusplatz aufgehängt. In der Nacht zum Samstag wurden die Plakate zerfetzt.

Von den Täter fehlt noch jede Spur. An Mutmaßungen mangelt es nicht. Unweit des Lambertusplatzes gibt es eine Kneipe, die - so heißt es - ein "rechter Treffpunkt" sein soll. Die hatte gestern zwar geschlossen. Um mögliche Auseinandersetzungen zu verhindern, wurden die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung dennoch gebeten, sich von der Gaststätte fern zu halten.

Die Strategie der Polizei erzielte die erhoffte Wirkung. Alles blieb ruhig und friedlich: am Jüdischen Friedhof an der Oberen Münsterstraße, wo sich um 17 Uhr eine Schweigemarsch in Bewegung setzte, am Lambertusplatz, wo die "Gesichter gegen rechts"-Plakate demonstrativ wieder aufgeklebt wurden, und auch am Simon-Cohen-Platz, wo u.a. die Songgruppe "Unerhört" und Bürgermeister Johannes Beisenherz (SPD) in bewegenden und aufrüttelnden Liedern und Worten an die von den Nazis als "Reichskristallnacht" vehöhnte Zerstörung von Synagogen und jüdischen Geschäften erinnerte: der Beginn des Völkermordes.

Bei aller Freude über die Rekordbeteiligung gab es kritische Töne. SPD-Mitglieder ärgerten sich über Fahnen der "Linken". Holke Molloisch: "Jeder soll und darf hier sein - aber bitte überparteilich!"

Von Jürgen Stahl

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